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Salzburger Festspiele 2022
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Verehrtes Festspielpublikum!

„Die Kunst ist eine Sprache, die Verborgenes aufdeckt, Verschlossenes aufreißt, Innerstes fühlbar macht, die mahnt — erregt — erschüttert — beglückt.“ Das war der Kernsatz jener Rede, auf den Nikolaus Harnoncourt 1995 zum 75-Jahr-Jubiläum der Salzburger Festspiele sein Publikum einschwor. Und mit dem er mich, die neue Festspielpräsidentin, sofort entflammte.

Die Kunst als Sprache, die alles kann, wenn sie nur will und wenn man sie lässt.
„Die Kunst als Lebensmittel“ (O-Ton Max Reinhardt) und nicht ausschließlich als Dekoration des Lebens.
„Die Festspiele als eine Angelegenheit der europäischen Kultur, von eminenter politischer, wirtschaftlicher und sozialer Bedeutung“, wie Hugo von Hofmannsthal die Aufgabe Salzburgs besonders eindringlich formulierte.
Dass ich mehr als ein Vierteljahrhundert der hundertjährigen Geschichte am Gesamtkunstwerk Festspiele mitgestalten durfte, erfüllt mich mit einem unendlichen Glücksgefühl, dem ich in diesem Adieu Ausdruck verleihen möchte.

All die Prädikate, die uns von Wissenschaft, Feuilleton und Ihnen, dem herrlichen Publikum, verliehen wurden, sind Auftrag und Verantwortung zugleich.
· Festspiele als Kompass in unsicheren Zeiten.
· Festspiele als Leuchtfeuer auf der Suche nach der eigenen Identität, nach dem Sinn des Lebens.
· Und immer wieder Festspiele als europäisches Gedächtnis.

Am stimmigsten aber scheint mir die vom Kulturphilosophen Bazon Brock gewählte Definition: Festspiele als Begeisterungsgemeinschaft. Umfasst sie doch jene drei Kraftquellen, durch deren Zusammenwirken das Wunder Festspiele erst möglich wird:
· Uns, die Festspielmacher und -macherinnen; an der Spitze unser Intendant Markus Hinterhäuser, dem es alljährlich gelingt, Salzburg zu einem Epizentrum des Besonderen zu machen.
· Vor allem aber die Künstlerinnen und Künstler, die im besten Falle Ereignisse schaffen, die weit in den Alltag nachklingen, und nicht bloß Events.

In unserem Memorandum zum 100-Jahr-Jubiläum heißt es dazu: „Die Salzburger Festspiele verstehen sich als internationales Festspiel: international in ihrer Programmatik, durch die mitwirkenden Künstlerinnen und Künstler und ihre Besucherinnen und Besucher aus aller Welt.“
· Welche Kraft uns von Ihnen, dem Publikum, entgegenströmt, hat niemand schöner beschrieben als Max Reinhardt: „Nicht nur auf der Bühne, sondern auch im Zuschauerraum müssen die Besten sein, wenn das vollkommene Wunder entstehen soll, dessen das Theater an glücklichen Abenden fähig ist.“

Sie, verehrte Besucherinnen und Besucher, haben ganz entscheidend dazu beigetragen, dass die Schatten der Pandemie in den so schwierigen vergangenen zwei Jahren nicht auf die Festspiele fielen. Dass wir wie 1920 und 1945 auch 2020 Leuchtturmprojekt sein konnten.
Zum Abschied als Festspielpräsidentin bitte ich Sie weiter um Ihr Interesse an der Kunst, um Ihre Neugier, ja geradezu um Ihre Leidenschaft. Ich glaube fest daran, dass die Kunst in unserer ziemlich aus den Fugen geratenen Welt Orientierung bieten kann.

Wir wollen mit unserem Programm 2022 in Oper, Theater und Konzert die richtigen Fragen stellen. Wir wollen Mut zum Tiefer- und Weiterdenken machen. Wir wollen die Fantasie für neue Lösungen wecken. Und ich darf im Publikum — an Ihrer Seite — Mitglied der Begeisterungsgemeinschaft sein.

Danke!
Helga Rabl-Stadler
Präsidentin der Salzburger Festspiele

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Editorial Cecilia Bartoli

SEVILLA

Kommen Sie zu Pfingsten 2022 mit mir nach Sevilla! Nun ja, nicht wirklich nach Andalusien, sondern nach Salzburg, wo wir das wunderbare Sevilla unserer Fantasie erschaffen, mit seinem überwältigenden, strahlenden Licht, seiner glühenden Hitze, seinem berauschenden Orangenblütenduft, seinem einzigartigen Gemisch von stolzen alten Kulturen — und natürlich mit der unglaublich vielseitigen Musik, die diese Stadt hervorgebracht und inspiriert hat.

Während meiner Teenagerjahre in Rom ging ein Mädchen aus meiner Schulklasse zu Tanzstunden, und eines Tages ermunterte mich mein Vater, sie zu begleiten und zu schauen, was dort gemacht wird. Als ich hineinkam, verschlug es mir auf der Stelle die Sprache: So etwas hatte ich noch nie gesehen. Dieses Studio barg Dinge, die nirgendwo in meiner Welt existiert hatten. Flamenco, was für eine Entdeckung! Damals konnte man dem Flamenco noch nicht in den Medien begegnen — man musste tatsächlich hingehen und daran teilhaben. Eine unwiderstehliche Kraft zog mich an, bis ich mich schließlich für eine Zeit lang einer semiprofessionellen Gruppe anschloss. Abgelegt habe ich dieses Faible aber bis heute nicht. Wenn ich nach Sevilla komme, begebe ich mich in irgendein unscheinbares Tablao in der Hoffnung, vom echten Flamenco — seiner Musik und seinem Tanz — aufs Neue mitgerissen zu werden. Und als eine große Bewunderin von María Pagés besuche ich ihre Aufführungen, wann immer es mir möglich ist. Ich bin deshalb besonders glücklich, dass sie nun mit einer ihrer energiegeladenen Produktionen bei unseren Festspielen zu Gast ist.

Es mag Zufall gewesen sein oder auch nicht, aber mein professionelles Debüt als Opernsängerin gab ich als Rosina in Il barbiere di Siviglia! Da hatte ich ihn wieder, jenen magischen Ort, der mein Temperament entfesselte und mich in der Kunstwelt vorwärtstrieb. Rossini selbst verdankte sein Ansehen zu einem nicht geringen Teil einem Mann aus Sevilla: Manuel del Pópulo Vicente García, dem großen Tenor, der 1775 in dieser Stadt geboren wurde und seine ganze Laufbahn hindurch in vielen Rossini-Opern brillieren sollte. Es waren Manuel García sowie später seine Töchter Maria Malibran und Pauline Viardot, die dem Barbiere di Siviglia nach dem Fiasko der Uraufführung zu dem ungeheuren Ruhm verhalfen, den er bis heute genießt. Dieses herrliche Werk bildete den Grundstein meiner internationalen Karriere, und es freut mich, zum vielleicht letzten Mal, zu ihm zurückzukehren — zusammen mit einigen meiner absoluten Lieblingskollegen, mit Gianluca Capuano als Dirigenten und Rolando Villazón als Regisseur.

Die Garcías feierten in Il barbiere di Siviglia nicht zuletzt auch deswegen riesige Erfolge, weil sie spanische Lieder im volkstümlichen Stil einfügten, beispielsweise den von Manuel García selbst komponierten „Caballo“ Yo que soy contrabandista. Die García-Familie brachte südspanische Kultur und lokales Temperament in Theater und Privatsalons von Sankt Petersburg bis New York. Mit ihrer typisch andalusischen, auf und jenseits der Bühne entfalteten Mischung aus unverfälschter, purer Emotion, unnahbarer Eleganz und schwindelerregender Virtuosität müssen sie die anwesende High Society ebenso sehr geschockt wie begeistert haben. Empfindsamen Künstlern von Bellini bis George Sand, von Berlioz bis Turgenjew stand wohl der Mund so offen wie mir, als ich damals zum ersten Mal jenes Flamenco-Studio in Rom betrat.

Das im 19. und frühen 20. Jahrhundert ganz Europa erfassende Spanien-Fieber in Literatur, Kunst und Musik wurde nachhaltig vom Enthusiasmus für die García-Familie beeinflusst, und mittlerweile ist allgemein bekannt, dass sich Bizet für die charakteristischsten Melodien seiner Carmen von Liedern Manuel Garcías inspirieren ließ. Aus den angeblich 153 existierenden Opern, die in Sevilla spielen, werden wir im Rahmen eines glanzvollen Galakonzerts zum Abschluss der Pfingstfestspiele 2022 Auszüge präsentieren.

1781 wurde der damals sechs Jahre alte Manuel García Chorknabe an der berühmten Kathedrale von Sevilla, Santa María de la Sede, wo er eine gründliche musikalische Ausbildung erhielt. Die Stadt konnte zu diesem Zeitpunkt bereits auf eine jahrhundertealte Tradition eindrucksvoller Kirchenmusik zurückblicken. Gemeinsam werden wir dieses wunderbare, in Mitteleuropa aber noch viel zu wenig bekannte Erbe erkunden. Dank Komponisten wie Francisco Guerrero und Cristóbal de Morales erlebte die Sakralmusik im Sevilla der Renaissance im 16. Jahrhundert eine große Blüte. Jordi Savall und seine Ensembles werden auf dieser Reise unsere erfahrenen Führer sein: Zwar stammen sie aus Katalonien, doch sind sie wahrscheinlich die weltweit bedeutendsten Experten im Bereich der Alten Musik aus Spanien, dem Mittelmeerraum und dem Nahen Osten — ideale Partner also, um uns mit diesem Aspekt der vielfältigen Musiktradition Sevillas vertraut zu machen.

Der Reichtum der Stadt Sevilla gründete über Jahrhunderte auf ihrer Monopolstellung im Handel mit den Kolonien, insbesondere im Import von Edelmetallen, die mit der Silberflotte nach Spanien gelangten. Tonnen von solchen Schätzen wurden im Torre del Oro, heute eines der bekanntesten touristischen Wahrzeichen Sevillas, gelagert: Der „Goldturm“ wurde von der Dynastie der Almohaden zur Verteidigung des Hafens erbaut, bevor die Stadt im Zuge der Reconquista von der spanischen Armee zurückerobert wurde. Über die lange und komplexe Beziehung zwischen Sevilla und den amerikanischen Kolonien gäbe es viele traurige Geschichten zu erzählen. Doch so ungleich die Verbindung zwischen den unterschiedlichen Gesellschaften auch sein mag, sie beginnen einander zu beeinflussen und ihre eigene Kultur schließlich durch die jeweils andere zu bereichern. Wir werden Ohrenzeugen dieses Prozesses in einem der für Christina Pluhar so typischen genreübergreifenden Konzerte. Das Programm mit Liedern und Tänzen von beiden Seiten des Atlantiks macht hörbar, wie Elend und Bitterkeit, die über ein Volk gebracht wurden, oft in tief empfundener Musik sublimiert werden — und der Blick zurück öffnet unsere Herzen dem Mitgefühl und der Liebe.

Manuel de Falla, der berühmteste Komponist der iberischen Halbinsel, wurde im andalusischen Cádiz geboren und studierte bei Felip Pedrell. Der katalanische Komponist und Musikologe Pedrell hat Anfang des 20. Jahrhunderts in römischen Archiven große Mengen von Alter Musik aus Spanien ausgegraben und gilt als Vater des spanischen Nationalstils. Alle seine Schüler, zu denen außer de Falla auch so bekannte Namen wie Isaac Albéniz und Enrique Granados zählen, schrieben bemerkenswerte klassische Werke, die von Melodien und Rhythmen lokaler Volksmusik durchdrungen sind. Javier Perianes, einer der herausragendsten spanischen Pianisten, entführt uns in die Musikwelt seines Heimatlandes zu Beginn des 20. Jahrhunderts.

Neben anderen Werken wird er de Fallas höchst selten aufgeführte Fantasía Bética — eine Hommage an die Gegend um Cádiz — sowie jene Sätze aus Albéniz’ bekannter Suite Iberia, die Granada und Sevilla gewidmet sind, zu Gehör bringen.

Es ist verblüffend, wie diese scheinbar grundverschiedenen Elemente sich zu einem klaren Bild fügen, so wie die farbigen Splitter, die sich in ein wundersames Muster verwandeln, sobald man ein Kaleidoskop dreht. Wie María Pagés sagt: Es gibt nur eine einzige Stadt auf der Welt, welche die poetische Kraft besitzt, die der künstlerischen Kreativität eigene Räumlichkeit des Mythos und Zeitlichkeit des Traumes der Wirklichkeit einzuprägen — Sevilla.

Cecilia Bartoli

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