23 Jul 2022

Zum Schauspiel

Zum Schauspiel

Als „Spiel vom Sterben des reichen Mannes“ hat Hugo von Hofmannsthal seinen Jedermann bezeichnet – und damit auf die ewig gültigen Fragen verwiesen und zugleich auf Dantes epochales Werk, das im Zentrum der Festspieldramaturgie 2022 steht.

Das gesamte großartige Ensemble der gefeierten Jedermann-Neuinszenierung von Michael Sturminger mit Lars Eidinger in der Titelrolle und Verena Altenberger als Buhlschaft wird im kommenden Festspielsommer wieder auf dem Domplatz stehen. Leicht und schwer zugleich, zupackend modern und mit Reminiszenzen an seine Entstehungszeit, spielerisch direkt und präzise in der Sprache Hofmannsthals erleben wir den Jedermann 2022.
Im Max Schlereth Saal der Universität Mozarteum steht ebenfalls ein hochkarätiges Schauspielensemble auf der Bühne. Ursina Lardi, unsere Everywoman der Uraufführung von Milo Rau 2020, Anna Grisebach, Devid Striesow, der zum ersten Mal bei den Salzburger Festspielen zu Gast ist, Sebastian Blomberg und André Jung, den wir zuletzt in Jossi Wielers Inszenierung von Das Bergwerk zu Falun gesehen haben, begegnen uns in der Uraufführung Verrückt nach Trost des Regisseurs Thorsten Lensing. Wir begleiten mit ihnen das Geschwisterpaar Charlotte und Felix, nach dem frühen Tod der Eltern auf sich selbst gestellt, durch ihre Lebensjahrzehnte, auf ihrer Suche nach Trost, Zusammenhalt und Liebe. Mit sieben wunderbaren Kolleg*innen aus den genannten beiden Ensembles tauchen wir in einer Marathonlesung der Göttlichen Komödie tief in Dante Alighieris große Dichtung ein, die weit über sich und ihre mittelalterliche Welt hinausweist. Durch die Hölle ins Fegefeuer und von da ins Paradies! In dreimal 33 Gesängen und einem Prolog wird uns Weltliteratur, die unzählige Spuren in allen Kunstbereichen hinterlassen hat, nahegebracht.
Zwei wunderbare Schauspielerinnen, die viele Filme zum Ereignis werden ließen, Martina Gedeck und Claudia Michelsen, lesen aus Briefen und Texten der beiden Literatur-Titanen des 20. Jahrhunderts und zwei ihrer Familienmitglieder – beides Literatinnen: Thomas und Erika Mann sowie Stefan und Friderike Zweig. In aufrichtiger Wertschätzung! ist einer der wenigen Briefe unterzeichnet, die Stefan Zweig und Thomas Mann ausgetauscht haben. Ob ihr Verhältnis der Grußformel entsprochen hat, werden wir genauer untersuchen. Mit Madame Bovary betritt eine legendäre literarische Figur die Salzburger Bühne. Gustave Flauberts Jahrhundertroman bewegt nach wie vor, beschreibt er doch den äußerst ambivalenten Weg einer früh Emanzipierten, die Opfer und Täterin zugleich war. Margarita Broich gestaltet diese komplexe wie faszinierende Frauenfigur. An jener Schwelle, wo sich das Recht ausprägt, „das Objekt seiner Liebe nach eigenem Willen auszuwählen“ (Elisabeth Bronfen), sind auch andere Werke des Festspielsommers 2022 angesiedelt, nicht zuletzt Schnitzlers Reigen, der – wie Iphigenia – in einer zeitgenössischen Überschreibung realisiert wird. Marieluise Fleißers Ingolstadt konfrontiert uns mit der repressiven Nachkriegsgesellschaft, der vornehmlich junge Frauen ausgeliefert sind – und gibt ihnen eine starke Stimme.

Bettina Hering • Leitung Schauspiel

zuerst erschienen in der Festspielbeilage der Salzburger Nachrichten

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Iphigenia | Salzburger Festspiele 2022