12 Mai 2022

Timing als Geheimrezept einer Komödie

Pfingstfestspiele 2022

Il barbiere di Siviglia

Nein, oberflächlich ist eine Komödie nicht, sagt Regisseur Rolando Villazón, der Rossinis Il barbiere di Siviglia für die Salzburger Festspiele Pfingsten inszeniert. Eine Komödie zeige vielmehr die Extreme unser aller Probleme auf.

„Ein Clown ist eine Figur, die immer verliert, sie hat keine vierte Wand, spielt permanent direkt mit dem Publikum“, sagt der Regisseur, der selbst Botschafter der Roten Nasen ist. „In seinem Verlieren aber ist der Clown am Ende der Gewinner, denn er macht immer weiter, versucht immer wieder die Regeln neu festzulegen, auch wenn er im Chaos unterzugehen scheint.“ Genau eine solche Figur fügt Rolando Villazón seiner Inszenierung hinzu. Und mit Arturo Brachetti als Arnoldo hat er dafür einen Meister der Verwandlungskunst gefunden.

Der Regisseur verlegt die Handlung von Rossinis Oper in die 1930er Jahre. Die Inszenierung spiele damit, wie wichtig das Live-Erlebnis von Theater ist, indem sich die Welt des Films immer wieder mit der Welt der Bühne vermischt. Eine Inspiration für diese Idee sei Woody Allens Film The Purple Rose of Cairo gewesen. „Es gibt Videoszenen mit den Sängern zu sehen. Die Action aber passiert auf der Bühne, das lebendige Theater steht im Vordergrund“, sagt Rolando Villazón.

700 Vorstellungen von Il barbiere di Siviglia werden jährlich auf den Bühnen der Welt gegeben, sagt Dirigent Gianluca Capuano. Jeder habe sofort eine Melodie im Ohr bei dieser Oper. „Was können wir also tun mit diesem Barbiere?“, fragt der Musikalische Leiter. Seine Antwort: Das Orchester spielt auf Originalinstrumenten. „Das wird im Belcanto leider nur sehr selten gemacht“, sagt er. Das Ziel sei es, der Oper dadurch ein neues Kleid zu geben – ähnlich wie die Figur Arnoldo das tue. „Die historischen Instrumente verleihen der Musik eine neue Art der Artikulation, sie korrespondieren mit der Sprache der Sänger“, sagt Gianluca Capuano. Er würde nicht sagen, dass der Klang dadurch besser werde, aber eben anders. Zum Beispiel spielen die Streicher auf Saiten aus Darm statt aus Metall, ein lebendiger Stoff. „Durch das Spielen auf den Originalinstrumenten, können wir zum Beispiel ein wahres pianissimo spielen, wodurch wiederum die Sänger filigraner singen können“, sagt der Maestro. Auch die Tempi könne man „richtiger“ spielen. „Als Sänger hat man viel mehr Raum für Farben“, ergänzt Rolando Villazón. Man könne zum Beispiel Lachen während des Singens und habe viel mehr Möglichkeiten für das Schauspiel während des Singens. Das Haus für Mozart sei übrigens der perfekte Raum für Originalinstrumente.

Als Cecilia Bartoli, die Künstlerische Leiterin der Salzburger Festspiele Pfingsten, Rolando Villazón für die Regie der Oper angefragt hatte, wollte sie damit die Tradition der Commedia dell’arte auf die Bühne bringen. Das Timing sei das Geheimnis einer Komödie, verrät er. In den Proben gebe er als Regisseur gerne die Regeln des Universums auf der Bühne vor, damit sich die Sängerinnen und Sänger dann innerhalb dieser Regeln sehr frei bewegen können. Improvisation sei erwünscht in den Proben, in der Vorstellung sehe man dann aber eine daraus entstandene Choreographie, die mit anderen Künstlern sicher auch ganz anders aussehen würde.

Improvisation ist auch ein Stichwort für Gianluca Capuano. „Wie kann man Kreativität schaffen in einem Text, der festgelegt ist?“, fragt er. Er schaffe dies vor allem zwischen den Noten, sagt er. „Das, was wir auf der Bühne sehen, sollten wir auch hören können.“ So höre man in den Rezitativen immer wieder Improvisationen und Zitate aus den eingespielten Videos. „Es ist ein Spiel zwischen Rolando und mir, das sicher auch dem Publikum sehr viel Spaß machen wird“, sagt der Dirigent. Rossini selbst habe im Übrigen fast keines der Rezitative selbst geschrieben. „Er hatte dafür keine Zeit, daher haben es seine Schüler für ihn komponiert“, sagt Gianluca Capuano.

Dass er von Tag eins bei den Proben anwesend war, vereinfache ihm seine Arbeit, denn er habe vom ersten Tag an eine Idee für den Klang im Saal bekommen, sagt er. Außerdem sei es eine tolle Fügung, dass Rolando Villazón nicht nur Regisseur, sondern auch ein toller Musiker sei, der viel Gefühl für das musikalische Timing in die Arbeit einfließen lasse.

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