Joseph Beuys, Frau mit Stock und Salamander, 1957 · Wasserfarbe, Hasenblut, Bleistift, hellbrauner kaschierter Karton Staatliche Museen zu Berlin, Nationalgalerie, Sammlung Marx © Bildrecht, Wien, 2018 · Mit freundlicher Genehmigung des Nachlass Joseph Beuys

Koproduktion mit dem Schauspiel Stuttgart

Zur Produktion

„Ich halte Erdbebenspalten zusammen!“

Zwei Schwestern früh morgens in einem Rathaussaal. Zwischen ihnen liegt ein Sack mit der Leiche ihres Bruders. Zwei Schwestern, die unterschiedlicher nicht sein könnten: die eine Bürgermeisterin dieser Stadt, die andere eine linke Aktivistin, die inzwischen eine Kneipe schmeißt.
Bisher ging man einander so gut es ging aus dem Weg. Jetzt schleppt die Kneipenwirtin den toten Bruder ins Rathaus. Sie fürchtet, dass es mit einem Begräbnis auf dem Stadtfriedhof schwierig werden könnte. Immerhin handelt es sich bei dem Bruder um einen Selbstmörder, der andere verletzt und mit in den Tod gerissen hat. War es ein verunglückter Selbstmord? War er depressiv? Oder war er, wie es Gerüchte verbreiten, ein Attentäter? Auf skurrile Weise leuchtet im Kampf der beiden Schwestern der Antigone-Kreon-Konflikt auf.
Als es an der Türe klopft, bleibt den Schwestern nichts anderes übrig, als den Leichensack so schnell wie möglich in der großen Rathaustruhe zu verstecken. Im Laufe der Geschichte — so heißt es im Stück — wurde schon so manches in dieser Truhe entsorgt. Sogar Luther habe sich einmal vor seinen Verfolgern darin verstecken müssen. Es gibt Mutmaßungen, nach denen man Hitlers Leiche in dieser Kiste zuletzt aus dem Bunker transportieren wollte, bis hin zu der kruden Vermutung, dass Stalins Schnurrbart heimlich in der Truhe aufbewahrt wurde.
Draußen bebt eine Welt, in der nichts leichter zündet als Gerüchte. Die Bürgermeisterin steht kurz vor den Wahlen. Der Druck der Straße wächst. In Kürze soll im Rathaussaal die Trauerfeier für die Opfer stattfinden. Eine Schweigeminute, zu der sich nicht nur die Ministerin angekündigt hat. Um die als Traueraltar dekorierte Ratstruhe versammelt sich eine Gesellschaft, die in jeder Hinsicht miteinander verstrickt ist: zum einen Lerchenberg, der ärgste Kontrahent der Bürgermeisterin, ein ehemals linker Dozent, der inzwischen auf der populistischen Welle schwimmt und geschickt zwischen Aufwiegler und nachdenklichem Mahner laviert; Pilgrim, ihr persönlicher Referent, der im Rathaussaal endlich wieder ein Kruzifix an der Wand sehen will; und die Mutter eines Opfers, auf die man Rücksicht nehmen muss, obwohl sie eigentlich nur stört.
Alle Versammelten ringen um eine Schweigeminute, die letztendlich zum Hochdruckkessel gerät, in dem es längst nicht mehr um die Toten geht. Jeder kocht in dieser finsteren Komödie sein eigenes Süppchen. Die Toten dienen nur noch als Projektionsfläche für eigene Paniken, für weltanschauliche Obsessionen oder politisches Überleben. Je mehr sie sich voneinander absetzen wollen, desto grotesker offenbart sich, wie sehr sie einander bedingen. Als sich das Schweigen auf unerwartete Weise dann doch noch Bahn bricht, herrscht über der Szene schlagartig eine Stille, in der es, im wahrsten Sinne des Wortes, allen Beteiligten die Sprache verschlägt. Es offenbart sich eine Ungeheuerlichkeit, mit der keiner gerechnet hat. Die Situation dreht sich um 180 Grad. Von jetzt auf gleich erscheinen die Empörten mit ihren Empörtheiten in einem völlig anderen Licht.

Theresia Walser

 

Theresia Walser ist eine der erfolgreichsten deutschen Gegenwartsdramatikerinnen. Sie erhielt zahlreiche Preise und Auszeichnungen. Für ihr Theaterstück King Kongs Töchter wurde sie in der Kritikerumfrage der Zeitschrift Theater heute zur besten deutschsprachigen Autorin gewählt. Mit Burkhard C. Kosminski, der vor Die Empörten bereits viele ihrer Stücke zur Uraufführung brachte, verbindet sie eine enge Zusammenarbeit.
Burkhard C. Kosminski studierte Schauspiel und Regie in New York. Er war leitender Regisseur und Mitglied der künstlerischen Leitung am Düsseldorfer Schauspielhaus, Schauspielintendant des Nationaltheaters Mannheim und leitet seit 2018 als Intendant das Schauspiel Stuttgart. Ein Schwerpunkt seiner Arbeit ist das zeitgenössische Autorentheater.

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