Das Privileg der Einsamkeit
Arcadi Volodos, seit 2002 Festspielkünstler, gibt in einem raren Gespräch Einblicke in den Verlauf seiner Karriere, schildert seine Sicht auf Schubert und Chopin und schwärmt von seiner besonderen Verbindung zum Salzburger Publikum.
Sie haben, nachdem der Schwerpunkt Ihrer Ausbildung zunächst auf Gesang und Dirigieren lag, erst verhältnismäßig spät eine Pianistenlaufbahn eingeschlagen. Was hat dafür den Ausschlag gegeben?
Arcadi Volodos: Wissen Sie, in meinem Fall gab es nicht diese „Wunderkind“-Geschichte, bei der man schon mit drei Jahren am Klavier klebt. Alles kam erst viel später und vor allem ganz natürlich. Als Kind sah niemand in mir ein besonderes Talent, und ich selbst wusste nicht, wohin mich mein Weg führen würde. Die wahre Leidenschaft für das Klavier erwachte erst ziemlich spät.
Und heute bin ich wirklich froh, dass alles so gekommen ist. Mit den Jahren wird mir bewusst, dass mir meine Kindheit nicht geraubt wurde. Ich wuchs wie ein normales Kind auf, durchlebte all diese wichtigen Entwicklungsphasen und sammelte die Erfahrungen, die für jeden Menschen notwendig sind. Mein Leben war weder einem starren Zeitplan noch einer erdrückenden Disziplin unterworfen, wie es bei Wunderkindern oft der Fall ist.
Letztendlich habe ich den Weg des Solisten gewählt, weil er für mich das Privileg der Einsamkeit bedeutet. Ein Dirigent ist immer von vielen Menschen abhängig; er ist auf sie angewiesen. Als Pianist hingegen ist man sein eigener Herr – Dirigent und gesamtes Orchester zugleich. Diese Freiheit und die Möglichkeit, in der Stille aufrichtig zu sein, sind es wert, dass ich sie auf meinem eigenen Weg erreicht habe, auch wenn es nicht der kürzeste war.
In Ihren Konzerten steht – wie auch im Sommer in Salzburg – häufig Schubert auf dem Programm. Welchen besonderen Bezug haben Sie zu ihm als Komponist, was macht seine Musik für Sie aus?
Diese Frage wurde mir schon mehr als einmal gestellt, und ehrlich gesagt weiß ich nie, wie ich sie beantworten soll. Mehr noch: Ich will es gar nicht wissen. Für mich liegt darin ein Geheimnis.
Schuberts Musik ist reines Gefühl, das keiner Erklärung bedarf. Es sind genau jene „Weiten“, von denen Schumann schrieb: wenn die Zeit stillsteht und man sich in einem Raum wiederfindet, in dem es keine Uhren gibt, sondern nur ein unbeschreibliches Gefühl der Existenz.
Im Sommer spielen Sie außerdem Werke von Frédéric Chopin. Welchen Stellenwert nimmt er für Sie persönlich und in der Klavierliteratur ein?
Meine Liebe zum Klavier begann tatsächlich mit Chopin. Scherzi, Etüden, Balladen, Sonaten – ich habe sie sehr oft und vielleicht auch viel zu früh gespielt. In der Jugend nehmen wir diese Musik oft durch das Prisma der spontanen Romantik wahr, ohne uns ihrer wahren Tiefe bewusst zu sein.
Die Rolle Chopins in der Klavierliteratur ist immens, ebenso wie die seines Zeitgenossen Liszt. Beide erweiterten die Möglichkeiten des Instruments bis ins Unendliche, taten dies jedoch auf unterschiedliche Weise. Während Liszt das Klavier so kraftvoll wie ein komplettes Sinfonieorchester klingen ließ, fand Chopin seinen eigenen, einzigartigen Weg, der mit nichts anderem vergleichbar ist. Beide prägten eine völlig neue Richtung in der Musik: Vor ihnen hatte noch niemand das Instrument so klingen lassen.
Sie haben Transkriptionen von Stücken verschiedener Komponisten angefertigt. Einige Ihrer Kollegen komponieren auch selbst. Stellt das für Sie ebenfalls eine Option dar?
Für mich ist die Kunst der Transkription der Improvisation viel näher als die der Komposition. Ich habe die Transkriptionen nie bewusst geschaffen; sie sind immer ganz spontan, sehr schnell und wie von selbst aus mir heraus entstanden.
Genau deshalb habe ich sie bisher nicht zu Papier gebracht. Der größte Reiz liegt für mich darin, dass ich sie jedes Mal anders spiele. Ich mag es, eine musikalische Idee aufzugreifen und jedes Mal eine neue Ausdrucksform dafür zu finden. Diese Suche kennt keine Grenzen, sobald man aber die Noten zu Papier bringt, verschwindet diese Freiheit.
Sie spielen seit geraumer Zeit fast ausschließlich Solokonzerte und treten nicht mehr gemeinsam mit Orchestern oder in Kammermusik-Formationen auf. Weshalb haben Sie sich dazu entschieden?
Die Entscheidung, nicht mehr mit Orchestern zu spielen und die Anzahl der Konzerte zu reduzieren, war eine der besten, die ich je getroffen habe. Heutzutage funktioniert in der Musik alles ziemlich industriell. Es ist schwierig, im Rahmen von nur zwei Proben vor dem Konzert ein echtes gegenseitiges Verständnis mit dem Dirigenten und dem Orchester zu erreichen. Alles geschieht in Eile: Man muss das Programm sofort vorbereiten, wird um neun Uhr morgens zu einer Probe einbestellt, um „alles schnell durchzugehen“, und schon am nächsten Tag ist das Konzert. Das ist nicht meine Art des Musikverständnisses! Ich liebe es, in die Musik einzutauchen. Bei einem Solokonzert habe ich viel mehr Freiheit bei der Wahl von Klangfarben, Tempi und Rubati; kurz gesagt, die Ausdrucksfreiheit ist hier unvergleichlich größer als wenn man mit einem Orchester spielt.
Sie treten im Sommer zum 17. Mal bei den Salzburger Festspielen auf. Wie würden Sie Ihr Verhältnis zur dortigen Atmosphäre und zum Salzburger Publikum charakterisieren?
Im Kontakt mit dem Publikum ist für mich am wichtigsten, wie der Saal die Stille zu hören versteht. Die Reaktion nach dem Auftritt und der Applaus sind für mich fast ohne Bedeutung. Viel wichtiger ist die Atmosphäre während des Spielens selbst. Deshalb trete ich so gerne in Salzburg auf: Dort herrscht immer eine besondere, elektrisierende Stille im Saal – oft so intensiv, dass man selbst das leiseste Flüstern hören kann.
Welche Empfehlungen würden Sie – auch rückblickend auf Ihre eigene Karriere – jungen
Pianisten für deren Laufbahn mit auf den Weg geben?
Das Wichtigste wäre vielleicht, eine bestimmte Haltung gegenüber der Kunst nicht zu verlieren, die früher ganz selbstverständlich war. Heute geht diese Tradition nach und nach verloren. Für die großen Meister der Vergangenheit war Musik niemals nur ein Beruf oder ein Mittel zum Broterwerb. Sie folgten keinen Modetrends, sondern blieben sich selbst stets treu. Ich glaube, dass Musik nicht dazu da ist, sich der Zeit anzupassen, sondern sich über sie zu erheben. Und in gewisser Weise wird ein Musiker, wenn er die Bühne betritt, zu einem Vermittler zwischen unserer Welt und etwas, das jenseits ihrer Grenzen liegt.