Saint François d’Assise
Olivier Messiaen
Im 800. Todesjahr des Franz von Assisi kehren Regisseur Romeo Castellucci und Dirigent Maxime Pascal in die Salzburger Felsenreitschule zurück und begeben sich mit dem großen Heiligen auf eine metaphysische, spirituelle und musikalische Entdeckungsreise: Saint François d’Assise ist mehr als eine Oper – in diesem Schlüsselwerk des 20. Jahrhunderts fasst der französische Komponist Olivier Messiaen seine gesamte künstlerische, religiöse und philosophische Entwicklung zusammen.
Die Welt des Theaters wurde Olivier Messiaen bereits im Kindesalter durch die Werke William Shakespeares eröffnet, die Welt der Musik erschloss sich ihm über die Oper: Es waren die Bühnenwerke Mozarts, Glucks und Wagners sowie allen voran ein Klavierauszug von Debussys Pelléas et Mélisande, die in dem Jungen die „Berufung zum Komponisten“ erwachen ließen. Auch in seinen späteren Analysekursen am Pariser Conservatoire widmete sich Messiaen umfassend der Oper. „Meinen Schülern habe ich oft gesagt, dass die Oper vom Aussterben bedroht sei, dass sie sich des Musiktheaters annehmen sollten.“ Und doch konnte er sich selbst nicht zur Komposition einer Oper entschließen. Noch in seinem Todesjahr 1992 sollte er betonen, dass er sich „lange für die Opernbühne unbegabt“ hielt. Es bedurfte also einigen Zuredens, um Messiaen Anfang der 1970er-Jahre – er war bereits über 60 und stand im Ruf eines der bedeutendsten Komponisten des 20. Jahrhunderts – zu seinem einzigen Bühnenwerk zu bewegen.
Der damalige Direktor der Pariser Opéra Rolf Liebermann nutzte ein gemeinsames Essen im Élysée-Palast, bei dem auch Georges Pompidou anwesend war, um Messiaen einen direkten Auftrag zu erteilen. Der Komponist sah sich gezwungen, anzunehmen: „In Gegenwart des Präsidenten der Republik konnte ich nicht ablehnen.“ Andere Aufträge und Messiaens ständige Selbstzweifel sollten die Vollendung des Projekts jedoch noch einige Jahre hinauszögern; der Uraufführungstermin musste mehrfach verschoben werden, da die Arbeit den Komponisten an die Grenzen seiner Kräfte brachte.
Das Sujet, das dem Werk zugrunde liegen sollte, war hingegen schnell gefunden. Der Inhalt „musste religiös sein […], und er musste die Anwesenheit von Vögeln erlauben“. Denn Messiaen war zeitlebens nicht nur ein tiefgläubiger Katholik, sondern auch ein leidenschaftlicher Ornithologe, der die ganze Welt bereiste, um immer neue Vogelgesänge aufzuspüren – Gesänge, die sein kompositorisches Werk maßgeblich prägen.
Seinen Traum, eine Oper über die Passion und Auferstehung Christi zu schreiben, verwarf er in der Überzeugung, dass es unmöglich sei, „Christus singen zu lassen“. Im heiligen Franz von Assisi fand er schließlich die geeignete Hauptfigur für seine Oper, betrachtete er ihn doch als seinen „Mitbruder, da er mit den Vögeln spricht“, und als jenen Heiligen, „der Christus am ähnlichsten ist, innerlich durch seine Armut, Keuschheit und Demut, und äußerlich durch die Wundmale an Füßen, Händen und in der Seite“.
Regisseur Romeo Castellucci beschreibt Saint François d’Assise als ein Gegenmodell zur traditionellen Oper, das Messiaen ganz bewusst unorthodox gestaltet hat. Die Handlung folgt keiner durchgehenden erzählerischen Linie, sondern entwirft – vergleichbar mit Giottos Freskenzyklus in Assisi – „einzelne Bilder, die nicht notwendigerweise miteinander verbunden sind“. Diese Bilder lassen viel Raum für Interpretation und vermitteln zugleich einen realistischen Eindruck vom Wesen des Heiligen, frei von jeder Verklärung. „Der Franziskus, den wir in der Oper kennenlernen“, so Castellucci, „ist eine Persönlichkeit von äußerster Radikalität, die mit vorgegebenen Mustern bricht und eine neue Weise, die Welt zu sehen, eröffnet.“ Am Anfang der Oper ist er noch kein Heiliger, sondern ein Mensch „auf dem Weg seiner persönlichen Entwicklung und Suche“.
Die Wandlung vom Menschen zum Heiligen wird in der Musik spürbar. Für den Dirigenten Maxime Pascal liegt ein besonderer Reiz von Saint François d’Assise in der Dualität zwischen den äußeren Dimensionen – die Partitur sieht einen gewaltigen Orchesterapparat und einen sehr groß besetzten Chor vor – und der ganz ins Innere verlegten Handlung. „Messiaen fordert uns auf, die Musik des Unsichtbaren zu hören.“ So singt der Chor bezeichnenderweise über weite Teile aus dem Off, weil er die Worte Christi artikuliert und Christus für Messiaen eben nicht auf der Bühne darstellbar ist. Das Werk lädt dazu ein, in uns selbst hineinzuschauen und mit Franziskus die Oberflächlichkeiten des Lebens hinter uns zu lassen. „Der Klang dieser Musik hallt in uns wider und wird das Publikum verändern, so wie er mich verändert hat“, ist sich Pascal sicher. Für ihn ist Romeo Castellucci der ideale Regisseur für dieses Werk, denn er habe das Talent, „die Musik sichtbar zu machen und Bilder für innere Prozesse zu schaffen“.
David Treffinger
Zuerst erschienen in der Festspielbeilage der Salzburger Nachrichten