Verdichtetes Atom trifft Ländlerklang
Die Salzburger Festspiele huldigen György Kurtág mit gleich neun Konzerten und spüren seiner tiefen Wahlverwandtschaft zu Franz Schubert nach.
„Strawinsky ist mir mittlerweile genauso wichtig wie Bartók. Aber am stärksten ist für mich gerade Schubert, sogar seine kleinen Ländler“, sagte György Kurtág in seinem letzten Interview vor seinem 100. Geburtstag. Es wird dem Altmeister also wohl gefallen, dass Pianist Pierre-Laurent Aimard seine Werke bei den Salzburger Festspielen mit Schubert-Ländlern kombinieren wird. Aimard wird neben einer Auswahl aus den legendären Kurtág-Miniaturen Játékok (Spiele) auch Schönberg, Mozart und Webern spielen.
Aimards Rezital am 31. Juli ist eines der insgesamt neun Konzerte der Programmschiene Hommage à György Kurtág, mit der die Festspiele dem letzten Überlebenden der großen Komponistengeneration um Luigi Nono, Pierre Boulez und György Ligeti huldigen. Die Programmierer spannten den Bogen über das ganze Lebenswerk des Ungarn, von frühen Orchesterwerken bis zu kammermusikalischen Späterwerken. Kurtágs stark komprimierte Musik findet in der Kollegienkirche jedenfalls einen Raum, in dem sie sich ungehindert entfalten kann. Zumal wenn ein Ensemble wie das Klangforum Wien am Werk ist. Kombiniert werden seine Werke unter anderem mit denen zweier anderen Großen der Neuen Musik aus Ungarn: Bartók und Ligeti.
Wohnort als Homage. Apropos Ligeti: Kurtág lebt in der Ligeti-Straße in Budapest und das passt gut, da er den um wenige Jahre älteren Freund ein Leben lang verehrt hat. Er traf ihn 1945 bei der Aufnahmeprüfung für die Musikakademie in Budapest, wohin er illegal aus Siebenbürgen gereist war, um dort bei Bartók zu studieren. Er erfuhr erst durch die schwarzen Flaggen am Institut, dass sein Vorbild soeben gestorben war. Dort befreundete er sich mit Ligeti, in dem er sofort den begnadeten Komponisten erkannte: „Als ich nach der Aufnahmeprüfung Ligetis Kompositionen sah, wusste ich, dass er kein Student, sondern schon ein fertiger Komponist war.“ Am 25. August kommen die zwei alten Freunde in Salzburg musikalisch wieder zusammen, wenn Patricia Kopatchinskaja & Friends (u.a. Sol Gabetta und Lawrence Power) Werke von den beiden ungarisch-jüdisch-siebenbürgischen Großmeistern mit Mozart und Bartók kombinieren werden.
Depression in Paris. Kurtág fand seine berühmt gewordene Musiksprache Ende der 1950er-Jahre, als er, allein und von einer Depression geplagt, in Paris bei Darius Milhaud und Olivier Messiaen studierte. „Milhauds Musik war mir zu dünnflüssig, als Mensch war er aber unglaublich sympathisch. Messiaens Analysen von Strawinsky, Debussy und Mozart fand ich großartig“, erinnert sich Kurtág.
Die kuriose Entstehungsgeschichte seines Stils führt hinab in Seelenwindungen zwischen Sucht und Kreativität: „Das ging mit dem Rauchen in Paris los. Ich begann mit Zigarettenstummeln und Streichhölzern Formen auf dem Boden auszulegen. Irgendwann konnte ich das Putzen nicht mehr weiter aufschieben, also zeichnete ich die Formen ab. Und dann blieb ich beim Zeichnen … Ich fand in meinen Zeichnungen die Formen, die ich dann komponierte. Das waren keine akademischen Zeichnungen, ich hielt den Stift so (zeigt seine geballte Faust) und gab krampfhaft Signale ab. „Verdichtetes Atom“ nennt er diese extreme Komprimierung.
Einblicke ins Frühwerk. Und weil es Salzburg ist, werden die Kurtág-Atome von Superstars wie Teodor Currentzis und Iván Fischer verdichtet. Letzterer berichtet den Kurtág-Schwerpunkt am 8. August mit dem Frühwerk Kurtágs: In „Movement für Viola und Orchester“ wird man noch den jungen Kurtág hören, der deutlich mehr an Bartók erinnert als an den minimalistischen Kurtág, den die Welt kennt. Auch Fischer kombiniert Kurtág zudem mit dessen aktuellem Liebling Schubert in Form von dessen „Unvollendeter Sinfonie“.
Currentzis wird mit seinem Utopia Orchestra und seinem Chor am 17./18. Juli „Lieder der Schwermut und der Trauer für gemischten Chor und Instrumente“ op. 18 und am 19. August „Grabstein für Stephan für Gitarre und Instrumentengruppen“ op. 15c beitragen. Beide Werke verbindet ihr Charakter als musikalische „Grabmale“, die den Schmerz nicht in großen Gesten, sondern in radikaler Reduktion und Konzentration einfangen. Während im „Grabstein für Stephan“ die Sologitarre wie ein einsames, fragiles Zentrum inmitten räumlich verteilter Instrumentalgruppen agiert, loten die Lieder die Grenzen der menschlichen Stimme im Angesicht der Verzweiflung aus. Kombiniert mit der Intensität, die Currentzis meist von seinen Ensembles einfordert, dürften diese erschütternden Werke für zwei außergewöhnliche Konzerte sorgen.