Manfred Honeck im Gespräch über Richard Strauss und Ariadne auf Naxos
und was er dem dirigentischen Nachwuchs mit auf den Weg gibt.
Von Richard Strauss zu Manfred Honeck:
Ariadne auf Naxos war die erste Oper von Festspielmitbegründer Richard Strauss, die – vor exakt 100 Jahren – bei den Salzburger Festspielen aufgeführt wurde. Der Komponist leitete auch die Vorstellung am 21. August 1926.
2026 wird Manfred Honeck die Wiener Philharmoniker dirigieren. Elīna Garanča gibt darin ihr Debüt in der Titelrolle. Ersan Mondtag führt erstmals Regie in Salzburg.
Manfred Honeck ist den Salzburger Festspielen seit dem Jahr 2000 als Dirigent verbunden. 2021 hat er den Jury-Vorsitz des Herbert von Karajan Young Conductors Award übernommen.
2026 wird Manfred Honeck die Salzburger Festspiele wesentlich mitgestalten, und zwar in dreifacher Hinsicht:
Er dirigiert die Neuproduktion Ariadne auf Naxos. In der Nachfolge von Richard Strauss, der exakt vor 100 Jahren sein Werk bei den Festspielen geleitet hat.
Er konzertiert mit dem Pittsburgh Symphony Orchestra am 27. August im Großen Festspielhaus – dem Orchester, dem der gebürtige Österreicher seit 2008 als Musikdirektor vorsteht.
Die Tätigkeit als Juryvorsitzender des Young Conductors Award ist ihm ebenfalls ein großes Anliegen. Am 17. August dirigiert der Gewinner des Vorjahres, Christian Blex, im Preisträgerkonzert das ORF Radio-Symphonieorchester.
Im Gespräch mit den Salzburger Festspielen gibt Manfred Honeck Einblicke in seine Sichtweise auf die Musik von Festspielmitbegründer Richard Strauss und die Besonderheiten von Ariadne auf Naxos.
Salzburger Festspiele: Wenn Sie die Musik von Richard Strauss jemandem beschreiben würden, der sie noch nie gehört, der noch nie Berührungspunkte damit hatte, wie würden Sie dieser Person die Musik näherbringen?
Manfred Honeck: Reich an Farben, üppig und feinfühlig. Auf die Charaktere eingehend. Ich würde empfehlen, sich zunächst die Tondichtungen anzuhören und dann erst in die Opernwelt einzutauchen. Ich denke, das ist ein guter Beginn für alle, die mit Richard Strauss noch nicht so vertraut sind. Seine Melodien und sein Einfallsreichtum sind grandios.
SF: Kommen wir gleich zu Ariadne auf Naxos: Für die zweite Fassung des Werks wurde Molières Schauspiel Der Bürger als Edelmann durch ein komponiertes Vorspiel ersetzt. Wie würden sie es charakterisieren?
Manfred Honeck: Das Vorspiel ist im Grunde ein einziges Rezitativ, in dem die einzelnen Charaktere mit ihren Eifersüchteleien, Feindschaften und ihrem Ehrgeiz sehr deutlich von Richard Strauss musikalisch gezeichnet werden. Kate Lindsey in der Rolle des Komponisten wie auch Elīna Garanča als Ariadne sind ideale Besetzungen. Wir haben bewusst darauf geachtet, dass diese kleinen Feinheiten und Nuancen, die aus der Sprache kommen, bestens verwirklicht werden können. Im Haus für Mozart ist das eine wichtige Komponente.
SF: Die Oper vereint heitere, komische Elemente mit ernsten Aspekten. Welche Rolle spielen für Sie diese Gegensätze?
Manfred Honeck: Ich denke, diese verschiedenen Attribute sind eine Bereicherung – immer traurig sein, geht ja nicht, immer fröhlich sein ist auch langweilig. Diese Kunst der Schattierungen und Abgrenzungen ist bei Ariadne wirklich sehr gut gelungen, finde ich. Es gibt fast operettenhafte Teile, die man mitsingen könnte, wenn man aus der Oper geht. Dann gibt es auch Momente, die ganz tief in die griechische Mythologie eintauchen, wo man auch spürt, hier geht es um große Oper. Die Dualität von Opera seria und Komödie ist in der Ariadne grundsätzlich angelegt – wir dürfen nicht vergessen: In der Geschichte selber fordert der reichste Mann Wiens, dass an einem Abend Komödie und Opera seria zur selben Zeit stattfinden – eine große Herausforderung für den Komponisten.
SF: Bringt das auch für Sie als Dirigent im Vergleich zu anderen Werken eine besondere Herausforderung mit sich?
Manfred Honeck: Ja, tatsächlich: Wir dürfen nicht vergessen, dass Richard Strauss auch Salome, Elektra und den Rosenkavalier komponiert hat. Und jetzt geht er auf ein kleineres Orchester zurück: Der Streicherapparat ist sehr reduziert. Auch die Bläser – Flöten, Oboen, Klarinetten, Fagotte, Trompeten, zwei Hörner – sind etwas reduziert, aber in der klassischen Aufstellung vorhanden. Etwas Schlagwerk ist dabei, eine Posaune – also eigentlich eher ein Kammerorchester. Aber das Überraschende ist, dass diese Musik stellenweise dennoch unglaublich orchestral und opulent besetzt klingt. Warum? Strauss beherrscht die Kunstfertigkeit, gewisse Melodien in bestimmten Instrumenten zu verdoppeln, sodass man das Gefühl hat, da spielt ein großes Orchester. Es fasziniert mich immer wieder, wie Strauss so einen Farbenreichtum hervorbringt, selbst mit einem kleineren Orchester. Das ist etwas ganz Typisches für Ariadne.
SF: Wenn man sich die Rollen der Oper anschaut – zwei große Sopranrollen, die beide eine unterschiedliche Ansicht von Liebe und eine unterschiedliche Verbindung dazu verkörpern: Würden Sie sagen, dass sich diese Unterschiede zwischen Ariadne und Zerbinetta auch in der Musik widerspiegeln?
Manfred Honeck: Das ist sehr deutlich von Strauss angelegt. Zerbinetta ist diejenige, die die Freiheit liebt, die jeden Mann lieben könnte, und das spürt man auch: diese kokette Art und Weise, wie Strauss das komponiert hat – das sind schwere Koloraturen, die er angelegt hat, das gibt es bei Ariadne so nicht. Ariadne singt aus einem Guss, bei ihr ist eine Melodie eher breiter und höfischer angelegt. Der Gegensatz könnte also nicht deutlicher sein. Man darf auch nicht vergessen, dass Ariadne aus einer tiefen Depression auf dieser Insel festgesetzt worden und dem Tode nahe ist und dass sie dann durch Bacchus quasi befreit wird. Da kann sie nicht wie eine Zerbinetta sein. Zerbinetta hat diese Vergangenheit und diesen Todeswunsch nicht, sie möchte leben, und das hört man in den Koloraturen unglaublich klar.
SF: Haben Sie denn einen besonderen Moment, eine Lieblingsstelle in dieser Oper?
Manfred Honeck: Also, ich würde sagen, dass meine Lieblingsstelle wahrscheinlich der Schluss ist – dort, wo sich das Ganze eigentlich auflöst und aus den Trümmern in eine Hoffnung und eine Welt der Liebe und des Friedens eintaucht, wo Bacchus und Ariadne eine Einheit bilden. Das ist für mich ein großer Moment und immer wieder erhebend. Man darf aber auch nicht den ersten Teil, den Prolog vergessen. Das Vorspiel ist rezitativisch angelegt, es wird darüber geredet: Wie wird die Oper nun sein, wie wird das alles gelingen? Viele gesprochene Worte – auch das sind große Momente, in denen Strauss die Angst des Künstlers, des Komponisten thematisiert: Wie werde ich das überhaupt schaffen? Vielleicht auch Eitelkeiten, dann wieder Freundschaften – das hört man im Vorspiel sehr gut. Auch das sind Momente, in denen ich sage: Das könnte eigentlich nicht besser gelöst sein.
Ich habe Ariadne sehr oft unter verschiedenen Dirigenten und Besetzungen in der Wiener Staatsoper spielen dürfen, als ich noch Bratschist war, und habe sie dabei sehr schätzen gelernt. Das ist Kammermusik auf höchstem Niveau, und man braucht für jede Rolle Sänger·innen, die ausgesprochen virtuos agieren können. Ich kann mich noch an Jessye Norman als Ariadne oder Edita Gruberova als Zerbinetta erinnern. Unsere Besetzung wird dem in nichts nachstehen. Es ist ein fantastischer Cast.
Für mich ist das auch insofern ein großes Ereignis, als Ariadne die erste Oper von Richard Strauss war, die bei den Salzburger Festspielen aufgeführt wurde. Also nicht Der Rosenkavalier, Elektra oder Die Frau ohne Schatten – es war tatsächlich Ariadne, und für mich ist es einfach schön, dass die Wiener Philharmoniker Jahr für Jahr in Salzburg spielen. Dieses Jahr ist für mich speziell, denn mein Bruder wird den Philharmonikern das letzte Jahr als Konzertmeister vorstehen.
SF: Sie werden neben Ariadne auch ein Konzert bei den Festspielen dirigieren.
Manfred Honeck: Ja, ich werde mit dem Pittsburgh Symphony Orchestra eine große Europatournee machen, und da dürfen natürlich die Salzburger Festspiele nicht fehlen. Ich freue mich auf die Fünfte Symphonie von Schostakowitsch, und der Pianist Alexandre Kantorow wird Rachmaninows Rhapsodie über ein Thema von Paganini spielen. Es ist für mich eine große Freude, mit diesem fantastischen Orchester auf Tournee zu gehen und am 27. August in Salzburg im Großen Festspielhaus zu spielen.
SF: Was bedeutet Ihnen als international renommierter Dirigent der Vorsitz des Herbert von Karajan Young Conductors Award?
Manfred Honeck: Das bedeutet mir viel, weil ich durch diese Arbeit sehe, was sich beim Dirigent·innennachwuchs tut und was die Zukunft bringt. Natürlich ist es mir wichtig, dass große Talente gefördert werden. Das war bei mir nicht anders. Außerdem empfinde ich die Zusammenarbeit in der Jury als sehr bereichernd.
SF: Welche Tipps hätten Sie gerne zu Beginn Ihrer Dirigentenkarriere erhalten? Oder anders gefragt: Was würden Sie Ihrem jüngeren Ich raten?
Manfred Honeck: Da würde ich vor allem Geduld einmahnen. Du hast nichts davon, wenn du für kurze Zeit ein Shootingstar bist, dessen Stern dann schnell verblasst. Natürlich wird es hoffentlich trotzdem immer die Karajans geben, die gleich vom jungen Alter an ganz oben stehen können. Ich denke, eine Junge oder ein Junger sollte sich formen lassen, sich Zeit zum Wachsen geben. Der entscheidende Moment kommt bei allen, die ein außergewöhnliches Talent haben.
Manfred Honeck ist seit 2021 Jury-Vorsitzender des Herbert von Karajan Young Conductors Award in Salzburg.
Hier rechts im Bild mit dem Preisträger 2025: Christian Blex.
Der gebürtige Deutsche Christian Blex wird am 17. August 2026 im YCA Preisträgerkonzert das ORF Radio-Symphonieorchester Wien mit Werken von Bernd Alois Zimmermann, Richard Strauss und Peter I. Tschaikowski bei den Salzburger Festspielen dirigieren.