Rebecca Horn, Geburt der Umarmung, 2006 · Ei, Löffel, Zahnradkonstruktion · Privatbesitz, Foto: Heinz Hefele, © Bildrecht Wien, 2021
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„Zu Haus und in dem Kriege herrscht der Mann,

Und in der Fremde weiß er sich zu helfen.

Ihn freuet der Besitz, ihn krönt der Sieg, Ein ehrenvoller Tod ist ihm bereitet. Wie eng gebunden ist des Weibes Glück!“

Wer ist Iphigenie heute? – Eine im Mythos verwurzelte Figur, die uns in vielen Vexierbildern aus verschiedensten Jahrhunderten entgegenkommt. Kann sie sich emanzipieren vom Blick ihrer Autoren? Bei Euripides, im 5. Jahrhundert vor Christus, ist Iphigenie das perfekte Opfer. Böse getäuscht von ihrem Vater Agamemnon wird sie nicht mit Achill verheiratet, sondern willigt in ihre eigene Opferung ein – damit der große Krieg gegen Troja beginnen kann. In letzter Minute durch die Göttin Artemis von der Schlachtbank gerettet, muss sie lange Jahre fern der Heimat im Land der Taurer als Priesterin dienen.
Von dort schickt Johann Wolfgang von Goethe sie 1779 – als Frau – in den Kampf um Humanität. Seine Iphigenie auf Tauris will den ewigen Kreislauf der Gewalt unterbrechen. Zwar gelingt es ihr, den barbarischen Brauch des Fremdenopfers abzuschaffen, doch kaum weist sie den Herrscher Thoas zurück, wird erneut von ihr verlangt zu töten. Dass sie sich und ihren Bruder Orest retten kann, verdankt sie bei Goethe nicht nur der Überzeugungskraft des deutschen Idealismus, sondern auch den Gefühlen, die sie bei Thoas weckt. Und wohl auch dem Umstand, dass sie es versteht, den verliebten Herrscher umzustimmen statt ihn mit einer List zu hintergehen, wie Euripides das noch für sie vorgesehen hatte.
Bei Richard Wagner – in seiner Bearbeitung von Christoph Willibald Glucks Oper Iphigénie en Aulide aus dem Jahr 1847 – bleibt Iphigenie ganz und gar Projektionsfläche: Eine Frau rettet den Vater – und das ganze griechische Volk, indem sie sich selbst opfert.

„Kommt mal klar mit euren Narrativen“, forderte Johanna von Orléans in Ewelina Marciniaks Inszenierung bei den Schillertagen 2021. Frauenfiguren haben in der Literatur schließlich lange genug nur geliebt und gelitten. Mit der Aufspaltung ihrer Iphigenia in ein junges und ein sich erinnerndes älteres Selbst und der Verortung der Geschichte in einem modernen Familienkosmos versucht Marciniak eine weitere Standortbestimmung in der Gegenwart. Als Tochter, Schwester und Priesterin hat Iphigenia viele Verpflichtungen, ist vielen fremden Erwartungen ausgesetzt. Aber was will sie selbst? Wofür opfert sich eine Frau in unserer Zeit, eingespannt zwischen Beruf und Familie? Und Klytämnestra, ihre Mutter? In der antiken Welt ist die Geschichte der Herrscherin klar – ihr Mord an Iphigenies Vater rächt die Opferung der Tochter. Aber hat sie nicht doch eine Vorstellung davon, wie sie sich und ihre Tochter schützen kann, ohne dass ein Opfer das andere nach sich zieht?
Präzise und konsequent legt die polnische Regisseurin in ihren Arbeiten das Potenzial tradierter Stoffe frei, um es lustvoll und spielerisch in aktuelle Diskurse einzuspeisen. 2015 machte sich Marciniak einen Namen als engagierte Theatermacherin, als es ihr im nationalkonservativen Polen gelang, eine indirekte Zensur ihrer Jelinek-Inszenierung zu verhindern. Im Schulterschluss mit Künstler*innen ihres Heimatlandes wehrt sie sich auch weiterhin konsequent gegen die Umgestaltung der polnischen Kulturlandschaft. Seit mehreren Jahren inszeniert Marciniak auch im deutschsprachigen Theater. Zuletzt setzte sie sich in der Inszenierung Die Jakobsbücher der Nobelpreisträgerin Olga Tokarczuk am Thalia Theater provokant mit einem rechten, von oben verordneten Geschichts- und Politikverständnis auseinander.
Als wichtige innovative Kraft des europäischen Gegenwartstheaters wurden ihre bildstarken, sinnlichen Inszenierungen bereits mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet. 2020 bekam Marciniak für ihre Adaption Der Boxer nach dem Roman von Szczepan Twardoch den FAUST Theaterpreis in der Kategorie Regie. Für die Koproduktion Iphigenia mit den Salzburger Festspielen arbeitet sie zum dritten Mal mit dem Ensemble des Thalia Theater zusammen.

Susanne Meister

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22. Dezember 2021
Iphigenia | Salzburger Festspiele 2022

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