Eros und Thanatos
Weisen von Liebe und Tod mit Teodor Currentzis am Pult: von Bizets Carmen bis zu Bergs Andenken eines Engels und dem Deutschen Requiem von Johannes Brahms.
„Diese Musik scheint mir vollkommen“, schwärmte der musikalisch gebildete Philosoph Friedrich Nietzsche im Jahr 1888, nachdem er Georges Bizets Carmen nicht weniger als zwanzigmal gehört hatte: „Sie kommt leicht, biegsam, mit Höflichkeit daher. Sie ist liebenswürdig, sie schwitzt nicht.“ Doch zugleich sei sie auch „böse, raffiniert, fatalistisch: sie bleibt dabei populär – sie hat das Raffinement einer Rasse, nicht das eines Einzelnen. Sie ist reich. Sie ist präzis. Sie baut, organisiert, wird fertig: damit macht sie den Gegensatz zum Polypen in der Musik, zur „unendlichen Melodie“.“
Eine Schwester von Don Giovanni? Diese letzte Sottise offenbart zwar, dass der Text sich eigentlich polemisch gegen Richard Wagner richtet, den einstigen Freund, dessen Schaffen Nietzsche damals längst schon nicht mehr ertragen konnte oder wollte, gegen jenen Wagner, der 1883 in Venedig während der Arbeit an einem Essay „Über das Weibliche im Menschlichen“ gestorben war … Bezeichnend, welchen neuen Gott – oder: welche Göttin! – sich Nietzsche zur Lobpreisung auserkor: keine Frau, die durch ihr selbstloses Opfer einen tragischen Wagner-Recken „erlöst“. Stattdessen geht der recht kümmerliche Held an der erotischen Anziehungskraft der Geliebten zugrunde – und tötet sie in eifersüchtiger Verzweiflung.
Dabei ist Carmen so unsterblich wie Don Giovanni: als Archetypus der Femme fatale, die sich über alle Grenzen bürgerlicher Moral hinwegsetzt und auch dann noch souverän ihren Gefühlen folgt, wenn ihr die tödliche Gefahr völlig bewusst ist. „Um heute Erfolg zu haben, muss man entweder Deutscher sein oder tot“, soll Bizet einmal verbittert ausgerufen haben. „Niemals hätte er sich träumen lassen, einmal zum musikalischen Gegenpol des „deutschesten der Deutschen“ erklärt zu werden: Nietzsche erklärte, er werde „ein besserer Mensch“ durch Carmen – im Gegensatz zum „Wasserdampf“ im Schaffen Wagners, diesem „Künstler der décadence“, der die Musik krank gemacht habe, ja selbst Krankheit sei …
1838 in Paris geboren, war Bizet kaum mehr Lebenszeit als Mozart vergönnt: Er starb mit nicht einmal 37 Jahren an einem Herzinfarkt. Nach früher Anerkennung als Wunderkind und späteren Auszeichnungen während des Studiums war sein kurzes Komponistendasein von keiner dauerhaften Fortune gesegnet – und erst in den letzten Jahrzehnten wird die gute Dutzend seiner Bühnenwerke abseits der Carmen neu entdeckt. Deren Siegeszug hat er, nach der eher erfolglosen Uraufführung drei Monate vor seinem Tod, nicht mehr erleben können.
Asmik Grigorian als Carmen. Mit Mozarts Don Giovanni hat Teodor Currentzis am Dirigentenpult und im Verein mit dem Regisseur Romeo Castellucci bereits 2021 Festspielgeschichte geschrieben. Nun also widmet er sich jener Figur, die als dessen weibliches Pendant angesehen werden kann. Die Titelrolle übernimmt dabei jene Sopranistin, die sich in der Ära von Markus Hinterhäuser sozusagen zur Primadonna der Salzburger Festspiele entwickelt hat: die vielseitige, exemplarisch wandlungsfähige, im besten Sinne unberechenbare Asmik Grigorian. Damit fügt sie ihrer Wozzeck-Marie, Strauss‘ Salome und Chrysothemis, der Lauretta, Giorgetta und Angelica in Puccinis Trittico, der Polina in Prokofjews Spieler und Verdis Lady Macbeth eine weitere funkelnde Facette hinzu.
In der Inszenierung der Regisseurin und Choreografin Gabriela Carrizo sind Jonathan Tetelman als Don José, Kristina Mkhitaryan als Micaëla und in der Rolle des Toreros Escamillo der Salzburger Giovanni von 2021 und 2022, Davide Luciano, zu erleben.
Den Hinterbliebenen. Doch wie jeden Sommer übernimmt Teodor Currentzis auch diesmal mit seinen vokalen wie instrumentalen, in jedem Fall hervorragenden Kräften von Utopia zentrale Punkte im Konzertprogramm. Bei der Eröffnung der Ouverture spirituelle, die unter dem Motto Miserere steht, kombiniert er die Lieder der Schwermut und der Trauer des hundertjährigen Jahrhundertkomponisten György Kurtág mit der bewegenden Bitte um Erbarmen, die Arvo Pärt in seinem Miserere erklingen lässt. An den letzten Dinge rührt dann ein ganz spezieller Abend, der verschiedenen musikalischen Ausformungen eines Totengedenkens gilt: Kurtágs Grabstein für Stephan, Alban Bergs singuläres Violinkonzert, komponiert Dem Andenken eines Engels, nämlich der 18-jährig verstorbenen Manon Gropius – und zuletzt Ein deutsches Requiem von Johannes Brahms, ein Werk, nicht geschaffen, um die armen Seelen zu betrauern und für sie zu flehen, sondern um den Überlebenden Kraft und Trost zu spenden.