Lucio Silla · Così fan tutte
Wolfgang A. Mozart
Mit Lucio Silla und Così fan tutte zeigen die Salzburger Festspiele zwei Mozart-Produktionen, die sich ganz auf die psychologische Auslotung der Figuren konzentrieren. Nach ihrem letztjährigen Erfolg mit Mitridate erarbeitet Birgit Kajtna-Wönig semiszenisch eine weitere Opera seria des jugendlichen Mozart, während Christof Loys umjubelte Inszenierung der „Schule der Liebenden“ in einer erweiterten Neueinstudierung zu erleben ist.
Der tiefe Blick ins Innere der Figuren und die Fähigkeit, uns deren Gefühle und Gedanken musikalisch ungemein differenziert zu erschließen, zeichnen die Opern von Wolfgang Amadeus Mozart aus. Dies gilt bereits für ein so frühes Werk wie Lucio Silla, in dem der 16-jährige Komponist die Grenzen der Opera seria auf innovative Weise sprengte.
Birgit Kajtna-Wönig bringt Lucio Silla semiszenisch auf die Bühne der Felsenreitschule. Wie schon für den Salzburger Mitridate von 2025 haben die Regisseurin und der Dirigent Adam Fischer eine auf zweieinhalb Stunden verknappte Fassung des Werks erarbeitet. Dabei sei es keineswegs so, sagt Kajtna-Wönig, „dass man bei dieser Aufführung etwas entbehren muss. ‚Semiszenisch‘ ist in meinem Verständnis als Konzentration auf den Kern der Oper zu verstehen. Wir fokussieren alles auf das Wesentliche, nämlich die Personen auf der Bühne.“ Das sei eine dankbare Aufgabe, so Kajtna-Wönig, denn Mozart setze sich in dieser 1772 in Mailand uraufgeführten Oper auf innovative und ungewohnte Weise mit der Psychologisierung der Figuren auseinander. „Es fasziniert mich, zu sehen, wie er sich damals weiterentwickelt hat – die Figur des Lucio Silla ist schon weit mehrdimensionaler als andere Opernrollen jener Zeit. Mozart gelangt hier zu einer Vielschichtigkeit, die einen großen Zugewinn bedeutet“, sagt die Regisseurin. Adam Fischer unterstreicht die Vorteile einer semiszenischen Aufführung, sei doch eine Opera seria sowieso „eine Art Zwitterwesen zwischen Konzert und Musiktheater. Eine Opera seria in einem Konzertsetting zu machen, passt oft besser, weil sich ein Opernpublikum sonst möglicherweise zu viel an Aktion erwartet – und dann im schlimmsten Fall enttäuscht ist. Die Opera seria darf weder ein reines Konzert sein noch eine überinszenierte Angelegenheit, finde ich. Denn in beiden Fällen ginge ihr wahrer Charakter verloren.“ Er hoffe, betont Fischer, dass das Publikum „offen ist für die Darstellung von Emotionen ohne Aktion, denn das macht das Wesen dieser Gattung aus.“ Neben dem Tenor Giovanni Sala in der Titelrolle werden Sara Blanch, Xenia Puskarz Thomas und andere die Figuren von Lucio Silla mit Leben füllen.
Als zweite Mozart-Oper des diesjährigen Sommers kann man Così fan tutte in der Regie von Christof Loy neu erleben, denn er erweitert seine Inszenierung von 2020. Bei den damaligen Salzburger Festspielen wurde wegen der Corona-Restriktionen eine verkürzte Version der Oper gezeigt – und auch diese konzentrierte sich ganz auf die Figuren: Loy sah die reduzierten Möglichkeiten als Einladung, ganz tief in die Musik hineinzuhören und genau zu beobachten, was zwischen den Personen geschieht: „Die psychologischen Vorgänge und die emotionalen Stadien, die die Figuren durchlaufen, sind so komplex, dass die Entscheidung, auf der Bühne so pur zu sein, uns hilft, alles das auch wirklich zu sehen“, sagte er damals. Seine Annäherungsweise wirke „im besten Sinne wie ein Vergrößerungsglas. Wir können ganz nah an die Figuren heranzoomen, weil uns nichts ablenkt.“ Dirigentin Joana Mallwitz bezeichnet ihrerseits die mit „Die Schule der Liebenden“ untertitelte Oper als „Kaleidoskop der Liebe. Alle Formen, die sie annehmen kann, alle Stadien, durch die sie gehen kann in einem Menschenleben – ob verzweifelte Liebe, zweifelnde Liebe, seelenverwandte Liebe oder leichte Liebe –, werden durch diese Musik und diese Figuren erzählbar.“ Unter ihrer musikalischen Leitung werden Elsa Dreisig, Victoria Karkacheva, Andrè Schuen, Bogdan Volkov, Lea Desandre und Johannes Martin Kränzle auf der Bühne des Großen Festspielhauses stehen.
Theresa Steininger
Zuerst erschienen in der Festspielbeilage der Salzburger Nachrichten