Barrie Kosky gibt erste Einblicke in die Neuinszenierung Il viaggio a Reims
„Bon Voyage“ wünscht die Künstlerische Leiterin Cecilia Bartoli zu Pfingsten. Mit der ihr eigenen künstlerischen Neugier lädt sie dazu ein, auf dieser Reise neue Orte und Perspektiven zu entdecken. Sie selbst debütiert in dem Dramma giocoso Il viaggio a Reims als Corinna.
Wir fragten den Regisseur Barrie Kosky nach seinem Regie-Konzept und seine Sicht auf dieses Werk.
Nach seinen außerordentlich erfolgreichen Inszenierungen von J. Offenbachs Orphée aux enfers (2019), L. Janáčeks Káťa Kabanová (2022) und dem Pasticcio Hotel Metamorphosis (2025) führt Barrie Kosky im kommenden Jahr erneut Regie.
Salzburger Festspiele: Il viaggio a Reims ist in mehrfacher Hinsicht ein ungewöhnliches Werk. Was macht es aus Ihrer Sicht so besonders?
Barrie Kosky: Es ist zunächst Rossinis letzte italienische Oper, sein Abschied von dieser Gattung. Danach hat er kaum mehr Komödien mehr geschrieben. Besonders interessant ist zudem die Konzeption des Stück, nämlich seine Entstehung zur Krönung Karls X. Es entstand explizit anlässlich dieser Feierlichkeiten, ist also kein Pasticcio, wie wir es im letzten Jahr hatten. Es handelt sich um eine Oper, deren Aufführung nie außerhalb der Vorstellungsserie rund um diese Krönung vorgesehen war.
Das Werk ist in der Folgezeit in Vergessenheit geraten, obwohl es zum Besten gehört, was Rossini komponiert hat. Tatsächlich haben erst im 20. Jahrhundert Musikwissenschaftler damit begonnen, die Oper zu rekonstruieren. Claudio Abbado war dann der erste, der eine moderne Fassung zur Aufführung brachte und dem Stück dadurch zu neuem Erfolg verhalf. Bis dahin war es für lange Zeit von der Bildfläche verschwunden.
All diese Aspekte zusammen bieten sowohl dem Regisseur als auch dem Dirigenten vielfältige Ausgangspunkte.
SF: Nicht nur die Struktur und die Anzahl der Charaktere sind an diesem Stück besonders. Man könnte sogar zur Diskussion stellen, ob es überhaupt eine echte Oper mit einem wirklichen Handlungskern ist. Wie gehen Sie als Regisseur mit diesem Gesichtspunkt um?
BK: Für den Regisseur hält dieses Stück in der Tat einige Herausforderungen bereit. Es gibt herausragende Arien und außergewöhnliche Ensemblenummern, für die das Werk berühmt ist. Der Kern der Handlung ist denkbar einfach:
Eine Gruppe von Menschen findet sich zufällig zusammen, weil sie in einem Hotel festsitzen – die perfekte Konstellation für Komödien, wie wir sie auch von Feydeau oder Buñuel kennen. Wenn eine Gruppe von Menschen irgendwo festsitzt, passieren verrückte Dinge, und in gewisser Weise ist genau das der Ausgangspunkt meiner Inszenierung: Diese Oper eröffnet dem Regisseur die wunderbare Möglichkeit, eine Handlung hinzuzuerfinden. Und ich habe in dieser Produktion immer schon etwas Feydeaueskes gesehen. Georges Feydeau gehört zu meinen Lieblingsdramatikern, der zwar erst nach Rossini Ende des 19. Jahrhunderts wirkte, aber als einer der Wegbereiter dessen gelten darf, was sich im 20. Jahrhundert zur Form des Slapstick entwickelte. Er erfand diese Gattung der Farce mit ihren unglaublich temporeichen Auftritten und Abgängen und ihre Kombination von Erotik und Slapstick, die sich immer als besonders interessant erweist: Menschen in kompromittierenden Situationen, enttarnte Liebespaare, Leute, die sich zum Rendezvous in Hotelzimmern treffen. Diese von Feydeau erschaffene Welt findet man auch bei den Marx Brothers und anderen komödiantischen Formen.
Mit dieser Produktion möchte ich gerne einen rauschhaften Zustand kreieren – einen musikalischen Rausch, den das komische Element in Rossinis Musik sinnbildlich verkörpert. Naturgemäß gibt es darin auch wunderschöne kantable Passagen, aber der Gesamteindruck ist der einer Welt, die rasend außer Kontrolle gerät. Genau wie bei Offenbach – ein Geschenk für einen Regisseur wie mich!
SF: Die Gäste kommen aus verschiedensten Ländern, und die Oper spielt in gewisser Weise mit assoziierten Klischees dieser Nationen, wie sie im 19. Jahrhundert vorherrschten. Wie gehen Sie mit diesen im Stück enthaltenen Stereotypen um?
BK: Diese beinahe karikaturistische Darstellung ist einer der Gründe für die Faszination dieser Oper. Es gibt einen deutschen General, einen Franzosen, einen Italiener, die Figur des Lord Sidney aus England, einen Polen und ein spanisches Paar – Menschen aus verschiedenen europäischen Ländern. Ich hätte das Stück als eine Art Farce über die EU anlegen können, über die Dauer von drei Stunden funktioniert das aber nicht. Wenn man das machen wollte, müsste man eine neue Oper schreiben. Mit Klischees, karikaturistischen Elementen und Stereotypen hat Rossini aber sehr wohl gespielt – dem sollte man also durchaus Rechnung tragen.
Gleichzeitig sind das wichtige Zutaten für eine Komödie – es kommt darauf an, wie man mit diesen Elementen spielt. Das Stück mutet dadurch noch surrealer an, dass es zum Beispiel einen Engländer gibt, der Italienisch singt, dabei aber gelegentlich englische Kommentare einbaut. Oder durch die Figur eines Deutschen, der Italienisch singt, dabei zwar keinen deutschen Akzent hat, aber ebenfalls deutsche Textelemente einstreut. Diese Elemente wohnen dem Stück inne, man sollte in ihrer Hervorhebung aber nicht zu weit gehen. Es gibt nichts Schlimmeres, als wenn das Publikum Menschen dabei zusieht, wie sie sich über den Akzent anderer Leute lustig machen. Das ist schon nach fünf Sekunden nicht mehr lustig. Ich denke daher, dass das Thema Nationalismus kein wesentlicher Faktor in dieser Oper ist. Es gibt die berühmte Szene am Ende des Stücks, in der alle versuchen, einander durch das Singen von Liedern aus ihren jeweiligen Ländern gegenseitig zu übertönen. Der Humor speist sich hier aber aus der Musik. Wenn man das zu sehr mit anderen Witzen überdeckt, macht man den Effekt zunichte. Ich denke, man muss eine sehr feine Linie zwischen überbordendem Slapstick und dem Faktor Menschlichkeit ziehen, denn Slapstick ist nur dann lustig, wenn er eine menschliche Komponente hat.
Für mich ist das Ganze auch deshalb faszinierend, weil ich schon viel Offenbach inszeniert habe und weil das meine erste Rossini-Oper seit Il barbiere di Siviglia ist, den ich als junger 21-jähriger Regisseur in Melbourne gemacht habe. Seither hatte ich immer wieder Intendanten auf der ganzen Welt gebeten, eine Rossini-Komödie machen zu dürfen, aber niemand wollte mir diese Möglichkeit geben. Als daher Cecilia mich fragte „Was hältst du von Il viaggio?“, habe ich sofort gesagt: „Klar, ich liebe die Musik, lass uns das machen!“ Und ich freue mich schon riesig darauf, Rossinis elektrisierende Musik auf die Bühne zu bringen.