Faust I

Johann Wolfgang von Goethe

© Florian Hetz

In der Figur von Goethes Faust tritt uns der Archetyp des modernen, nach Wissen, Erfahrung und Erfüllung strebenden Menschen entgegen, den Ulrich Rasche in seiner Neuinszenierung auf der Perner-Insel als Manifestationen widerstreitender Kräfte zeichnen will.

Seit dem 16. Jahrhundert gehört die Geschichte des Doktor Faust, der seine Seele dem Teufel verschreibt, zum festen Bestand der europäischen Kultur. In den frühen Fassungen fungiert er als warnendes Beispiel menschlicher Hybris: Wer sich über die göttliche Ordnung erhebt, endet in Verdammnis. Am Ende des 18. Jahrhunderts erfährt der Stoff durch Goethe eine radikale Transformation und wird mitten hinein in die Moderne katapultiert. Goethe, der – so der spanische Philosoph Ortega y Gasset – sein Leben damit verbrachte, „sich selbst zu suchen oder zu meiden“, macht aus dem berühmten Sünder des Volksbuchs Historia von D. Johann Fausten einen rastlos und verzweifelt Suchenden – hin- und hergerissen zwischen extremer Selbstbehauptung und drohendem Selbstverlust.

„Zwei Seelen wohnen, ach! in meiner Brust“ – in dem berühmten Satz formuliert sich Fausts Grundkonflikt: seine innere Zerrissenheit zwischen Erkenntnis und Begehren, zwischen Geist und Sinnlichkeit. Was ihn antreibt, ist jedoch nicht der Wunsch nach Ausgleich, sondern nach Überschreitung. Faust treibt die Bewegung des Überschreitens so weit, bis sie sich gegen ihn selbst richtet. Was als Suche nach Erfahrung beginnt, wird zur Entfremdung vom eigenen Leben.

Ulrich Rasche verdichtet das Geschehen zu einem zeitgenössischen Kammerspiel. Die Welt zieht sich in einen inneren Raum zurück, in dem die Figuren als Manifestationen widerstreitender Kräfte erscheinen. Mephisto (Valery Tscheplanowa) tritt dabei weniger als äußere Macht hervor, denn als Schatten des Faust (Steven Scharf und Johannes Nussbaum) selbst – als Ausdruck seiner eigenen zerstörerischen Energien. „Mephisto ist der Gegenspieler, die Schattenseite des Faust, die Seite, die ihn immer verfolgt, die immer anwesend ist“, erläutert Ulrich Rasche. „Das ist die Verführung, die Triebstruktur, der Rausch, das Erleben von Welt, das Umarmen im Gegensatz zu dem, was Faust bisher getrieben hat, nämlich die Suche nach Erkenntnis, der Rückzug in die Wissenschaft, in das Studierzimmer.“

Faust agiert dabei wie eine Figur der Gegenwart: erfolgreich, souverän, leistungsfähig. Er hat alles erreicht, er funktioniert perfekt, doch nichts genügt ihm. Seine Krise bleibt unsichtbar. Wissen, Macht, Liebe – alles wird zum Versuch, seine Distanz zum Leben durch immer intensivere Erfahrungen zu überwinden: der Rausch als ein letzter Versuch, das verlorene Gefühl von Gegenwart gewaltsam zurückzugewinnen.

Demgegenüber erscheint Margarete (Anna Drexler), das berühmte „Gretchen“, nicht nur als zarte Geliebte und tragisches Opfer, sondern als emanzipierte Gegenfigur zu Faust, als ein gegenläufiges Prinzip, das Faust niemals in Besitz nehmen kann. Sie verkörpert ein vollkommen anderes In-der-Welt-Sein, entzieht sich seiner zerstörerischen Dynamik und setzt schließlich eine klare Grenze – „Heinrich! Mir graut’s vor dir.“

Von Gretchens Geschichte aus geht die Bahn der Erzählung weiter und öffnet den Horizont auf eine mögliche Zukunft, die über Zerstörung hinausweist. – „Ist gerettet“ lautet der letzte Satz in Faust I.

Yvonne Gebauer
Zuerst erschienen in der Festspielbeilage der Salzburger Nachrichten

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