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100. Geburtstag von Ingeborg Bachmann und Hans Werner Henze

Georg Nigl und Ingo Metzmacher im TerrassenTalk zur konzertanten Aufführung der Oper Der Prinz von Homburg.

Als „zwei Pole, die sich gegenseitig anregten“, beschreibt Bariton Georg Nigl die Größen Ingeborg Bachmann und Hans Werner Henze. Die Schriftstellerin und der Komponist, deren Geburtstage nur sechs Tage auseinanderliegen, pflegten „eine symbiotische Beziehung und kongeniale Zusammenarbeit“, wie Karin Bergmann in ihrer Begrüßung erwähnt. Aus ihrer intensiven künstlerischen Partnerschaft gingen unter anderem Ballette, Hörspiele und die beiden Opern Der junge Lord und Der Prinz von Homburg hervor. Letztere basiert auf Heinrich von Kleists Schauspiel Prinz Friedrich von Homburg, aus dem Ingeborg Bachmann das Libretto für Henzes neue Oper kreierte. Der Prinz von Homburg als konzertante Aufführung unter der Leitung von Ingo Metzmacher bietet eine der wenigen Möglichkeiten, in diesem Jahr ein Musiktheater-Werk von Henze zu erleben.

Georg Nigl wird die Titelrolle singen und drückt im Pressegespräch seine Verbundenheit aus: „Ingo und ich sind befreundet und auch künstlerisch eint uns vieles. Es war eine sehr schöne, aber auch sehr herausfordernde Arbeit.“ Bereits im vorigen Jahr setzten sie ein Henze-Werk bei den Salzburger Festspielen um, das Oratorium Das Floß der Medusa. Die Oper Der Prinz von Homburg studierten beide Künstler neu ein. „Ich war beglückt, als ich tiefer in das Werk eintauchte, welch bemerkenswertes Stück es ist. Es dauert ungefähr so lang wie Wozzeck und ist sehr dicht komponiert“, erzählt Metzmacher. Dabei sind die großbesetzten Szenen im ersten und dritten Akt angelegt, wohingegen der zweite Akt „eher intimer“ ist.

Widmungsträger der Oper ist Igor Strawinsky. „Strawinsky und Henze haben für jedes Stück ein bestimmtes Gesetz, ein bestimmtes Spielfeld für sich abgesteckt. Innerhalb dieses Spielfelds haben sie sich in ihrer Sprache bewegt. Dadurch entsteht eine große Einheitlichkeit“, findet Ingo Metzmacher. Eine Szene im ersten Akt der Oper hebt er dabei als sozusagen „strawinsky’ig“ hervor: Der Prinz nimmt den Befehl nicht wahr, erst nach dem ausdrücklichen Kommando des Kurfürsten in die Schlacht einzugreifen. Dieses Kommando schreibt Henze als Fanfare. „Henze schafft es, eine halbe Stunde zu warten, bis es zu dieser Fanfaren-Stelle kommt. Diesen Effekt wollte er nicht verderben, indem er die Trompeten direkt spielen ließ.“ Unmittelbar nach diesen Fanfaren spielen zwei Trompeten von der Licht-Brücke der Felsenreitschule ein Echo. „Das hätte Henze gefallen“, ist sich Ingo Metzmacher sicher, der den Komponisten Hans Werne Henze zu Lebzeiten regelmäßig getroffen hatte, sich mit ihm musikalisch austauschte und ihn sehr gut kannte.

Die Oper von Hans Werner Henze und Ingeborg Bachmann verhandelt den Konflikt zwischen Gesetz und Zuneigung sowie die zwei Ebenen von Traum und Realität. „Diese Gegensätze sind sehr deutlich in der Komposition“, so Metzmacher. Georg Nigl stimmt zu: „Das hat Ingo in den Proben sehr schön herausgearbeitet. Dabei ist es schwer, die verschiedenen Ebenen durchlässig umzusetzen, aber wir haben mit dem Orchester schöne Bilder dafür gefunden.“

Nach Metzmachers Auffassung haben Henze und Bachmann dem träumerischen Aspekt der Geschichte mehr Gewicht verliehen und sogar angedeutet, dass am Ende alles ein Traum gewesen sei, was sich auch kompositorisch widerspiegele: „Wenn sich der Prinz am Schluss fragt, ob er alles nur geträumt habe, kehrt die Musik vom Anfang wieder.“

Die Umarbeitung von Heinrich von Kleists Schauspiel zu einer Oper hat Ingeborg Bachmann aufgrund der politischen Vereinnahmung und Kriegsverherrlichung für längere Zeit abgelehnt. Als sie schließlich das Libretto neu einrichtete, reduzierte sie den militärischen Sprachduktus und stellte die Menschlichkeit und die Emotionen in den Mittelpunkt. Es habe sie dabei interessiert, so Georg Nigl, dass es in dieser Geschichte keine Figur gebe, die wirklich böse sei. Als sich Nigl mit seiner Rolle zu befassen begann, habe er sie nicht sofort verstanden: „Weil ich nicht nachfühlen konnte, dass ein Soldat Todesangst hat – im Nachhinein nämlich –, als es um ihn persönlich geht. Dann habe ich gelernt, dass man im 17. und 18. Jahrhundert zwischen dem ehrenhaften Soldatentod innerhalb eines Kampfes und dem Tod auf persönlicher Ebene unterschieden hat.“ Diese zweite Ebene, nämlich die Bewusstwerdung der eigenen Sterblichkeit, sei für Henze und Bachmann im Nachkriegsdeutschland der 1950er-Jahre wesentlich gewesen. Im Zentrum steht die Figur des Prinzen von Homburg, die Henze einst als „Schlafwandler“ oder „Traumwandler“ bezeichnete. Die Gesangspartie nennt Georg Nigl „eigentlich eine Tenor-Partie“, die er nur dieses eine Mal in Salzburg singen wird, weil sie „gesangstechnisch so anspruchsvoll“ sei. „Ich mache das für die Salzburger Festspiele und für Markus Hinterhäuser, der die Idee dazu hatte.“ Der Prinz von Homburg wird am 20. August konzertant aufgeführt. „Für mich als Sänger ist eine konzertante Aufführung ähnlich wie eine Sitzprobe während einer szenischen Produktion. Ich bin dann sehr aufgeregt, fast in einer Art Liebesstimmung, weil man zurück auf die Partitur und somit zum Ausgangspunkt kommt.“ Ingo Metzmacher betont die „szenische Energie, die theatralische Energie“, die die Musik hergibt und die es herauszuholen gelte. Elementar seien hierfür sehr gute Sänger·innen. „Wir haben eine hervorragende Besetzung“, sind sich Georg Nigl und Ingo Metzmacher einig. Dirigieren wird Metzmacher das ORF Radio-Symphonieorchester Wien, mit dem er seit über 30 Jahren sehr gerne arbeitet und mit dem ihn „ein sehr freundschaftliches Verhältnis“ verbindet. „Es ist immer ein großes Vergnügen und wir kommen besonders gut miteinander aus.“