Das Opernprogramm 2026
Die Liebe, das wohl unzuverlässigste Gefühl des Menschen, und ihre vielfältigen Erscheinungsformen stehen in diesem Festspielsommer im Fokus. Und damit ein Nachdenken über menschliche Beziehungen – und die Verletzlichkeit des Einzelnen.
Während Carmen im buchstäblichen Sinne ein Prinzip verkörpert und die Liebe als Freiheit lebt – bis zum gewalttätigen Tod durch ihren verlassenen früheren Geliebten, deklinieren Mozart und Da Ponte in Così fan tutte die schwindelerregenden Gesetzmäßigkeiten der Liebe und erkunden das Fremd-Sein im eigenen Begehren. Olivier Messiaen hingegen überführt die individuelle romantische Liebe in eine unermessliche Liebe, die nichts will. In seinem Opus magnum Saint François d’Assise werden die Tränen des Eros in Tränen der Freude verwandelt.
In Pascal Dusapins Passion überlagern sich die Leidenschaften: „Angst, Freude, Schmerz, Schrecken, Begehren, Entzücken, Kummer, Liebe und Wut“, die in Goethes Werther – und in der Lesart von Jules Massenet – in eine „Süße des Abgrunds“ münden, wie Roland Barthes es bezeichnet. Ein komplexes Geflecht an Liebeshändeln und zerrüttete Beziehungen schließlich sind die ursächlichen Triebkräfte in Mozarts Lucio Silla. Sie führen zu einem glücklichen Ende, zum Verzeihen, zum Verzicht. „Das eigene Herz zu überwinden, welcher Sieg kommt diesem gleich?“ Eine Liebeshandlung steht auch im Zentrum von Hans Werner Henzes Oper Der Prinz von Homburg, die letztlich den Konflikt des Titelhelden zwischen individuellem Gefühl und staatlicher Ordnung in Gang setzt.
Liebe, Komik und Intrigen wiederum sind Ingredienzen der Opera buffa. Als einer ihrer Großmeister und Erneuerer gilt Gioachino Rossini: Das führt er in dem lange verschollenen virtuosen Ensemble-Stück Il viaggio a Reims unvergleichlich vor. Auf die „heitere“ Unterhaltung trifft in Richard Strauss’ und Hugo von Hofmannsthals Ariadne auf Naxos ganz unmittelbar die „hehre“ Kunst. Eine Reflexion über das Wesen der Kunst, die die gesellschaftliche Überheblichkeit entlarvt, wird mit der tragischen Geschichte der Ariadne verquickt, die an die eine, ewige Liebe glaubt. Diesem Liebeskonzept steht wie ein Kontrapunkt die quirlig-komödiantische, unbeschwert liebende Zerbinetta gegenüber. Ein Doppelleben der Liebe – ein Doppelleben der Oper …
Die (Un-)Logik der Liebe strahlt auch auf das Schauspielprogramm der Festspielsaison 2026 aus und verbindet die Genres auf vielfältige Weise. Die dramatischen Werke aus dreieinhalb Jahrhunderten erforschen das Ich und unser Verhältnis zum Anderen – und setzen der Ratio die Macht des Herzens entgegen, der kalten Vernunft die Intuition und das Gefühl. „Le cœur a ses raisons que la raison ne connaît point.“ – „Das Herz hat seine Gründe, die die Vernunft nicht kennt.“ (Blaise Pascal)
Zuerst erschienen in der Festspielbeilage der Salzburger Nachrichten