„Was für ein Glück“: Ein Weltgang mit Peter Handke
Jossi Wieler inszeniert Schnee von gestern, Schnee von morgen mit Jens Harzer und Marina Galic. Die drei haben dazu Peter Handke in Frankreich besucht.
„Gehen, gehen aufs Geratewohl – bis zum Wohlwollen“, heißt es einmal in Schnee von gestern, Schnee von morgen. Der große Spaziergänger Peter Handke hat diesen seinen Text selbst mit dem verschmitzt gravitätischen Untertitel „Das Lautwerden des einen Kreuz-und-Quer-Gehenden zeit seines jeweiligen Innehaltens“ versehen, im Jänner 2025 veröffentlicht und davor schon Markus Hinterhäuser anvertraut, der damals noch Intendant der Salzburger Festspiele war und sich vor der Aufgabe sah, auch das Schauspielprogramm 2026 zu erarbeiten. Klar, dass er zugriff, denn es ist (auch) ein Text fürs Theater.
Vergänglichkeit. „Er ist fürs Theater geschrieben, er ist besonders sinnlich“, sagt Regisseur Jossi Wieler, der schon einiges von Handke, etwa Kaspar und Zdenèk Adamec, inszeniert hat. Wie sieht er den Text? „Es geht um Vergänglichkeit, es geht darum, wie die Zeit läuft, es geht um Abschied, es geht um die Welt, wie sie von innen betrachtet wird, wie sie von außen betrachtet wird“, sagt er, offensichtlich auf einen berühmten Handke-Titel (Die Innenwelt der Außenwelt der Innenwelt) anspielend.
Bald standen auch die Schauspieler fest, die den Text spielen und sprechen werden, beide sind mit Handkes Werk bestens vertraut: Jens Harzer hat schon 2011 in Salzburg in Immer noch Sturm gespielt. Seine innige Beziehung zu Handkes Texten habe sich seither nicht verändert, sagt er: „Die letzte halbe Stunde in Immer noch Sturm, wo meine Figur allein über die Bühne gelaufen ist, hat mit diesem neuen Text zu tun: Diese Art von Suchbewegungen einer allein durch die Welt laufenden, sich die Welt fabulierenden Figur.“
Sprachlos. Auch Marina Galic war in Immer noch Sturm dabei, und sie spielte auch 2016 in Die Stunde, da wir nichts voneinander wussten am Hamburger Thalia-Theater: „Ein Stück ohne Sprache“, sagt sie, „das aber genauso viel über Handke erzählt, über seinen liebevollen und humoristischen Beobachterblick auf das Geschehen der Welt.“
Galic, Harzer und Wieler besuchten im Mai 2025 Peter Handke in Chaville, dem Ort im Süden von Paris, wo er seit 1990 lebt. „Wir haben einen Tag miteinander verbracht“, erzählt Wieler, „es war im schönsten Sinn ein gemeinsames Mäandern durch das Stück.“ Sie waren auch in dem kleinen chinesischen Lokal, in dem Handke Stammgast ist. „Er erzählte uns, dass er lieber auswärts isst als zuhause, weil er gerne die Geräusche von den Menschen hört und ihnen gern zuschaut“, sagt Galic. Sie sei auch beeindruckt von der Naturverbundenheit Handkes, von der Konsequenz, mit der er eben nicht in der Großstadt lebt. „Wenn er abends in Paris essen geht, fährt er mit dem Zug zurück. Er geht jeden Tag im Wald spazieren, er kennt die Vögel, die dort fliegen.“
An Handkes Text Schnee von gestern, Schnee von morgen hat Galic die jähe Bruch kurz vor Ende besonders beeindruckt: Plötzlich ändert sich die Perspektive, der wandernde Ich-Erzähler verschwindet, zu Wort kommt ein Erzähler, der mit dem Satz beginnt: „Der Kreuz-und-Quer-und-Querfeldein-Geher lebt nicht mehr hier – ich bin jetzt, für sein letztes Wegstück, und dann sein Chronist.“ Und etwas später: „Angeblich soll er vor einiger Zeit noch als letzter Fahrgast hinten zusammengekauert im allerletzten Nachtbus.“ Dieser Perspektivenwechsel sei „ein unglaublicher Kniff“, sagt Galic: „Es ist wie ein Krimi für mich.“
„Der Text ist spannend, weil man nie weiß, wo genau das hinführt“, ergänzt Wieler: „Aber es ist auch irgendwie komisch, hat einen Schalk, ist frech, lustig. Es hat nichts Niedergeschlagenes. Es gibt halt keine klare Botschaft dahinter. Das ist wesentlich für Handke-Texte überhaupt, und das ist wichtig, gerade für unsere Gesellschaft heute, die stets Determiniertes verlangt, klare Antworten, eindeutige Farben. Nein, die Welt ist nicht so: Sie hat viele Farben, und es gibt keine klaren Antworten auf das Chaos, auf die Widersprüchlichkeiten. Dafür ist dieser Text wie ein Medikament, von einem Weltarzt verschrieben.“
Magisch. Wie Wieler das auf die Bühne bringt, wie Anja Rabes dies gestaltet, das entwickelt sich erst. „Wir werden versuchen, eine Welt zu erschaffen, die dieser Sprachwelt entspricht“, sagt Wieler: „Man denkt ja, dass das eine abstrakte Welt ist, aber dahinter verbirgt sich etwas Konkreteres, möglicherweise ein magischer Realismus.“ Und warum wird dieses Stück zu zweit entwickelt und gesprochen? Handke begründet das mit der Ambivalenz in allen Texten Handkes, besonders deutlich in Die Wiederholung: „Der unbedingte Wunsch, allein zu sein, und zugleich der Wunsch, mit den anderen zu sein. Sich der Welt mitzuteilen und sich der Welt zu entziehen. Diese zwei Ebenen sind bei Handke immer vorhanden. Deswegen ist es wichtig, dass wir das als Dialog entwickeln, dass es einen Echoraum gibt, wer immer da spricht, ob die Frau zum Mann oder der Mann zur Frau oder ob das Geschlecht gar nicht wichtig ist. Oder ist das ein Paar? Das wissen wir ehrlich gesagt noch nicht.“
Man darf gespannt sein. Und einstweilen in Vorfreude durch Handkes Text streifen, der die Frage nach „den anderen“ in einer Passage fast enragiert beantwortet: „Ich kann nichts gegen euch und wie kommt es mir, und wie kommt es mir, dass ich trotzdem gegen euch alle, sämtliche, bin, in Gedanken eurer Amokläufer – Amokläufer als Erwecker der Menschheit, neuer Weltgeschichte – Figur, wenn nicht gar Protagonist?“ Kurz danach folgt einer jener Ausbrüche des freudigen Optimismus, wie sie Wieler öfter Handkes Texte durchsonnen: „Was für ein Glück in deinem Leben, und was für ein Glück erst wird dich erwarten im nächsten!“
De Profundis. Ganz anders, auch in der Stimmung, ist ein zweiter Text, den Jens Harzer bei einem Gastspiel des Berliner Ensembles in Salzburg interpretiert: De Profundis, der offene Brief, den Oscar Wilde zwischen 1895 und 1897 aus englischen Zuchthäusern, wo er wegen Homosexualität – damals „Unzucht“ genannt – inhaftiert war, an seinen Freund und Liebhaber Lord Alfred Bruce Douglas schrieb. Der Name der Schrift stammt aus dem Psalm 130: „De profundis clamavi ad te Domine.“ „Aus der Tiefe rief ich, Herr, zu dir.“
Auf karger Bühne, die die Gefängniszelle symbolisiert, stellt Harzer den Schmerz und die Zerrissenheit des Künstlers dar: ein intensiver Abend, inszeniert von Oliver Reese, am 20. Juli im Landestheater. Ebendort hat am 27. Juli Schnee von gestern, Schnee von morgen Premiere.