© SF/Jan Friese

Uraufführung der Nobelpreisträgerin Elfriede Jelinek

Die künstlerische und politische Radikalität von Elfriede Jelinek hat die Theaterlandschaft für immer revolutioniert. Es gibt nur wenige Regisseuri·nnen, mit denen sie so kontinuierlich gearbeitet hat wie mit Nicolas Stemann – dieser zeichnet nun auch für die Uraufführung von Unter Tieren verantwortlich. Anlässlich des TerrassenTalks begrüßt Karin Bergmann neben Nicolas Stemann die Schauspieler·innen Mavie Hörbiger, Caroline Peters und Sebastian Rudolph am Podium als „nicht nur gute Bekannte, sondern liebe Kolleg∙innen und Freund∙innen“. Vor 22 Jahren zeigte Stemann mit Das Werk seine erste Jelinek-Uraufführung bei den Salzburger Festspielen, damals wie heute eine Koproduktion mit dem Wiener Burgtheater. Karin Bergmann resümiert: „Elfriede Jelinek legt in ihren Werken ihren literarischen Finger in schmerzhafte Wunden dieser Republik und unserer globalisierten Welt, eigentlich des gesamten Erdballs. Der Regisseur Nicolas Stemann schafft es, aus diesen dunklen Themen auch Funken des Humors zu schlagen und daraus mit klugem und satirischem Blick wahre Theaterfeste zu kreieren – dank des immer großartigen Ensembles.“

In Unter Tieren setzt sich Elfriede Jelinek kritisch mit den Formen des Kapitalismus und mit der Entstehung und Vermehrung von Geld sowie seinen Auswirkungen auf das menschliche Leben und die Gesellschaft auseinander. Nicolas Stemann versteht das Stück als zweiten Teil von Elfriede Jelineks Kontrakte des Kaufmanns aus dem Jahr 2009, in dem es um den Bankencrash ging. In Unter Tieren thematisiert die Autorin österreichische und internationale Wirtschaftsskandale und darin involvierte Persönlichkeiten der letzten 15 Jahre. Unter anderem nennt sie René Benko, Wirecard, Peter Thiel oder Siegfried Wolf, die teils auch in der Inszenierung aufgegriffen würden, mal explizit, mal poetisch offen.

Mit einer Dauer von vier Stunden ohne Pause haben sich Nicolas Stemann und das Ensemble zu einer offenen Form der Inszenierung, einer Art Happening, entschieden: „Diese Form haben wir damals bei Kontrakte des Kaufmanns entwickelt und ich knüpfe daran an. Das ist so wie eine Aktionärsversammlung, wo der Text aus juristischen Gründen bis in die Toiletten übertragen werden muss, damit kein Wort verloren geht. Es wird nicht erwartet, dass das Publikum die ganze Zeit über im Saal sitzt. Die Zuschauenden können den Raum verlassen und wieder Platz nehmen. Und wir zählen sichtbar die Seiten des Buches, man weiß also immer, wo wir gerade sind.“ Draußen könne man ein Getränk zu sich nehmen und auf einem Videomonitor das Bühnengeschehen weiterverfolgen. Caroline Peters empfindet diese offene Form als befreiend. Mavie Hörbiger erzählt vom gemeinschaftlichen Erlebnis während der Urlesung vor einigen Wochen am Burgtheater.

In Unter Tieren gibt es keine Menschen, nur Tiere. Nicolas Stemann: „Diese Tiere reden nicht wie Tiere, sondern reden in der elaborierten, eloquenten Sprache Jelineks mit unzähligen Referenzen auf Philosophie, Wissenschaft, Wirtschaft und Politik.“ Die Tiere hätten ein durchaus menschliches Wissen und menschlichen Wortschatz – Nicolas Stemann vergleicht das mit einer Fabel, in der man Tieren menschliche Eigenschaften zuspricht und letztendlich über Menschen spreche.

Das Stück thematisiere auch das Leid und die Ausbeutung von Tieren durch Menschen, insbesondere von
Nutztieren, die nun in den „Trümmern eines Systems“ leben. „Die Tiere reden teilweise sehr plastisch und drastisch darüber, wie schlecht sie von Menschen behandelt werden. Da stellt sich die Frage: Wie verhandelt man das moralisch? Welche Ästhetik findet man dafür? Auch Elfriede Jelinek benutzt Tiere – und wir spielen sie.“ Für Nicolas Stemann hat das Moralische in Jelineks Schreiben durchaus damit zu tun, dass sie in die Zynismen hineingehe und sie nicht ausblende.

Eine Besonderheit des Textes ist das weitgehende Fehlen echter Dialoge; stattdessen gibt es Monologe, die, wie Mavie Hörbiger beschreibt, auch eine fehlende Solidarität unter den Opfern – den Tieren – widerspiegeln. Beispielsweise stellen sie sich freiwillig an, um verbrannt oder geschlachtet zu werden. Mavie Hörbiger: „Es gibt sehr anrührende Szenen, zum Beispiel von Kühen und Schweinen, die vor ihrer Schlachtung beschreiben, was sie fühlen und was sie denken, was mit ihnen passiert.“

Die eröffnende Szene sprechen Caroline Peters und Mavie Hörbiger aus der Sicht zweier Tauben. Sie könnten sie alles von oben sehen, wie die Baustellen und Löcher in den Städten, die von Leuten wie René Benko durch Geschäfte- und Geldmacherei versursacht wurden. Caroline Peters stellt sich dabei vor: „Die reden schon darüber, wie das ist, wenn wir weg sind. Das Einzige, das übrigbleiben wird, sind Bauruinen. Die Natur nimmt sich eine Stadt umgehend zurück.“

Einsatz von Künstlicher Intelligenz. Die Künstliche Intelligenz werde als integraler Bestandteil der Inszenierung eingesetzt und behandle die Frage, was passiert, wenn Menschen verschwunden sind und Maschinen die Welt übernehmen. Dieser Teil des Abends wird von Konrad Hempel und Claudia Lehmann vom Institut für experimentelle Angelegenheiten in Co-Kreation mit Künstlicher Intelligenz gestaltet. „Ein Forschungsexperiment“, meinen die beiden. Konrad Hempel: „KI ist der ideale Vollstrecker des Kapitalismus, aber eben nicht, weil sie den Kapitalismus versteht, sondern weil sie ihn einfach widerspruchslos fortschreibt, jedoch ohne eigenes Verständnis oder Verantwortung.“ Die Diskussion über die Verantwortung bleibe beim Menschen. Das Problem der Technologien sei, dass sie nur von einzelnen Personen und Unternehmen entwickelt würden und diese die Macht darüber hätten. Zudem könne KI ohne menschliche Programmierung und Training nicht existieren, es brauche viele Menschen und Prozesse dahinter.

In Unter Tieren übernehmen einerseits die Maschinen, andererseits die Natur. Dies möchte Nicolas Stemann in der Inszenierung spielerisch aufgreifen, indem er eine Sequenz von einem Tier inszenieren lässt: „Wir haben tatsächlich einen Hund auf der Bühne, Pepita, der den Schauspieler·innen vorführt, wie man eigentlich Hunde spielt. Das ist schon sehr merkwürdig und dann kommt der nächste Eskalationsschritt: Alle Menschen werden verschluckt von der Bühne, dann gibt es einfach keine Menschen mehr. Übrig bleibt die KI und soll das Stück weiter inszenieren.“ Verschiedene KIs werden live auf der Bühne darüber diskutieren, wie das Stück ohne Menschen inszeniert werden kann. Das Publikum werde so mit Zukunftsvisionen konfrontiert, in denen Maschinen Kunst produzieren und rezipieren, während der Mensch irrelevant wird. Nicolas Stemann: „Das hat auch etwas extrem Melancholisches, wenn man auf so eine leere Bühne schaut und merkt, die Spielenden sind weg. Wenn die KI darüber diskutiert, ‚braucht man im Theater eigentlich Schauspieler?‘, diskutiert sie im Kern darüber, ,braucht man Menschen?‘ Solche Diskussionen gibt es. Die Alarmist·innen unter den KI-Expert·innen geben uns höchstens drei Jahre, bis eine Super-KI entstanden ist, die dann– aus nachvollziehbaren Gründen – draufkommt, es wäre besser ohne Menschen.“

Musik wird, wie in allen Inszenierungen von Nicolas Stemann, der selbst auch Musiker und Komponist ist, eine große Rolle spielen. Sie soll helfen, den Text sinnlich erfahrbar zu machen und Denkräume zu öffnen. Es gibt Live-Musik von und mit Thomas Kürstner und Sebastian Vogel sowie von Nicolas Stemann selbst. Und es wird eine Blaskapelle aus Oberalm auftreten, um die gewohnte Theatererfahrung weiter zu öffnen. Stemann fragte sich: „Kann der Text in der Musik fortgeführt werden? Wie hilft die Musik, den Text auf eine andere Ebene zu rücken? Dieses Text-Happening auf der Perner-Insel Hallein hat etwas sehr Musikalisches, mit durchaus revueartigen Anteilen.“ Es sei der Versuch, Sinnlichkeit einziehen zu lassen, da Jelineks Text nicht nur im rationalen Verstehen angesiedelt sei. Caroline Peters bezeichnet diese Produktion als „Quantentheater“: „Man springt von einem Ding zum anderen und bringt es in einen Zeitstrom. Mein persönlicher Eindruck von Realität ist, dass sie nicht linear ist. Jeder lebt in seinem eigenen Zeitstrom und wir müssen uns trotzdem die Gegenwart teilen.“ Ihr komme die Art der Inszenierung sehr entgegen, es sei entlastend, nicht einem Plot von A nach B zu C folgen zu müssen. Abschließend merkt Sebastian Rudolph an: „Für mich bleibt nicht nur das Dystopische oder das Hoffnungslose, sondern der Auftrag: ‚Bitte beschäftigen Sie sich alle mit Geld. Fragen Sie mal nach, was das ist und was man damit machen könnte!‘ Es ist keineswegs zwangsläufig so, dass wir – nur weil wir ein Bankkonto besitzen und Geld in der Hand haben –, unsere Leben zerstören, sondern wir können damit unser Leben gestalten. Aber wenn sich niemand damit beschäftigt außer Benko und Thiel, dann hat die Welt eben ein großes Problem. Unsere junge Ensemble-Kollegin Azaria Dowuona-Hammond sagte gestern zu mir, wie viel Hoffnung sie aus dem Abend und aus dem Text mitnimmt. Das gefällt mir unheimlich gut, denn im Endeffekt gilt: Es liegt immer in unserer Hand.“