„Stimme als Ursprung“
Mit Francesca Verunelli beginnen die Salzburger Festspiele eine neue Reihe, die zeitgenössischen Komponist·innen gewidmet wird. Waren in den letzten Jahren vor allem Klassiker der Moderne im Fokus, wie es in diesem Sommer György Kurtág und Olivier Messiaen sind, „drängt es sich nahezu auf“, das Programm um einen zusätzlichen zeitgenössischen Schwerpunkt zu erweitern, erzählt Axel Hiller, der 2026 erstmals das Konzertprogramm verantwortet. Gemeinsam mit der italienischen Komponistin Francesca Verunelli kuratierte Axel Hiller die beiden Porträtkonzerte am 11. und 12. August, in denen die menschliche Stimme im Mittelpunkt steht. Im Pressegespräch geben Verunelli und Hiller Einblicke in die zentralen Kompositionen der zwei Konzerte.
Dialog aus Vergangenheit und Gegenwart
Für Francesca Verunelli hat die menschliche Stimme eine besondere Bedeutung: „Die Stimme ist der Ursprung jeglichen Klangs. Sie ist die erste Vibration, die erste Schwingung im Leben. Ich wollte immer verstehen, was Stimme genau ist.“ Zwischen der urtümlichen, alltäglich gebrauchten Stimme und der ausgebildeten Gesangsstimme liege „eine ganze Welt“, die Verunelli in ihrer Arbeit erforscht. So drehen sich beide Porträtkonzerte um dieses Thema. Das erste am 11. August, Strana armonia d’amore, ließ Francesca Verunellis Komposition VicentinoOo von 2024 in Dialog mit Werken der Renaissance treten. Die Verbindung findet sich bereits im Werktitel, benannt nach Nicola Vicentino (1511–1576). Der italienische Komponist aus dem 16. Jahrhundert teilte die Oktave in 31 Teile und entwickelte hierfür die mikrotonalen Tasteninstrumente Arciorgano und Arcicembalo, die mit zwei Manualen und zweigeteilten schwarze Tasten versehen sind. „Da eröffnen sich Möglichkeiten, die weit über die zwölf Töne hinausgehen, in die eine Oktave üblicherweise eingeteilt wird. Es erschließen sich harmonische Möglichkeiten, Räume und Farben“, betont Francesca Verunelli und spricht von „anderen ästhetischen Welten“. Die mikrotonalen Möglichkeiten und Systeme betrachtet sie dabei als „Laboratorium“.
In derselben Stimmung wie der Renaissance-Komponist schrieb sie ihr Vokalwerk VicentinoOo und vertont darin Texte von Carlo Gesualdo und Nicola Vicentino. Letzterer weist darauf hin, „dass die Farbe eines Vokals die Intonation verändern kann“, wie Verunelli erzählt. Aber nicht nur seine Ausführungen sind dabei entscheidend, Verunelli implementiert auch „das Klangpotenzial“ seiner Worte im phonetischen Sinne. Im Konzert bei den Salzburger Festspielen gestern wurden dem zeitgenössischen Werk polyphone Madrigale von Vicentinos Zeitgenossen gegenübergestellt. „Vielleicht ist es gar nicht so leicht, zwischen Renaissance und Gegenwart zu differenzieren, weil wir heute die zwölftönige, chromatische Systematik gewohnt sind. Unter Umständen klingt die Renaissance-Komposition genauso neu wie die zeitgenössische. Es ist eine sehr spannende Konstellation“, stellt Axel Hiller fest. Musiziert hat „Les Cris de Paris“, ein „abenteuerfreudiges Ensemble“, so Francesca Verunelli, das in seiner Arbeit darauf spezialisiert ist, den Bogen zwischen alter und zeitgenössischer Musik zu spannen. Die Komponistin berichtet von einer gemeinsamen Recherche, in der sich die Musiker·innen und sie zusammen dieser Art der Intonation genähert haben. „Diesen engen Kontakt zwischen Komponist·in und Musiker·innen gab es in der Vergangenheit wie in der Gegenwart und ich pflege diese frühere Konvention.“
„Der Beginn von allem ist die Stimme“
Im zweiten Porträtkonzert am 12. August führt das Klangforum Wien – das Axel Hiller als „wertvollen Partner“ hervorhebt – Verunellis dreiteiligen Zyklus La nuda voce von 2025 auf. In dem Werk für Sopran, Mezzosopran und Ensemble widmet sich Verunelli dezidiert dem Phänomen Stimme: „Es geht darum, was der Ursprung und die Essenz von Stimme ausmacht. Was passiert im Übergang von inneren Vibrationen zu Gesang.“ Dieser Moment des Übergangs ist für Verunelli zentral und Teil ihrer Suche danach, „wo die Emotion beginnt und wie die Stimme mit unserem Menschsein verbunden ist“. Axel Hiller fasziniert Verunellis Klangforschung und deren Ergebnisse: „Ich höre Klänge, die ich bis dato nicht gehört oder gekannt habe.“ In La nuda voce werden nicht nur die ausgebildeten Gesangsstimmen der Solistinnen – am 12. August sind es Johanna Vargas und Helēna Sorokina – zu hören sein, sondern auch die Stimmen der Musiker·innen des Klangforum Wien und des Dirigenten Emilio Pomàrico erklingen. Das Aufeinandertreffen birgt für Verunelli auch das Potenzial, die Zerbrechlichkeit in Stimmen feinstofflich mikrotonal zu erfassen. „Jede Stimme ist anders wichtig“, fasst Francesca Verunelli zusammen.
Francesca Verunelli erhielt 2020 den Förderpreis Komposition der Ernst von Siemens Musikstiftung, 2022 den Abbiati-Preis und im Folgejahr den Kompositionspreis des SWR Symphonieorchesters. In der Saison 2026/27 ist sie die „Komponistin im Fokus“ im Musikverein Wien. Die zwei Porträtkonzerte bei den Salzburger Festspielen finden am 11. und 12. August unter anderem mit Les Cris de Paris und dem Klangforum Wien statt.