„Spielarten der Liebe unterm Brennglas“
„Es ist wie eine Familie, die sich hier wiedertrifft“, sagt Dirigentin Joana Mallwitz und meint damit die Besetzung der Salzburger Opernproduktion Così fan tutte. 2020 kreierte sie mit Christof Loy – zum 100-Jahr-Jubiläum der Salzburger Festspiele und aufgrund der Gegebenheiten während der Pandemie – eine reduzierte Fassung ohne Pause, die nachhaltig in Erinnerung geblieben ist. Nun kehrt die Erfolgsproduktion als erweiterte Neueinstudierung auf die Bühne des Großen Festspielhauses zurück: im charakteristischen Bühnenbild trifft sich der gesamte damalige Cast mit Ausnahme einer Neubesetzung. Im TerrassenTalk erzählen Joana Mallwitz, Christof Loy und Elsa Dreisig, die damals wie heute die Fiordiligi singt, vom erweiterten Konzept und den Proben zur diesjährigen Così fan tutte.
Im Labyrinth der Gefühle
Der saloppe Titel von Wolfgang Amadeus Mozarts Oper Così fan tutte – übersetzt: So machen es alle (Frauen) – mag irritieren. Laut Regisseur Christof Loy gibt es zahlreiche Inszenierungen, die die Frauenfiguren naiv und überzeichnet darstellen und den oberflächlichen Witz in den Vordergrund rücken. Für Loy hingegen ist es ein wesentliches Anliegen, den Figuren mit Würde zu begegnen und „keine Karikaturen“ zu zeichnen. Er spricht von einem „paradiesischen Zustand“, in dem sich die Charaktere zu Stückbeginn befinden, und davon, „die Unschuld der Frauen als etwas sehr Schönes zu begreifen“. Schließlich seien die Männer mit der Treue testenden Wette „schon am Anfang viel verdorbener“ und würden in Loys Inszenierung „in unerwartete Abgründe schauen“, als ihnen die Intrige zu entgleiten beginnt. In Fiordiligi sieht der Regisseur „das Unbedingte der Gefühle“, worin sich auch die Sängerin Elsa Dreisig wiederfindet: „Sie erlebt alles zu 100 Prozent, es gibt nichts Halbherziges. Ich liebe diese Frau, sie hat enorm viel Temperament.“ Über die Rolle spricht die Sopranistin liebevoll: „Sie könnte eine Freundin von mir sein.“
„Ich versuche, all meine Konzentration und die des Publikums auf die den Personen innewohnenden, sich immer wieder verändernden Zustände zu lenken. Und ich lasse weg, was ablenken könnte.“ Die Salzburger Inszenierung spielt – anders als im Libretto angelegt – an keinem definierten Ort; zu sehen ist ein weitläufiges, weißes Bühnenbild mit zwei Türen. In dieser Zeitlosigkeit und Allgemeingültigkeit bekommen die Figuren bei Loy viel Raum auf der Bühne, um ihr Innerstes nach außen zu kehren. Schon als er sich mit 12 Jahren erstmals die Partitur der Oper auslieh, litt er mit den Figuren im zweiten Akt mit. Diese einfühlsame Lesart vermisste er jedoch in Inszenierungen, die er später sah: „Der erste Akt war meist merkwürdig, weil zu viel aufgefahren wurde mit oberflächlicher Komik und Bühnenbild, sodass man später nicht mehr in dieses Labyrinth von Gefühlen eindringen konnte.“ Sogar dem Strippenzieher Don Alfonso gesteht Christof Loy in seinem Regiekonzept sensiblere Facetten zu als in manch anderen Inszenierungen: „Auch er ist ein von der Liebe Verwundeter.“ Für Joana Mallwitz ist die Oper wie ein „Brennglas“, das den Blick auf die verschiedensten Formen der Liebe öffnet, nämlich auf „die geschwisterliche Liebe, die Verliebtheit, die verrückte Liebe, die verzweifelte Liebe, die einsame Liebe und die schicksalhafte Liebe“.
Vom Innersten ausgehen
„Es musste schnell gehen“, erinnert sich Joana Mallwitz an die Erarbeitung der 2020er-Fassung. Sie und Christof Loy verfolgten dabei die gleiche Sichtweise: „Nicht überlegen, was wir weglassen können, sondern schauen, was wir unbedingt hören wollen.“ Bei einigen der Striche sprechen beide von einem „Schmerz“; meist seien es die zweiten Arien der Solist·innen gewesen. Während diese Lücken in der Neueinstudierung geschlossen werden, haben Mallwitz und Loy einige der – zum Teil auch bereits von Mozart anempfohlenen – Sprünge stehengelassen, etwa in den Ensemble-Teilen.
Die Dirigentin hebt die „unglaubliche Vielschichtigkeit“ hervor, „die man zu jeder Zeit in der Oper hört“. Der psychologisierende Blick auf die Figuren funktioniere nicht durchs Wegnehmen, sondern indem man „vom Innersten denkt, vom Kern“: „Wir haben 2020 die ersten vier Wochen nur um den Flügel gesessen, an den Texten gearbeitet und uns gefragt: Welches Timing? Wo ist der Impuls? Wo fängt das Gefühl an, wo muss es stehen? Welcher Akkord vom Hammerklavier muss sich da in welcher Form anschließen? Und dann stand die Oper und wir konnten das Ganze gleichsam in Kürze in Szene bringen.“ Dass ein Großteil der damaligen Solist·innen auch heuer Teil der Produktion ist, sei ein „großes Glück“: „Alle sind mit diesen Rollen so unglaublich aufeinander eingespielt. Der Kern der Sache ist vorhanden und funktioniert.“ In der musikalischen Arbeit achtet Mallwitz auf das Zusammenspiel von sehr guter Technik und „einer immer am Text festgemachten, auch frechen und musikantischen Artikulation“, wie sie es in der Arbeit mit den Solist·innen und den Wiener Philharmonikern absolut gegeben sieht: „Sie haben das Vermögen, mit dem Text umzugehen und jede kleinste Emotion in jedem Buchstaben hervorzuheben.“ In der Salzburger Inszenierung haben die Sänger·innen einen guten Blick aufs Orchester. Diese Nähe fühlt sich für Elsa Dreisig „wie Kammermusik“ an. „Wirklich traumhaft.“
„Die ideale Così“
Sechs Jahre ist die reduzierte Fassung her und in diesen Jahren sei viel passiert: „persönlich, entwicklungstechnisch, auch stimmlich“, führt Joana Mallwitz aus. Aber dadurch, dass Così fan tutte damals „mit so einer großen Genauigkeit und Hingabe erarbeitet wurde“, sei sie einem eingebrannt. „Ich bin neugierig, was das Stück jetzt mit uns macht, sechs Jahre später.“ Für Mallwitz ist sie „die ehrlichste aller Mozart-Opern“ und in dieser Inszenierung „die ideale Così“. Christof Loy hebt die „Verantwortung gegenüber dem, was damals geschaffen wurde“ hervor und spricht von einem choreografischen und emotionalen „Uhrwerk“, dessen Genauigkeit wiederhergestellt werden müsse. Elsa Dreisig erinnert sich, dass sie „Schmetterlinge im Bauch“ hatte: „Ich hatte das Gefühl, wir waren alle gemeinsam verliebt.“ Bei den Salzburger Festspielen 2026 ist Così fan tutte in sechs Vorstellungen ab dem 6. August im Großen Festspielhaus zu sehen.