Schnee von gestern, Schnee von morgen
Peter Handke
Er spielte den Tod im Jedermann und Caliban in Shakespeares Sturm; er brillierte als verlotterter Raskolnikow in Andrea Breths Dostojewski-Dramatisierung von Verbrechen und Strafe und als Kleists Achilles an der Seite von Sandra Hüller. In Peter Handkes vielfach preisgekröntem Familienepos Immer noch Sturm verinnerlichte er „mit virtuoser Zerbrechlichkeit“ das Erzähler-Ich … In diesem Festspielsommer ist Jens Harzer wieder zu Gast bei den Salzburger Festspielen: mit dem eindringlichen Monolog De Profundis nach Oscar Wilde – und in der Uraufführung von Peter Handkes Schnee von gestern, Schnee von morgen in der Regie von Jossi Wieler.
Mit seinem neuen Stück hat Peter Handke eine Erzählinstanz entworfen, die es zu entschlüsseln gilt. Handkes Ich-Erzähler tritt in Zwiesprache mit der Welt und eröffnet einen vielfältig temperierten Raum, der sich intrinsisch und chorisch lesen lässt, Ideen immer wieder ent- und verwirft. „Das Besondere an der Beschäftigung mit Handke ist, dass er mit seinen Texten vom Theater fordert, Verantwortung zu übernehmen und etwas Eigenes zu finden. Damit lässt sich ein Schatz heben“, sagt Jens Harzer, der mit den Jahren ein Kenner von Handkes Werk geworden ist.
Es sei die Art des Blicks gewesen, geschärft auf die Kleinigkeiten im Großen und die Übertragbarkeit auf das Leben, die ihn für Handkes Literatur begeistert hat, so Harzer. Mit 17 Jahren habe der Versuch über die Müdigkeit etwas in ihm berührt, sodass Peter Handke bald zu einem seiner Lieblingsautoren wurde. Im Schauspielstudium in München erweiterte er sein persönliches Repertoire um dessen Stücke. „Ich mochte das, was soll man mehr sagen“, fasst Harzer trocken zusammen und spult gestikulierend einige Jahre vor zu den Salzburger Festspielen, wo es 2011 zu der legendären Uraufführung von Immer noch Sturm in der Regie von Dimiter Gotscheff kam. „Es war vielen, die dieses Stück in der Hand hielten, klar, dass es von besonderer Dimension ist, in Größe und poetischer Wirklichkeit. Alle dachten: ,Mein Gott, was ist das für eine Welt!‘“, erinnert er sich.
Was in Jugendjahren gesät wurde, erwuchs zu einer besonderen Verbindung. Zum ersten Mal begegneten sich Handke und Harzer wenige Tage vor jener Uraufführung. Der Autor hatte die Proben besucht und lobte das Team in der anschließenden Kritikrunde. Das Ende allerdings, als Dialog angelegt, von Gotscheff jedoch als langer Monolog von Harzer als Handkes Alter Ego inszeniert, lehnte der Autor entschieden ab – und er drohte gar, der Uraufführung fernzubleiben.
Gotscheff jedoch blieb bei seiner Regieentscheidung, was die Premiere auflud und für Unsicherheit sorgte, ob Handke sich schließlich Seite an Seite mit dem Team zum Schlussapplaus auf die Bühne stellen würde. Nach Jens Harzers finaler Verbeugung trat schließlich auch Peter Handke auf die Bühne: „Da standen wir dann Hand in Hand. Und eigentlich ist das der Moment, in dem wir einander gefunden haben.“ Der Knoten war gelöst, die gemeinsame Geschichte fand einen weiteren Neuanfang. Wann immer Handke heute ein neues Stück schreibt, schickt er es an Harzer. „Für einen Moment an diesem Prozess beteiligt zu sein … das ist etwas Schönes.“
Noch einmal spult Jens Harzer in seiner Erzählung vor und ankert im Heute. In der Regie von Jossi Wieler und an der Seite von Marina Galic macht er sich nun als namen- und ruheloser „Kreuz-und-Quer-Gehender“ daran, den Handke’schen Kosmos weiter zu vermessen.
Inke Johannsen
Zuerst erschienen in der Festspielbeilage der Salzburger Nachrichten