Rebecca Horn, Die Kleine Witwe (The Little Widow), 1982 · Rabenfedern, Messing-Mechanismus, Motor · Le fonds régional d‘art contemporain des Pays de la Loire, © Bildrecht Wien, 2021

Mit Unterstützung der
Freunde der Salzburger Festspiele e.V. Bad Reichenhall

Zur Produktion

„Man sagt, dass solche Frauen wie ich getötet wurden.“

„Ich lebte frei wie ein Vogel“: Wehmütig vertraut Káťa Kabanová ihrer Schwägerin Varvara an, wie anders als jetzt ihr Leben früher war. Sie erzählt, wie die Messe in der Kirche himmlische Visionen in ihr auslöste und sie zu Tränen rührte, wie sie in Träumen meinte, hoch in den Himmel zu fliegen. Die leuchtende, sich ekstatisch steigernde Musik, in die Janáček Káťas Erinnerungen kleidet, offenbart nicht nur das reiche Innenleben der Figur, sondern auch einen ununterdrückbaren Drang nach Freiheit. Seit ihrer Heirat mit Tichon aber droht das Feuer in Káťa zu ersticken. Die Situation, in der sie lebt, ist klaustrophobisch. Zuhause herrscht ihre Schwiegermutter, die Kaufmannswitwe Kabanicha, mit despotischer Hand. Im Wissen um materielle Abhängigkeiten und im Namen von Tradition und Sitte wacht sie darüber, dass die Frau dem Gatten und die Jungen den Alten die nötige Unterwürfigkeit bezeigen. Tichon, zermürbt von der fortwährenden Nörgelei seiner Mutter, ist zu unselbstständig, um seiner Frau wirklich etwas zu geben, und sucht Zuflucht im Alkohol. Als er zu einer mehrtägigen Reise aufbricht, arrangiert Varvara, die von der gegenseitigen Anziehung zwischen Káťa und dem unverheirateten Boris weiß, ein erstes, nächtliches Treffen der beiden. Es ist wie ein Ventil. Hinter der verzweifelten Intensität, mit der sich Káťa Boris hingibt, brechen Bedürfnisse auf, die über die Sehnsucht nach erfüllter Liebe oder geteilter Leidenschaft weit hinausgehen. Zu leben scheint Káťa nun unmöglicher denn je.
Leoš Janáček formte das Libretto zu Káťa Kabanová aus einer tschechischen Übersetzung von Alexander Ostrowskis Schauspiel Das Gewitter (1859), das in einem kleinstädtischen, von wohlhabenden Kaufleuten beherrschten Milieu im Russland des mittleren 19. Jahrhunderts spielt. Viele der spezifischen sozio-historischen Details wurden von Janáček gestrichen — und damit auch ein Gutteil der konkreten Gesellschaftskritik, die Ostrowskis Stück prägt. Die Oper konzentriert sich auf die Protagonistin und die Menschen, die ihr Schicksal unmittelbar bestimmen. Und doch bleibt, über den Mikrokosmos der Familie hinaus, das gesellschaftliche Umfeld als entscheidender Faktor spürbar.
Wir befinden uns in einer Kleinstadt oder einem Dorf, wo ein tradiertes Wertesystem, wie es die Kabanicha vor sich herträgt, zur repressiven Konvention verkommen ist. Es herrscht eine Atmosphäre der Erstarrung und Kälte, die mit jeglichem Wunsch nach individueller Verwirklichung, nach einem ausgekosteten Leben kollidiert. Zugleich ist der Konflikt, in den Káťa durch ihre Beziehung mit Boris gerät, ein innerer — deswegen, weil sie die moralischen Maßstäbe ihrer Umwelt so sehr zu ihren eigenen gemacht hat, dass eine Gewissenskrise unvermeidlich ist. Vieles von dem, was sie motiviert, was sie bedrückt oder ersehnt, bringt Káťa nicht zur Sprache, ist ihr vielleicht auch gar nicht bewusst (das macht die Figur so lebensnah), Heuchelei aber ist ihr fremd. Anders als Varvara und ihr Liebhaber Kudrjáš kann sie sich nicht sorglos über verinnerlichte moralische Normen hinwegsetzen. So schlägt bereits im ersten Akt die Erinnerung an ihre Flugträume plötzlich um in panische Angst vor der „Sünde“, in die sie das Verlangen nach jenem anderen Mann zu stürzen droht. Im dritten Akt, als ein Gewitter tobt — draußen ebenso wie in Káťas Innerem —, treiben ihre Schuldgefühle sie dazu, den unentdeckten Ehebruch zu gestehen. Káťa ist gefangen in einer Gesellschaft, in der sie nicht existieren kann: Der seelischen Vergewaltigung wird sie schließlich den Tod vorziehen.
Janáček widmete sich Káťa mit der Anteilnahme und dem feinen Sensorium, die er weitab von Klischees für alle seine großen Frauenfiguren aufbrachte. 1921 in Brno uraufgeführt, steht Káťa Kabanová am Beginn seiner letzten, ungemein fruchtbaren Schaffensdekade. Als Musikdramatiker hatte Janáček nun ganz zu seiner unverwechselbaren Sprache gefunden — einer Sprache, die Charaktere und Situationen, Psychologie und Atmosphäre in konzentriertester Form vermittelt und die in ihrer nackten Direktheit und Kraft durch das Ohr unmittelbar unter die Haut geht.

Christian Arseni

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23. Dezember 2021
Káťa Kabanová | Salzburger Festspiele 2022

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