23 Jul 2022

Zum Konzert

„Meine eigentliche Idee ist die Verbrüderung der Völker … Dieser Idee versuche ich in meiner Musik zu dienen“, ist ein Zitat des ungarischen Komponisten Béla Bartók überliefert.

Dass diese Worte in unseren Tagen solch brennende Aktualität erfahren, war zur Zeit der Programmierung der Salzburger Festspiele 2022 nicht zu erahnen. Sehr wohl aber bezogen wir ihre Gültigkeit auch auf die Idee der Gründung der Salzburger Festspiele vor mehr als 100 Jahren. 1881 im Banat geboren, im damaligen Ungarn des Vielvölkerstaats der österreichisch-ungarischen Monarchie, in der Deutsch, Tschechisch, Kroatisch, Italienisch, Polnisch, Rumänisch, Serbisch, Bosnisch, Slowakisch, Slowenisch, Ukrainisch, Jiddisch und andere Sprachen gesprochen wurden, bildete Bartók einen ganz spezifischen Stil aus. In der Konzertreihe „Zeit mit Bartók“ erkunden wir rund um die Neuinszenierung seiner Oper Herzog Blaubarts Burg den Weg dieses Komponisten, der von der Spätromantik in eine Moderne führt, die voll von kühnen Neuerungen war und sich zugleich auf die Musiktraditionen der Völker des Balkans bezog. Bartók ist damit – neben Puccini und Janáček, die im Opernprogramm prominent vertreten sind – der Dritte im Bunde, der an der Schwelle zur Moderne eine genuine Klangsprache ausgebildet hat. Meilensteine wie seine Sonate für zwei Klaviere und Schlagzeug, die Zweite Violinsonate, Klavierwerke und folkloristisch inspirierte Musik sind ebenso zu hören wie der Zyklus der sechs Streichquartette. Bartók zur Seite steht mit einer Hommage einer der bedeutendsten Komponisten unserer Zeit: Wolfgang Rihm, den wir anlässlich seines 70. Geburtstags ehren. Selbstverständlich entfaltet sich auch im kommenden Festspielsommer wieder ein ganzes Kaleidoskop an Stilen, Repertoires und Gattungen in Konzerten mit den Wiener Philharmonikern, mit den wichtigsten Orchestern, Ensembles und Chören sowie Solistinnen und Solisten aus aller Welt – eingebettet in die Gesamtdramaturgie des diesjährigen Festspiels, die nichts weniger als den Kosmos der Göttlichen Komödie durchschreitet und den opferreichen Weg beschreibt, für die Idee der Freiheit und Menschlichkeit einzustehen, für die Würde des Einzelnen. „Most of our societies have been built on sacrifice“ – auch dieses Zitat der französischen Kulturtheoretikerin Luce Irigaray ist aktueller denn je. Und es steht als Idee über
dem Programm der diesjährigen Ouverture spirituelle, die wir 2022 mit dem Titel „Sacrificium“ überschrieben haben. Diesem Begriff sind heute – nach den Gräueln etwa des Holocaust oder des Gulag oder auch jenen, die wir gerade bei unseren östlichen Nachbarn miterleben – vielfältige, kaum mehr fassbare Konnotationen eingeschrieben. Und in dieser Ambivalenz changiert auch das Programm der Ouverture spirituelle, das mit Schostakowitschs Symphonie Nr. 13 anhebt, in der einem der schrecklichsten Massaker an Juden ein tönendes Denkmal gesetzt wird. „Kunst spielt nie in geschichtsfreien Räumen“, sagte kürzlich Wolfgang Rihm. „Sie ist aber dennoch stets mehr als eine Art Resonanzboden der Ereignisse.“

Florian Wiegand • Leitung Konzert

zuerst erschienen in der Festspielbeilage der Salzburger Nachrichten