Il viaggio a Reims
„Bon Voyage!“ wünscht Cecilia Bartoli bei den Salzburger Pfingstfestspielen 2026 – und widmet ihr Programm ganz dem Thema des Reisens. Mit der Opernproduktion, die auch im Sommer gezeigt wird, erweist sie erneut einem ihrer Lieblingskomponisten die Ehre: Rossinis Il viaggio a Reims schlägt aus einer Reise, die scheitert, spaßiges Kapital. Im Interview beschreibt Regisseur Barrie Kosky seinen Zugang zu dieser extravaganten Komödie über Reisende, die in einem Hotel festsitzen.
Il viaggio a Reims ist in mehrfacher Hinsicht ein ungewöhnliches Werk. Was macht seine besondere Stellung aus?
Barrie Kosky: Zunächst einmal ist Il viaggio a Reims Rossinis letzte Oper in seiner Muttersprache. Alle nachfolgenden Bühnenwerke haben französische Libretti und sind, mit Ausnahme von Le Comte Ory, keine Komödien. Il viaggio bildet also den Abschluss von Rossinis unglaublichen Errungenschaften im italienischen Buffo-Repertoire. Zweitens weist das Stück eine interessante Konzeption auf, und zwar deswegen, weil es ein Gelegenheitswerk war: Rossini schrieb es 1825 für die Pariser Feierlichkeiten rund um die Krönung von Karl X., und er sah nicht vor, es über die Uraufführungsserie hinaus aufführen zu lassen. Il viaggio geriet in Vergessenheit, ein großer Teil der Musik galt bald als verschollen. Erst im späteren 20. Jahrhundert konnten Musikwissenschaftler das Werk dank wiederentdeckter Quellen rekonstruieren. Die erste moderne Produktion wurde 1984 von Claudio Abbado in Pesaro dirigiert und war eine Sensation. Die Musik des Viaggio gehört teilweise zum Besten, was Rossini komponiert hat.
Dass es sich um eine „Festoper“ handelt, spiegelt sich bereits in der Anzahl von Rollen wider …
Ja, es gibt nicht weniger als zehn Hauptrollen sowie acht kleinere Rollen, dazu noch den Chor. Das ist nicht die einzige Herausforderung für die Regie: Die Oper hat zwar großartige Arien und – das eigentliche Markenzeichen von Rossinis Komödien – erstaunliche Ensemblenummern, aber kaum eine Handlung. Die Geschichte ist sehr einfach: Eine Gruppe von Leuten ist auf dem Weg nach Reims zur Krönung von Karl X., steckt jedoch in einem Kurhotel mitten im Nirgendwo fest, weil sich keine Pferde für die Weiterreise auftreiben lassen. Es entspinnen sich Intrigen und Liebschaften, es gibt eine Menge komische Geschäftigkeit – aber im Grunde passiert nicht viel. Die Situation ist natürlich perfekt für eine Komödie: Wenn eine Gruppe zusammengewürfelter Personen auf begrenztem Raum festsitzt, geschehen irre Dinge – das wissen wir aus der Literatur, dem Theater, dem Film.
Insofern ist die spärliche Handlung des Viaggio für einen Regisseur wie mich ein Geschenk, denn sie erlaubt mir, eine eigene Geschichte zu erfinden. Das war mein Ausgangspunkt für die Inszenierung. Und von Anfang an hatte ich das Gefühl, dass etwas Feydeauhaftes hinein muss. Georges Feydeau, der erst später als Rossini, rund um die Jahrhundertwende, tätig war, gehört zu meinen Lieblingsdramatikern und ist einer der Wegbereiter des filmischen Slapstick. Er erfand eine besondere Form von Farce, mit rasanten Auftritten und Abgängen, mit Slapstick in der pikanten Kombination mit Sexualität – geheime Rendezvous in Hotelzimmern, Liebhaber, die entdeckt werden, kompromittierende Situationen. Einiges von dieser Feydeauschen Welt, die wir wenig später zum Beispiel in den Filmen der Marx Brothers wiederfinden, wird in meine Inszenierung eingehen.
Was ich zu erreichen hoffe, ist ein theatraler Rausch, eine Art Delirium. Rossinis italienische Komödienmusik ist für mich nämlich die Musik des Deliriums. Natürlich hat sie auch wunderbare melodiöse Abschnitte, aber insgesamt bekommt man das Gefühl, dass hier eine Welt außer Kontrolle gerät – genau wie bei Offenbach.
Die Gäste, denen wir in dem Kurhotel begegnen, stammen aus den unterschiedlichsten Ländern, und die Oper spielt lustvoll mit nationalen Klischees. Wie gehen Sie damit um?
Diese beinahe karikaturistische Darstellung ist einer der Gründe für die Faszination von Il viaggio a Reims. Neben einer modeverrückten Französin und einem eifrig flirtenden Franzosen gibt es unter anderem eine Künstlerin und einen antiquitätenbegeisterten Gelehrten aus Italien, einen Deutschen, eine Polin, einen Spanier und einen Engländer. Dass sie dennoch alle italienisch singen und nur gelegentlich Wörter aus ihren Landessprachen einbauen, verleiht dem Ganzen eine surreale Note. Man könnte Il viaggio als Farce über die EU anlegen, aber das ließe sich nicht über die Dauer des Stücks durchhalten, ohne ihm die Leichtigkeit zu rauben – Il viaggio ist wie ein Soufflé. Natürlich spielt Rossini mit Stereotypen und Klischees, und dem muss man Rechnung tragen; man darf es aber nicht zu weit treiben. Gerade in der berühmten letzten Szene, in der die Gäste nacheinander national gefärbte Lieder zum Besten geben, liegt der eigentliche Witz in der Musik: Überlagert man ihn zu sehr mit anderen Witzen, dann stirbt er. Grundsätzlich geht es mir darum, den schmalen Grat zwischen überbordendem Slapstick und der Wahrung einer menschlichen Dimension zu finden – denn Slapstick ist nur lustig, wenn er auch Menschlichkeit beinhaltet.
Das Interview führte Christian Arseni.
Zuerst erschienen in der Festspielbeilage der Salzburger Nachrichten