23 Jul 2022

Zur Oper

Zur Oper

Commedia überschrieb der große italienische Dichter Dante Alighieri vor mehr als 700 Jahren sein epochales Werk, in dem er eine düstere Reise von einem Höllenkreis zum nächsten durch das Fegefeuer ins transzendente Licht mit höchster Kunstfertigkeit beschrieb.

Die Göttliche Komödie – in diesem Jahr Ausgangspunkt für unsere programmatischen Überlegungen – ist eine tiefe Reflexion über die Conditio humana, ein ausuferndes Gedicht, das alles miteinschließt: das, was war, was ist und was sein wird.

Dieses universale Werk gleicht einem seelischen Laboratorium, in dem sich die verschiedensten Energien bündeln: die Verzweiflungsenergien der Seelen in der ewigen Verdammnis des Inferno; die Hoffnungsenergien der Büßenden im Purgatorio – und nicht zuletzt die Energien der Glückseligkeit im Paradies. Den Energien und Motiven aus Himmel, Hölle und Fegefeuer begegnen wir in allen
Werken des Festspielsommers 2022: Sie treten uns etwa im Realismus eines Puccini gegenüber, dessen Trittico ganz konkret auf Dante Bezug nimmt, oder in den Echokammern von Janáčeks Káťa Kabanová. Sie spiegeln sich in der symbolistischen Fabel wider, jenem Seelendrama, das Béla Bartók seiner Oper Herzog Blaubarts Burg zugrunde legt, oder im Mysterienspiel eines Carl Orff, dessen Oratorienoper De temporum fine comoedia schon im Titel auf Dantes Meisterwerk verweist und die Frage nach der Schöpfung und dem Ende von Zeit und Welt stellt. Wir treffen in Aida auf die Verzweiflung, auf die Hoffnung und auf die erlösende Verklärung. Es herrscht ein permanenter Kriegszustand in Verdis oft als Opernspektakel verkanntem Kammerspiel: Krieg zwischen Völkern, zwischen Mächtigen und Ohnmächtigen, zwischen Männern und Frauen – und nicht zuletzt zwischen den Wünschen und Pflichten des Einzelnen. Mit Aida gab die iranische Künstlerin Shirin Neshat bei den Salzburger Festspielen 2017 ihr Debüt als Opernregisseurin. Fünf Jahre später hat sie nun Gelegenheit, das Werk noch einmal zu untersuchen und mit Themen und Motiven ihrer eigenen Arbeit noch stärker in einen Dialog zu bringen. Zur Seite steht ihr am Pult der Wiener Philharmoniker Alain Altinoglu. Selbstredend treffen wir auch im Welttheater der Zauberflöte auf Dante – Mozarts Werk steht der Dimension der Göttlichen Komödie überhaupt am nächsten. Weit ausgespannt zwischen tiefster Dunkelheit und hellster Sonne, zwischen obsessiver Liebe und gewaltigem Hass, begeben sich die Protagonisten auf eine Reise durch die Stadien des Lebens, erfahren in Prüfungen ihre Läuterung und gewinnen sich schließlich das Licht. Auch die Zauberflöte aus dem Sommer 2018 überprüfen wir heuer noch einmal. Lydia Steier entwickelt unter der musikalischen Leitung von Joana Mallwitz ihre Inszenierung an einem anderen Ort weiter – und zwar auf der Bühne des Hauses für Mozart, für die sie ursprünglich auch geplant war.

Markus Hinterhäuser • Intendant

zuerst erschienen in der Festspielbeilage der Salzburger Nachrichten

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18. Januar 2022
Herzog Blaubarts Burg | De temporum fine comoedia | Salzburger Festspiele 2022