19 Aug 2019

Was fange ich mit meiner Empörung an?

Theresia Walser

Was fange ich mit meiner Empörung an?

Nach 20 Jahren wird Caroline Peters erneut in einem Stück von Theresia Walser spielen. „Die Empörten“ ist eine Uraufführung und Wiederbegegnung. Text: Marie-Theres Stremnitzer

Anfangs hatte Theresia Walser „Kreons Schwester“ im Sinn, als sie für die Salzburger Festspiele aus der Antike schöpfen sollte: Einen Kreon im Körper einer Bürgermeisterin. Walser wollte die Tragik des zerrissenen, jedoch gefühllos wirkenden Machtmenschen aus der „Antigone“ untersuchen. Wie so oft nahm ein Stück während der Arbeit dann aber eine andere Richtung.

Das in Koproduktion mit dem Schauspiel Stuttgart zur Uraufführung kommende Stück Die Empörten setzt ein, als die kurz vor den Wahlen stehende Bürgermeisterin gemeinsam mit ihrem Bruder eine Leiche in der großen Rathaustruhe versteckt. Pikanterweise handelt es sich bei dem Toten um ihren Halbbruder, einen Selbstmörder, der mit seiner Tat auch andere mit in den Tod gerissen hat. War es mit voller Absicht? Oder war es einfach Pech? Mit dem Ereignis in Verbindung gebracht zu werden kann die um ihre Karriere fürchtende Politikerin ebenso wenig gebrauchen wie den durch spekulative Schreckensmeldungen angeheizten Druck der Straße. Schon gar nicht jetzt, kurz vor ihrer Rede für die trauernden Hinterbliebenen der Opfer. Dabei versammelt sich just um die alte Truhe eine Gesellschaft zur Schweigeminute, deren Mitglieder in jeder Hinsicht miteinander verstrickt – und empört – sind. Und der „die Toten am Ende nur noch als Projektionsfläche für eigene Paniken, weltanschauliche Obsessionen oder politisches Überleben dienen“, sagt Theresia Walser. „Je mehr sie sich voneinander absetzen wollen, desto grotesker offenbart sich aber, wie sehr sie einander bedingen.“

Wiederbegegnung aus der Jugend. Gespielt wird die Bürgermeisterin von Caroline Peters, die Walser aus ihrer Zeit kennt, als sie ganz jung an der Berliner Schaubühne die Gelegenheit bekam, ein eigenes Projekt umzusetzen. Sie wählte das Stück „Kleine Zweifel“ der etwa gleich jungen Schriftstellerin Walser. Ein Monolog, in dem eine Schauspielerin/Sängerin auf den Auftritt beim Gesangswettbewerb wartet.

Was hat sich an Walsers Texten seither verändert? „Was gleich geblieben ist“, sagt Caroline Peters, „ist ihr Humor. Ein sehr sprachlicher Humor. Der Witz, der über die Sprache entsteht. Die Auseinandersetzung mit Machtfragen, Machtmenschen und Machtgefügen ist dazugekommen. Das war damals noch nicht Thema, da war man ja noch so mit dem Ergreifen des Berufs beschäftigt.“ Heute, rund 20 Jahre später, wenn sie einander wieder zur Zusammenarbeit treffen, sei es spannend zu sehen, was entstehen wird, „da wir beide erwachsen sind und im Leben stehen und in unseren Berufen gefestigt sind. Wo es um richtiges Theater geht. Nicht mehr darum, sich selbst zu reflektieren, sondern darum, alte Stoffe neu zu interpretieren“, sagt Peters.

Wenn man es mit einem Autor direkt zu tun hat, gibt es immer noch die Möglichkeit, den Text zu ändern, Diskussionen weiterzuführen. „Das schätze ich sehr“, so die Schauspielerin. Sie empfindet das als viel freiere Arbeit als die Klassikerpflege. Dort bleibe nur das Streichen, Umstellen, Interpretieren. Man könne schöne Kunstwerke daraus machen, denn natürlich sei Kleist ein ästhetischer Genuss, aber kein inhaltlicher. „Etwas Altes als Heutiges auszugeben, das fällt mir schwer“, erklärt Peters. „Bei Walser oder (Simon, Anm.) Stone muss ich das nicht. Da nimmt man sich die alten Stoffe und setzt den eigenen Beitrag zur Überlieferung hinzu. Früher wurde immer wieder neu übersetzt, heute macht man das mit Überschreibungen, Neuem, nicht mit Übersetzungen. Bei Walser ist keine Überschreibung, sondern etwas Neues entstanden. Aber man erkennt: Wir leben im Abendland und an dessen Geschichten arbeiten sich Generationen für Generationen ab.“

Empörung als Grundausstattung. Wie wir uns abarbeiten, lässt sich an der derzeit herrschenden Empörungskultur ablesen. Keine griechische Tragödie, eine Groteske, eine „finstere Komödie“ ist es, zu der sich Walser dabei inspiriert fühlt. Die Empörung gehört für die Autorin „zur dramatischen Grundausstattung. Die Bühne ist ein Ort der Entladungen aller Art. Wir gehen ja vor allem ins Theater, um aus sicherem Abstand zu erleben, wie andere da aus der Haut fahren.“ Und seit „das Erhabene auch seine Lächerlichkeit preisgeben darf, sind solche (formalen, Anm.) Kategorien angeknackst wie: Hier das Große, dort das Banale. Im Grunde gibt es schon seit Shakespeare die Trennung zwischen Tragödie und Komödie nicht mehr.“

Das empört uns immerhin auch nicht mehr. Wenngleich es genau das ist, womit wir heute offenbar überfordert sind. Mit der Auflösung von Grenzen, Kategorien, moralischen Instanzen. Wir sind uns ganz selbst überlassen, wie einst die griechischen Götter im antiken Drama, sind nun wir der heillos zerstrittene Haufen. In den „hitzigen Debatten, die um diese Truhe geführt werden, dient sie am Ende vor allem als Projektionsfläche für politisches Überleben“, sagt Walser. Taugen wir also ebenso wenig wie die griechischen Götter „mit all ihren Schweinereien zur moralischen Instanz“, wie die Autorin meint?

Dass wir widerstrebende Interessen aushalten müssen, uns damit auseinandersetzen müssen, „das gehört zum Wesen der Demokratie“, sagt die Autorin, die überzeugt ist, dass es Errungenschaften wie Frauenrechte, Grundgesetz, Menschenrechte ohne Empörung so nicht geben würde. „Die Frage ist nur immer: Geht es im weitesten Sinne um Selbsterregung oder um eine Sache, für die es sich zu kämpfen lohnt?“ Geht es darum, andere in ein moralisches Dilemma zu verwickeln, um von den eigenen Leichen im Keller abzulenken, darum, Aufmerksamkeit zu erregen, oder darum, sich über echte Missstände zu empören? Geht es um einen medialen Entladungsrausch oder um echtes Engagement? Denn manchmal, so Walser, „ist Empörung alternativlos. Die Frage ist dann vielmehr: Was fange ich mit meiner Empörung an?“

Keine Vorsichtigkeitstänze. Burkhard C. Kosminski wird „Die Empörten“ mit Silke Bodenbender, André Jung, Sven Prietz und Anke Schubert in weiteren Rollen inszenieren. Peters trifft zum ersten Mal auf den Regisseur, der in den vergangenen zwölf Jahren sieben Walser-Stücke auf die Bühne gebracht hat. Da „lässt sich eine gewisse Spezialisierung füreinander wahrscheinlich nicht verhindern“, wie Walser meint. „Vor allem aber muss man keine Vorsichtigkeitstänze mehr umeinander veranstalten. Man kann offen sagen, was man denkt.“ Ganz ohne Empörung.

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