Hommage à György Kurtág
Am 19. Februar 2026 feierte er seinen 100. Geburtstag. Im Sommer widmen die Salzburger Festspiele dem „Jahrhundertkomponisten“ György Kurtág einen Schwerpunkt, der die gesamte Bandbreite seines Schaffens in nuce umfasst: ein beständiger Dialog mit der kompositionsgeschichtlichen europäischen Tradition.
Das Eigene, das Angeeignete – wo beginnt das eine, wo endet das andere? Das gesamte Schaffen von György Kurtág (*1926) gleicht einer groß angelegten, in sich oft kleinteiligen und doch umfassenden Studie über das Wesen musikalischer Kreativität. Kurtágs Werk ist wie eine ausgedehnte Sammlung einzelner Splitter: Ihre Sinnzusammenhänge ergeben sich innerhalb und zwischen den Bruchstücken. Während sich sein zutiefst eigener Tonfall allerorten entfaltet, durchzieht gleichzeitig ein geradezu enzyklopädisches Netz von Anspielungen, Zitaten und Allusionen sein Schaffen. Dabei überlagern und durchdringen sich Beziehungen sowohl in die Musikgeschichte als auch zu individuellen biografischen Konstellationen des Komponisten auf vielfache Weise.
Auf der einen Seite steht Kurtágs kompositorische Arbeit in einem beständigen Dialog mit nahezu der gesamten europäischen Tradition bis in die Moderne hinein. Auf der anderen Seite finden sich etliche persönliche Bekenntnisse in Form von Widmungs- oder Erinnerungswerken für Freunde und Wegbegleiter. In gleich zwei Konzerten der diesjährigen Kurtág-Reihe, „Omaggio“ mit dem Klangforum Wien unter Matthias Pintscher (1. August) sowie im Orchesterkonzert von Utopia unter Teodor Currentzis (19. August), ist das sicherlich bekannteste Widmungsstück Grabstein für Stephan für Gitarre und Instrumentengruppen op. 15c zu hören – eine fragile klangliche Konstellation zwischen dem betont kargen Solo-Instrument und dem kollektiven Ensembleverband. Dieses Stück erinnert an den Sänger Stephan Stein, Ehemann der Psychologin Marianne Stein, die in Paris einen künstlerischen Salon führte und Kurtág in vielfacher Weise bestärkte und unterstützte. Vielleicht war sie es, die ihn auf die Idee brachte, musikalische Aphorismen zu komponieren – womit er aus einer schweren Schaffenskrise in den 1950er-Jahren zu jener flexiblen Formgebung fand, die viele seiner Kompositionen in unterschiedlicher Weise prägt.
Die tiefen Wunden des 20. Jahrhunderts, die existenzielle Verunsicherung, die ständig bedrohte Identität, der Kampf um die eigene individuelle Ausdrucksweise – all das klingt in Kurtágs Werk immer wieder auf intensive und höchst präsente Weise nach. Dabei verbindet sich die Erfahrung von Krisen, von Zweifeln und Verunsicherungen mit einem robusten Willen zu künstlerischer Äußerung und zuweilen surrealen oder sarkastischen Entwürfen. Die Botschaften des verstorbenen Fräuleins R. V. Trussowa für Sopran und Kammerensemble op. 17 nach Texten von Rimma Dalos zeigen dies in 21 höchst unterschiedlichen satirisch gefärbten Stücken.
Geschichtlich weit zurück weist die Hommage à Jacob Obrecht – einen franko-flämischen Meister der Vokalpolyphonie des späten 15. Jahrhunderts – für Streichquartett. Der Zyklus Zeichen, Spiele und Botschaften für Streichertrio enthält unter anderem eine „Hommage à J. S. B.“: Johann Sebastian Bach war für Kurtág eine der zentralen lebenslangen Referenzen, dem er auch eine Reihe von Transkriptionen widmete. Im Festspielsommer erklingt unter anderem auch What Is the Word für Altstimme (Rezitation), Vokalensemble und Instrumentengruppen op. 30b. Hier hat sich Kurtág wie auch in anderem Zusammenhang mit Samuel Beckett, dem wahlverwandten Sprachkünstler an der Grenze zum Schweigen und zur Sinnlosigkeit, dem Propheten des beständigen Scheiterns, auseinandergesetzt.
Kurtágs Musik bewegt sich ebenfalls häufig am Rand des Verstummens – und dennoch, oder gerade deshalb, verströmt sie eine unerschöpfliche Vielfalt und Kraft, Vitalität und Klangsinnlichkeit. Das Eigene, das Angeeignete – wo beginnt das eine, wo endet das andere?
Daniel Ender
Zuerst erschienen in der Festspielbeilage der Salzburger Nachrichten