Nachruf zum Tod von Dr. Heinrich Wiesmüller

„Mit Heinrich Wiesmüller verlieren die Salzburger Festspiele eine Persönlichkeit, die über Jahrzehnte hinweg prägend gewirkt hat – leise, klug und mit einer Selbstverständlichkeit, die heute selten geworden ist“, drückte das Direktorium der Salzburger Festspiele (Kristina Hammer, Karin Bergmann, Lukas Crepaz) seine Trauer um den Tod von Dr. Heinrich Wiesmüller aus.

Heinrich Wiesmüller; ASF / Foto: ohne Angabe

Wiesmüller war keiner, der das Rampenlicht suchte. Öffentliche Anerkennung, Eitelkeit oder große Worte über die eigene Person lagen ihm fern. Seine Aufmerksamkeit galt stets den Dingen selbst: der Musik, dem Theater, der Literatur, der Kunst, aber auch der Politik, der Wirtschaft, den Menschen. Seine Neugier war grenzenlos, sein Interesse an der Welt umfassend. „Es hat mich immer alles interessiert“, sagte er einmal – ein Satz, der sein Wesen wohl am treffendsten beschreibt.

Diese Neugier brachte ihn schon früh mit den Festspielen in Berührung. Während viele Salzburger sie als unmittelbares Kindheitserlebnis vor Ort kannten, erschlossen sie sich dem Lungauer Förstersohn Wiesmüller zunächst über Radioübertragungen. Daraus erwuchs eine lebenslange Verbundenheit, die schließlich in über drei Jahrzehnte verantwortungsvoller Tätigkeit mündete: als Kuratoriumsmitglied (2001 bis 2007), Direktoriumsmitglied (1976 bis 1985), als Konsulent (1986 bis 1989) und von 1991 bis 1995 als Präsident der Salzburger Festspiele.

In all diesen Funktionen wirkte Wiesmüller nie laut, aber stets entscheidend. Er war ein Stratege des Ausgleichs, ein Vermittler in schwierigen Zeiten, ein Mann des Gesprächs. Wo andere Position bezogen, suchte er Lösungen. Wo Konflikte festgefahren schienen, fand er Wege. Es war diese seltene Fähigkeit, Gegensätze zu verbinden, die ihn unentbehrlich machte.

Er begleitete die Festspiele durch einige ihrer prägendsten Epochen – von der Ära Herbert von Karajans über die tiefgreifende Erneuerung unter Gerard Mortier bis hin zu den Jahren von Peter Ruzicka und Jürgen Flimm. Vier künstlerische Leiter, vier unterschiedliche Handschriften – und immer war Wiesmüller einer jener ruhigen Fixpunkte im Hintergrund, die Kontinuität sicherten, die den gerade in Salzburg so wichtigen Dualismus von Alt und Neu ermöglichten.

Besonders in Zeiten des Umbruchs zeigte sich seine Bedeutung. Nach dem Tod Karajans 1989 war er maßgeblich daran beteiligt, die Festspiele neu aufzustellen und zukunftsfähig zu machen. Er unterstützte Reformen, auch wenn sie unbequem waren, weil er erkannte, dass Stillstand keine Option war. Gleichzeitig bewahrte er das Bewusstsein für Tradition – nicht als starres Konzept, sondern als lebendige Grundlage.

Gerard Mortier selbst würdigte ihn später mit Worten, die viel über Wiesmüllers Rolle aussagen: Ohne seine Unterstützung und sein Verständnis wäre der schwierige Anfang nicht gelungen. Es war genau diese Mischung aus Klarheit, Geduld und Loyalität, die ihn auszeichnete.

Auch strukturell hinterließ Wiesmüller bleibende Spuren: die Stärkung der finanziellen Grundlagen, die Einbindung des Tourismus, wichtige infrastrukturelle Entwicklungen wie der Ausbau des Schüttkasten zu Kartenbüro und großzügigem Proberaum im Dach und nicht zuletzt die Fähigkeit, Persönlichkeiten zusammenzuführen. Dabei verstand er es wie kaum ein anderer, Wirtschaft und Kultur nicht als Gegensätze zu begreifen, sondern als produktive Einheit. In seiner Tätigkeit beim Bankhaus Spängler ebenso, wie in seinem kulturellen Engagement lebte er diese Verbindung vor – umsichtig, nachhaltig und stets dem Gemeinwohl verpflichtet.

Für seine Verdienste wurde er vielfach ausgezeichnet, unter anderem mit dem Großen Ehrenzeichen für Verdienste um die Republik Österreich, dem Österreichischen Ehrenkreuz für Wissenschaft und Kunst I. Klasse, dem Großen Ehrenzeichen des Landes Salzburg und dem Ring der Stadt Salzburg. Doch wichtiger als jede Auszeichnung war ihm stets die Sache selbst.

Heinrich Wiesmüller war, wie ihn die Salzburger Nachrichten nannten, ein „Grandseigneur der Kulturpolitik“. Er übernahm Verantwortung und gab den Festspielen in entscheidenden Momenten Orientierung und Richtung. Sein Wirken bleibt. Seine Haltung ebenso.

Unsere aufrichtige Anteilnahme gilt seiner Familie, vor allem seiner Frau Johanna und seinen Kindern Mag. Markus Wiesmüller und Dr. Maria Wiesmüller. In diesen schweren Stunden sind unsere Gedanken bei ihnen.

„Die schwarze Fahne, die heute am Festspielhaus weht, ist ein Zeichen der Trauer und der Dankbarkeit für Heinrich Wiesmüllers Wirken bei den Salzburger Festspielen“, erklärte das Direktorium der Salzburger Festspiele.