Ouverture spirituelle · Miserere

21 Apr. 2026
Kollegienkirche
© Werner Kmetitsch

Am Anfang steht ein Hauch aus dem Munde der Frau. Holzbläser und Streicher verwandeln ihn sanft in einen Ton, der sich auffächert. Ein zärtlich-ängstliches Locken und Rufen entspinnt sich zwischen ihr („Lei“) und ihm („Lui“), eingefasst in betörend schöne, geheimnisvolle Klänge. Sie dünnen wieder aus – und bald, wie aus dem Nichts, erhebt sich, traumverloren, das Solo eines Cembalos: So beginnt Pascal Dusapin seine Oper Passion. „Ich schreibe Musik, weil ich sie sonst vergesse“, sagt Pascal Dusapin mit einem gewissen Augenzwinkern – und kleidet das, was die Menschheit nicht vergessen kann, weil es von schmerzlichen Geheimnissen umgeben ist, dennoch in heutige Klänge. Klänge freilich, die sich an die ganze Musikgeschichte erinnern: nicht naiv oder nostalgisch, sondern aus ehrfürchtiger Distanz und zugleich mit kreativem Selbstbewusstsein.

Nicht wenige Festspielbesucher·innen werden den 1955 in Nancy geborenen französischen Komponisten zumindest von der „Zeit mit Dusapin“ im Sommer 2019 kennen: Damals schon betörte er in seinen Werken mit einer überaus sensibel erzielten, stimmungsvollen Balance zwischen formaler Strenge und reicher Fantasie. Passion ist eine 2008 uraufgeführte, archetypische Liebes- und Leidensgeschichte, die den Mythos von Orpheus und Eurydike neu deutet. Im Sommer 2026 ist das von Claudio Monteverdi inspirierte Stück konzertant in der Kollegienkirche zu erleben: mit Sarah Aristidou und Georg Nigl, der Schola Heidelberg und dem Ensemble Modern unter Franck Ollu (23. Juli).

Dusapins Passion reiht sich als einer von zahlreichen zu erwartenden Höhepunkten in eine Ouverture spirituelle zum Thema „Miserere“ ein, die wie gewohnt Epochen und Stile ebenso miteinander verbindet wie hervorragende Ausführende – darunter Jordi Savall, jüngst mit dem Ernst von Siemens Musikpreis für sein Lebenswerk ausgezeichnet, Teodor Currentzis und Utopia, Lionel Meunier mit Vox Luminis sowie Cantando Admont unter Cordula Bürgi.

Mit dem Miserere, diesem Flehen um Erbarmen, angestimmt vom glorreichen und dennoch sündigen König David, beginnt der 51. Psalm – diese grundlegende Bitte um Vergebung unserer Schuld hat sich in die katholische Liturgie eingeschrieben: im Stundengebet, im Totenoffizium und ganz besonders intensiv am Schluss der Tenebrae, der Finstermetten am Gründonnerstag, Karfreitag und Karsamstag. Als Erbarmensruf auch in Gloria und Agnus Dei des lateinischen Ordinariums präsent, etwa in Bachs h-Moll-Messe, ist es ein Stoßgebet, das in den äußerlich wie innerlich dunkelsten Stunden gen Himmel gesendet wird.

Doch nicht nur ganz persönliche Vergehen sind Thema in diesen „Miserere“-Klängen und -Nachklängen, sondern auch die kollektive Schuld der Menschheit angesichts einer von ihr geschundenen, ausgebeuteten, missbrauchten Schöpfung. „Die Welt hat sich verändert: Die Natur ist nicht mehr so idyllisch und intakt, wie sie zu Beethovens Zeiten war. Was wir der Natur angetan haben, ist irreversibel“, ist die einzigartige Geigerin Patricia Kopatchinskaja überzeugt. Zusammen mit der Camerata Salzburg und mithilfe von Video und szenischen Elementen rückt sie in einem in jeder Hinsicht außergewöhnlichen Konzertprojekt mit dem Titel Les Adieux die Zerstörung der Umwelt durch uns alle in den Mittelpunkt (19. Juli).

Alles beginnt mit Ludwig van Beethovens Pastorale, seiner Feier der regenerativen Kraft des Landlebens – doch statt des pantheistischen Finales erklingt der Trauermarsch aus der Eroica. Auf das Thema von Robert Schumanns Geistervariationen und den langsamen Satz aus seinem Violinkonzert sowie die Passacaglia aus Dmitri Schostakowitschs Erstem Violinkonzert folgen Auszüge aus Luigi Nonos Ricorda cosa ti hanno fatto in Auschwitz und eine Improvisation auf dem Karnyx, einer Bronzetrompete aus der Eisenzeit. – Leben wir längst wie einst die Bewohner von Pompeji, taumeln wir ahnungslos unserem sicheren Untergang entgegen? Bleibt uns bei diesen existenziellen Schrecken und apokalyptischen Visionen nur mehr das Miserere?

Walter Weidringer
Zuerst erschienen in der Festspielbeilage der Salzburger Nachrichten