Hymnen auf die Stimme
Der italienischen Komponistin Francesca Verunelli und ihrer subtilen, von Emotion und Forschungsgeist geprägten Musik widmen die Festspiele ein Porträt.
Es ist, als würden menschliche Stimmen ineinanderfließen, während sie langsam durch die unendliche Weite des Alls driften – ein Paradoxon, denn im Vakuum kann kein Schall ausbreiten. Vergangenheit und Zukunft scheinen eins zu werden in diesen Gesängen der schönen Rätsel, schmerzlichen Klarheit und der schmucklosen Pracht. Die Stimmen „verstimmen“ sich dabei in kleinsten Schritten – und sind doch auf dem richtigen Weg ihres kosmischen Schwebens. „Es gibt keinen ursprünglicheren Klang als den der menschlichen Stimme. Sie verwandelt den menschlichen Körper in einen schwingenden Körper“: So formuliert es die italienische Komponistin Francesca Verunelli, geboren 1979 im toskanischen Pietrasanta. In ihrem 2024 entstandenen Stück „VicentinoOo“ führt Verunelli sensible Dialoge mit Alter Musik – und zwar jenseits unseres herkömmlichen temperierten Tonsystems.
Feinste Abstufungen. Temperierte Stimmung? Auch aus dem zwischenmenschlichen Alltag ist bekannt: Was falsch klingt, kann von der jeweiligen Stimmung der Beteiligten abhängig sein. In der Musik bot die Stimmung freilich von jeher Anlass zum Kopfzerbrechen. Denn sieben übereinander getürmte reine Oktaven (mit dem Schwingungsverhältnis 2:1) und zwölf reine Quinten (mit dem Schwingungsverhältnis 3:2) sind eben nicht exakt gleich groß, der Unterschied beträgt knapp einen Achtelton. Jede Methode aber, mit diesem naturgegebenen „Fehler“ umzugehen, hat ihren Pferdefuß. Den mit feinstem Gehör und Forschergeist begabten Tüftler Nicola Vicentino inspirierte das 1555 gar zum Bau des „Archicembalo“: Dieses Instrument konnte nicht weniger als 31 Töne pro Oktave spielen – und ermöglichte damit reine, mathematisch perfekte Zusammenklänge.
„Ich hatte schon immer das Bedürfnis, über die Grenzen der gleichstufigen Stimmung hinaus zu arbeiten“, verrät Francesca Verunelli. Aus den Diskussionen mit Geoffroy Jourdain, dem Leiter des Vokalensembles Les Cris de Paris, entstand schließlich Verunellis Komposition „VicentinoOo“ für Stimmen und zwei Tripelharfen: Musik des 21. Jahrhunderts, beziehungsweise eingebunden in eine Folge experimenteller Madrigale der Renaissance, etwa von Sigismondo d’India, Cipriano de Rore, Luzzasco Luzzaschi, Carlo Gesualdo – und natürlich auch Vicentino. Diese unter dem Titel „Strana armonia d’amore“ bereits international bejubelte und auf CD gebannte, gleichsam als Ganzes komponierte Werkfolge bildet bei den Salzburger Festspielen am 11. August den ersten von zwei Abenden im Großen Saal des Mozarteums, die Francesca Verunelli und ihre Schöpfungen porträtieren und zugleich in einen größeren musikalischen Zusammenhang stellen.
Wer singt, was klingt da? „Mir scheint, dass die Komponist*innen der Renaissance ein Gespür für harmonische Farben und eine Finesse in der präzisen Ausführung an den Tag legten“, so Verunelli, „die den harmonischen Experimenten der zeitgenössischen Musik sehr ähnlich sind. Die vielfältigen Eigenschaften von Vicentinos Unterteilung reizten mich und ich fing an, ihr Potenzial eingehend zu erforschen.“ Und das mit unerhörten Anforderungen an die Intonationsgenauigkeit des Ensembles.
Am Abend darauf zeigen Johanna Vargas (Sopran), Helēna Sorokina (Mezzosopran) und das Klangforum Wien unter Emilio Pomàrico, wie Francesca Verunelli einen anderen magischen Moment des Hörens und Singens erkundet: Es geht der Komponistin um den Sekundenbruchteil zwischen dem Vernehmen eines Klangs und der Erkenntnis, dass es sich um eine menschliche Stimme handelt. Bei ihrem Stück „La nuda voce“, 2025 im Auftrag der Donaueschinger Musiktage entstanden, „träumte ich davon“, so Verunelli, „diesen kurzen Moment so lange wie möglich zu halten.“
Heimatliche Verwurzelung. Dem musikalischen Urerlebnis der Stimme und der verbindenden Kraft des Gesangs ist dieses Werk auch durch zahlreiche Kindheitserinnerungen verpflichtet. Der Text, den sie verwendet, ist ein Volkslied aus der Gegend, in der sie geboren und aufgewachsen ist. Paradoxerweise handelt es von Stimmverlust: „Dov’è la voce mia, ch’era sì bella? – Wohin verklang meine Stimme, die so schön war?“
„Es gibt so viele Menschen“, erklärt die Komponistin, „die heute keine Stimme haben, nicht gehört werden. Wir haben zwar glücklicherweise das Recht, uns zu äußern, aber hört man uns deshalb? Singen Menschen auf dem Land in einer Gemeinschaft, ist keine Stimme nutzlos, egal, ob sie nun besonders schön oder weniger schön klingt, sauber oder nicht. Für mich ist Musik eine Form des Menschseins.“