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Alte Abgründe, neue Weltordnung

„Etwas ist aus den Fugen geraten, die Weltordnung hat sich komplett verlagert“, definiert Regisseur Ersan Mondtag den Ausgangspunkt seiner Neuinszenierung von Ariadne auf Naxos, die er im gemeinsamen Gespräch mit Dramaturg Till Briegleb, Dirigent Manfred Honeck und Sopranistin Christina Nilsson näher vorstellt. Die Oper von Richard Strauss und Librettist Hugo von Hofmannsthal entstand während des Ersten Weltkriegs und war ein Spiegelbild der kriegsverschonten Oberschicht, die sich von der leidvollen Realität der meisten Menschen abkapselte. Diese Form einer geschlossenen Gesellschaft haben Mondtag und Briegleb weitergedacht und inszenieren sie als Zeitkapsel auf dem Mars.

Bedrohungsästhetik auf dem Mars

„Die Sehnsucht der Superreichen, sich einen Staat im Staat zu bauen, haben wir als Matrix genommen“, sagt Till Briegleb und nennt Jeff Bezos, Elon Musk oder auch Peter Thiels Sonderentwicklungszone Próspera auf der honduranischen Insel Roatán als reale Beispiele. Der Dramaturg, Journalist und Kritiker arbeitet bereits seit 2018 mit Ersan Mondtag zusammen und führt zu ihrer gemeinsamen interdisziplinären Arbeit aus: „Wir versuchen immer, Opernstoffe mit einer gewissen politischen Dimension neu zu interpretieren.“ Mondtag und Briegleb verarbeiten in Ariadne auf Naxos die Folgen von Turbokapitalismus und Astro-Fantasien und versetzen die Oper an einen neuen Schauplatz: Aus der „wüsten Insel“ Naxos wird der Wüstenplanet Mars. Die Figuren sind Teil einer in sich abgeschlossenen Gesellschaft, die die Erde hinter sich gelassen und sich eine neue Ordnung aufgebaut hat. Um diesen Raum zu schützen, gibt es Sicherheitskräfte und Wachen: „Wir bauen eine gewisse Bedrohungsästhetik auf. Es gibt Uniformen, die bis ins letzte Detail – bis hin zu den Bademänteln der Darsteller·innen – durchkodiert sind. Es gibt ganz viele Ein- und Ausgänge in dieser Architektur, aber über dem Ganzen ist ein Kontrollstaat errichtet“, erklärt Ersan Mondtag.

Atmosphärischen Einfluss auf die Inszenierung und das Bühnenbild hatten verschiedene Ausformungen von abgeschotteten Zeitkapseln: Schutzbunker zu Kriegszeiten, Sakralbauten aller Religionen oder auch fiktive Beispiele wie aus Emir Kusturicas Film Underground oder das Schloss von Dracula. Ersan Mondtag vergleicht das Bühnenbild mit einer Art Sakralbau und fügt hinzu: „Wir haben uns an der Architektur und an den Bögen von Salzburg orientiert und auch an den Farben vom Haus für Mozart. Dadurch verbindet sich die Bühne gut mit dem Zuschauerraum.“ Nach dem Vorspiel wird es eine Pause geben, die für den Umbau benötigt wird: „Die Architektur im zweiten Teil bleibt dieselbe wie im ersten Teil, aber ins Innere kommt ein Bühnenbild für die Oper in der Oper, für die Aufführung in der Aufführung.“ Die Inszenierung führt „die Wüste in ein Schneeland“ über, mit einer frierenden Ariadne und verhungerten Tierkadavern (Elefant, Löwe und Affe). Dieses Bild „ist natürlich ein Hinweis auf die Gegenwart und die potenzielle Zerstörung der Natur“. Dem Regisseur ist es wichtig, die Ernsthaftigkeit zu betonen: „Man kann das Original als Ironie auf die Oper lesen. Der zweite Teil der Oper eröffnet eine spannende Reibung: Ist das jetzt ironisch gemeint oder nicht? Das lassen wir bewusst in der Schwebe. Aber wir arbeiten nicht mit Ironie. Unsere Anordnung auf dem Mars ist nicht ironisch. Wir haben komplexe Marslandschaften gebaut: Im Hintergrund sieht man Titanen aus Metall, die 100 Meter hoch sind und den Mars seiner Ressourcen berauben; es gibt eine Fahrt durchs Universum; eine Art Hermes-Gestalt kommt mit einem Raumschiff an – diese Welt haben wir gebaut und beziehen uns auf den sehr ernsten Aspekt von Strauss’ Musik.“ Für den Traum einer neuen Gesellschaft zerstören die Menschen die Erde, so Till Briegleb. Doch schnell entspinnt sich „trotzdem ein Gesellschaftssystem, das alle Ebenen von Erotik, von Liebe, von Feindschaft, von Neid, von Egoismus, die wir alle aus unserer Gesellschaft hier kennen, auch in dieser Zeitkapsel reproduziert. Und dadurch haben wir tatsächlich versucht diesen Begriff der Zeitkapsel bis hin zur Architektur weiterzuführen.“

Eine „enorme Farbpalette“: Richard Strauss’ Klangsprache

Der Dirigent Manfred Honeck ist ausgewiesener Richard Strauss-Experte und sieht die starken Frauenfiguren auch in der Musik „sehr klar angelegt“. In Le nozze di Figaro von Wolfgang Amadeus Mozart – einem Vorbild für Strauss – sei „Cherubino ja auch kein Mann. Wie Strauss diese Idee kopiert und den Komponisten als Frau angelegt hat, ist faszinierend“. Zerbinetta stellt ihre Verführungskünste durch Koloraturen dar, und überrascht dann mit berührenden, zarten Momenten. „Unglaublich, wie Strauss diese quirlige Frau in Musik umsetzt“, erläutert Honeck und erinnert sich an Edita Gruberová als Zerbinetta in einer Wiener Ariadne-Aufführung, in der er in den 1970er-Jahren selbst als Wiener Philharmoniker mitspielte. „Diese Herausforderung bringt eine enorme Farbpalette: Dramatik, Koloratur, Leidenschaft, Ernsthaftigkeit und Mozart’sche Stimmführung, alles ist da. Beim Komponisten ist es genauso.“ Über die Salzburger Inszenierung von Ariadne auf Naxos sagt er: „Es ist keine Kopie der Uraufführung, sondern spielt hier in Salzburg im Jahr 2026. Es ist schön, dass wir mit der Zeit gehen und andere Einflüsse zulassen.“ Der Griff nach den Sternen und die Verlegung auf den Mars brachten für ihn die faszinierende Frage mit sich, wie er das Regiekonzept mit der Musik verbinden könne. „Ersan war sehr offen für Ideen, wie man das musikalisch auf die Bühne bringt.“ Teil der Inszenierung ist ein Quintett im Stil der Band Kraftwerk. Außerdem „haben wir einen Klangkörper auf die Bühne gebaut. Das Bühnenbild funktioniert wie ein Lautsprecher für die Musik“, fügt Ersan Mondtag hinzu. Mit der Suche nach den geeigneten Sänger·innen begann Manfred Honeck bereits vor zwei Jahren. „Es sind alle unglaublich motiviert und passen gut zueinander“, resümiert der Dirigent zufrieden.

Manfred Honeck ist den Salzburger Festspielen bereits „seit einem Vierteljahrhundert verbunden“, wie Interimsintendantin Karin Bergmann in ihrer Begrüßung hervorhebt. Fast ebenso lange, nämlich seit 2008, ist Honeck Chefdirigent des Pittsburgh Symphony Orchestra, mit dem er am 27. August im Großen Festspielhaus konzertieren wird. Auf die Frage hin, was ihn an Richard Strauss’ Musik fasziniere, stellt er die „Durchsichtigkeit“ heraus, die Strauss von Mozart „in diese Orchestrierung hineingenommen hat“. Zugleich ist er begeistert von der kammermusikalischen Qualität, die Strauss mit „üppiger, orchestraler Gestik“ zu kombinieren vermag. „Ich liebe diese Sprache, diese Hintergründigkeit. Seine Tondichtungen sind allesamt Opern ohne Stimmen.“ Zum Pressegespräch hat Honeck einen Ariadne-Stimmauszug aus dem Archiv der Wiener Staatsoper mitgebracht. Wie in einer Chronik hätten sich die Musiker darauf verewigt, so etwa: „Nowak, 1947. Da steht: ‚Frieden‘. Und dann: ‚1954 noch immer kein Staatsvertrag. 1955 endlich doch der Staatsvertrag.‘ Das ist so authentisch.“ Ariadne auf Naxos war die erste Oper von Festspielmitbegründer Richard Strauss, die vor exakt 100 Jahren bei den Salzburger Festspielen aufgeführt wurde. Am 21. August 1926 dirigierte der Komponist selbst eine Vorstellung. 2026 findet die Premiere von Ariadne auf Naxos am 2. August im Haus für Mozart statt.