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Vom Lieben und Leiden

Benjamin Bernheim zur konzertanten Aufführung der Oper Werther.

„Eine Rolle zu lieben, ist sehr wichtig für mich“, betont Tenor Benjamin Bernheim, der in der Oper Werther die Titelrolle singen wird. Die Geschichte rund um die tragische Figur Werther wurde 1774 durch Johann Wolfgang von Goethes Briefroman Die Leiden des jungen Werther bekannt und avancierte zum Welterfolg. Mehr als hundert Jahre nach Goethes Romanveröffentlichung hat Jules Massenet das Sujet in eine Oper überführt und die Rolle des Werther als lyrischen Tenor angelegt. In den konzertanten Aufführungen am 29. Juli und 1. August übernimmt Benjamin Bernheim die vielschichtige Titelrolle, die laut eigener Aussage immer weiter in ihm wächst.

„Will er sie wirklich haben oder will er eigentlich leiden?“

Im Zentrum der Werther-Handlung steht die unglückliche, lange als unerwidert geglaubte Liebe von Werther zu Charlotte. Da Charlotte an Albert versprochen ist und ihn schließlich heiratet, weist sie Werther zurück, der über seine Liebe zu ihr jedoch nicht hinwegzukommen vermag. Sein Schmerz lässt Selbstmordgedanken aufkommen, denen er schließlich nachgibt. Während Werther in Goethes Roman alleine stirbt und ihm ein christliches Begräbnis verwehrt bleibt, bekommen er und Charlotte in Jules Massenets Oper eine gemeinsame und erlösende letzte Szene, in der sie ihm ihre Liebe gesteht und Werther in den Armen hält, während er stirbt.

Von höchsten Gefühlen bis hin zu suizidalen Gedanken vereint die Figur Werther eine große Gefühlsspanne. „Es ist eine hochkomplexe Rolle“, beschreibt Benjamin Bernheim. „Ich muss mich als Sänger entscheiden: Bin ich die Emotion oder bin ich der Schauspieler? Es ist manchmal nicht so leicht, am Ende der Vorstellung wieder zu sich zurückzukehren.“

Der französische Tenor verkörperte den Werther auf der Bühne erstmals 2022 in Bordeaux. „Ich war zwar bereit, aber noch ganz grün hinter den Ohren. Mit der Zeit wächst die Rolle in einem.“ Vor zwei Jahren sei eine Vorstellung bei den Salzburger Festspielen vielleicht noch zu früh gewesen, wie Bernheim anmerkt, aber nun seien die Erfahrung und Reife da, diese Rolle auf der großen Bühne zu singen. „Es ist ein bisschen wie die Traviata für einen Sopran. Man muss jung und gleichzeitig dramatisch sein.“ Die Opernfigur Werther nennt der Sänger einen „Manipulator. Er ist kein junger, netter Mann. Er lügt Albert und Charlotte an und seine Worte gehen den beiden tief unter die Haut. Er weiß, dass es die einzige Möglichkeit ist, Charlotte zu bekommen. Für Massenets Werther frage ich mich: Will er sie wirklich haben oder will er eigentlich leiden?“ Der Werther gehört zum Kernrepertoire von Bernheim, oder, wie Festspielpräsidentin Kristina Hammer es in ihrer Begrüßung erwähnt: „Ich glaube, diese Rolle ist ihm auf den Leib geschnitten.“ Er bestätigt: „Die Rollen, die ich singe, sind auch Rollen, die ich fühle. Und ich liebe es, diese Rolle zu singen.“

Werther als Symbol deutsch-französischer Freundschaft

Als Referenzaufnahme nennt Benjamin Bernheim jene des Orchestre symphonique de la Monnaie, das auch am 29. Juli und 1. August unter Alain Altinoglus Leitung spielen wird. Die Bedeutung des Dirigenten hebt Bernheim besonders hervor: „Alain fühlt die Seele des französischen Repertoires. Diese Massenet-Oper liegt ihm im Blut. Es fühlt sich so gut an, mit ihm zu singen.“ In Altinoglu und der Sängerin Adèle Charvet, die in Salzburg die Charlotte singen wird und in seinen Augen „die perfekte Stimme“ für diese Rolle habe, sieht Bernheim ein Symbol deutsch-französischer Freundschaft. In diesem Sinne versteht er auch die Oper Werther: Trotz zahlreicher Kriege zwischen den beiden Ländern „gehen beide Kulturen Hand in Hand“; so schrieb der deutsche Dichter Goethe den Briefroman und der französische Komponist Massenet die Oper. Ähnlich hebt er Charles Gounod und Faust hervor. „Ich sehe Werther als wichtiges Symbol beider Kulturen gemeinsam.“

Massenets Oper wird bei den Salzburger Festspielen am 29. Juli und 1. August konzertant aufgeführt. Für Benjamin Bernheim bedeutet diese Form eine andere Möglichkeit, Musik zu erzählen. „Ich liebe auch diese Erfahrung auf der Bühne“, führt der Tenor aus. „Werther ist sehr wichtig für mich.“