Man Ray, Barbette, 1926,
© Man Ray 2015 Trust / ADAGP — Bildrecht, Wien — 2019, Foto: Telimage, Paris

„O ew’ge Nacht!

Wann wirst du schwinden?“

Zauberoper, Singspiel, Maschinenkomödie, Frei­maurerritus mit ägyptischen Mysterien, heroisch­ komische Oper? Die Zauberflöte wird so viel ge­hört, so häufig aufgeführt, beredet, bezweifelt und befragt wie kaum ein anderes Werk der Opern­geschichte. Selten wurden die Rätselhaftigkeit und Vielgestalt eines Werkes derart mantrisch beschwo­ren. Und ebenso selten war ein Werk trotz dieser Diskussionen so unangefochten erfolgreich — und das seit mehr als 200 Jahren.
Singspiele in märchenhaftem Ambiente waren in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts an den Wiener Vorstadtbühnen en vogue. Auch Die Zauberflöte steht in dieser Tradition: der temperamentvolle Einstieg in die Handlung mit spektakulärer Verfol­gungsjagd von Prinz und Ungeheuer, eine Liebes­geschichte, an deren Anfang der Auftrag steht, eine entführte Prinzessin zu befreien, und in der Sarastro und die Königin der Nacht als Antagonisten um das Gute und Böse in der Welt zu ringen scheinen, „lus­tige Figuren“ wie Papageno, der wie ein Rousseausches Naturwesen durch alle Prüfungen einfach hin­durchstolpert und sich dabei nicht nur seinen Platz im Gefüge dieser Oper, sondern auch in den Her­zen der Zuschauer erobert. Und nicht zuletzt die Zauberflöte selbst, ein magisches Instrument als „Titelfigur“, das gemeinsam mit dem ebenso wun­dersamen Glockenspiel Schicksal spielt.
Der vielbegabte Künstler und geschäftstüchtige Impresario Emanuel Schikaneder schöpfte für die Ausgestaltung des Librettos aus den fantastischen Welten von Christoph Martin Wielands Märchen­sammlung Dschinnistan. Dabei wusste er sehr ge­nau um die kombinatorische Wirkung von Rührung, Komik und Spektakel; sein Theater auf der Wieden beeindruckte die Zuschauer mit aufwendigem Ver­wandlungs­ und Maschinenzauber. Gleichzeitig spiegelt sich in der Zauberflöte die Faszination des gebildeten Publikums des 18. Jahrhunderts
für antike Mysterien und deren Prüfungsrituale, in denen die Konfrontation mit dem Tod integraler Bestandteil war. Auch Mozart waren sie als Mitglied einer Freimaurerloge wohlbekannt.
Die Regisseurin Lydia Steier vertraut die Handlung einem Erzähler an und lässt einen Großvater die Zauberflöte als Gutenachtgeschichte seinen drei Enkeln vorlesen. Doch Vorlesen wie Zuhören be­deutet auch, seine eigene Geschichte und Erfah­rungswelt mit hineinzunehmen in das Erzählte — und umgekehrt. So bricht die pralle Fantastik der Zauberflöte in den streng geführten Haushalt einer großbürgerlichen Familie ein, in der Träumereien wenig Platz haben, und nimmt die drei Jungen mitten hinein ins Geschehen. Als die Drei Knaben stürzen sie in eine Märchen-­ und Traumwelt, in deren surrealen Vergrößerungen immer wieder auch der Alltag der Jungen auftaucht. Mit kindlichem Blick begleiten und leiten sie die Protagonisten durch deren Geschicke. Doch was Mozart und Schikaneder als Heldengeschichte um die Rettung einer Prinzes­ sin mit einem fast schon humoristischen Duo aus Prinz und Vogelfänger-­Hanswurst beginnen lassen, gestaltet sich zunehmend zu einer Reise ins Un­gewisse. Gerade das Überblenden von Märchenhaftem mit vermeintlich von der Vernunft Erhelltem lässt uns in der Schwebe. Die Zauberflöte erzählt auch von einem Wandel der Zeiten, wir durchleben in ihr Geschichten von Verlust, Liebe und Trennung, von der Bedrohung durch das scheinbar Fremde und gleichzeitig von dessen Faszination, von Angst und deren Überwindung.
Im Finale des ersten Aktes vollzieht Mozart eine rasante Erweiterung des Tonartenkosmos, als ob er den unschuldigen Blick auf die Märchenwelt mit ihrem klaren Gegensatz von Gut und Böse verunsichern wollte, indem er ihr eine zunehmend komplexer werdende Welt gegenüberstellt. Erzählen als Schlüssel des Weltverstehens — wo wird dies spürbarer als in der überwältigenden Vielgestaltigkeit und überbordenden Fantasie der Zauberflöte?

Ina Karr

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