Der Menschenfeind von Molière
„Es freut mich besonders, dass die Regisseurin Jette Steckel wieder hier ist“, begrüßt Karin Bergmann zum TerrassenTalk von Molières Der Menschenfeind und erinnert, dass die Regisseurin vor 17 Jahren im Rahmen des Young Directors Project mit einem Text von Ilija Trojanow bei den Salzburger Festspielen zu Gast war. Karin Bergmann verfolge Jette Steckels Arbeit seit langem, „sie hat hervorragende Arbeiten in meiner Direktionszeit am Burgtheater gemacht“ und sei gespannt auf die Umsetzung des Textes durch die für ihre bildgewaltige Theatersprache bekannte Regisseurin. Molières Der Menschenfeind, einer der erfolgreichsten und meistgelesenen Texte überhaupt, „zeigt uns Menschen, so wie wir sind in allen Zeiten“, resümiert Karin Bergmann in ihrer Begrüßung, die sowohl Ensemble und Leading Team der Produktion als auch die Intendantin Sonja Anders des Koproduktionspartners Thalia Theater Hamburg miteinschließt.
Auf die Eingangsfrage, ob Der Menschenfeind oder der verliebte Melancholiker – wie das Stück im Originaltitel heißt – hier wirklich ein Menschenfeind sei, erörtert Jette Steckel, sie habe „das Gefühl, der Umstand, ein Menschenfeind zu sein, verbindet sich mit der Tatsache, ein Menschenfreund oder ein Menschenliebhaber zu sein“. Sie interessiere sich primär für den Aspekt des Menschenfeindes „als jemand, der zu hohe Ideale hat, zu hohe Ansprüche an seine Gattung stellt und deshalb in permanenter Desillusionierung und Enttäuschung über das menschliche Verhalten landet“.
Die Inszenierung basiert auf der Übersetzung aus dem Französischen von Frank-Patrick Steckel, dem Vater der Regisseurin. Diese Übersetzung halte sich konsequent an den von Molière verwendeten Alexandriner als Versmaß. Die Rhetorik werde durch den durchgängigen Reimvers komplettiert.
Die Schauspieler·innen empfinden die gebundene Sprache als herausfordernd, aber bereichernd und genussvoll, wenn sie gemeistert wird. Es ist ein textgewaltiges Stück. André Szymanski, Darsteller des Alceste, zeigt sich begeistert von der Kraft der Sprache und der Virtuosität des Textes. Doch es sei ein Weg: „Man hat manchmal das Gefühl, man sitzt auf einem untrainierten Pferd, das es zu zähmen gilt. Die Alexandriner zu einer Sprache zu einen, die direkt ist – an dieser Balance haben wir viel gearbeitet.“ Maja Schöne, sie gibt die Célimène, ergänzt: „Es ist wirklich ein Ritt. Aber wenn man sich diesem Rhythmus dann hingeben und ihn führen kann, ist es ein großes Vergnügen, dann kann man vertrauen. Es ist das erste Mal, dass ich mich mit Molière befasse, und ich empfinde es als Herausforderung, aber als eine sehr erfüllende.“
Die Produktion trägt im Untertitel „Ein Triptychon“. Jette Steckel erläutert, dass sie diesen Weg mit dem Leading Team gewählt habe, um einen zeitgeistigen Kontext herzustellen. Der erste Teil, ein Hip-Hop-Konzert diene als zeitgenössischer Auftakt, weil Hip-Hop mit der Energie der Sprache arbeite. Im Video, dem zweiten Teil, gehe es in einer abstrakten Form um Kommunikationsformen der Gegenwart. Im dritten Teil folge dann das Theaterstück, Molières Originaltext, der vor dem Hintergrund der ersten beiden Teile neu verhandelt werde. Die Zeitlosigkeit des 1666 geschriebenen Textes werde so besonders deutlich.
Das große übergeordnete Thema sei die Funktionsweise menschlicher Kommunikation in der Gegenwart. Die Thesen Alcestes über die Verrohung und Verlogenheit der Kommunikation und die Frage nach wahrhaftigen Aussagen stünden dem Narzissmus unserer Zeit gegenüber. Jette Steckel: „Gibt es überhaupt noch irgendeinen wahrhaftigen Ton oder ist alles nur getrieben von der sogenannten Eigenliebe? Das sind Fragen, die man in Zeiten von Social Media durchaus stellen kann.“ Die ersten beiden Teile fungierten wie Pflöcke, „die wir einhauen, um vor dem Hintergrund des Horizonts, den diese beiden ersten Teile aufspannen, dann den Text vor der Gegenwart reflektieren zu lassen“.
Bei der Suche nach einer Form für den ersten Teil seien sie auf Hip-Hop gekommen, „weil er stellvertretend für ‚in den Ring steigen‘ steht. In den Hip-Hop Battles geht es um die Sprache als Waffe.“ UWE, Texter von u.a. Deichkind, hat die Lyrics dazu geschrieben. Jette Steckel ergänzt: „In einer gewissen Weise ist Hip-Hop wie eine gegenwärtige Reprise auf die Alexandriner. Ich kam darauf, als ich von einem Hip-Hop Battle in Paris las, der nur aus Molière-Texten bestand. Die Alexandriner waren gewissermaßen der Rap zu Zeiten Molières, die Figur des Dichters Oronte ein Popstar. Der Hip-Hop im Konzert ist also eine Art Übersetzung dieser Kunstform ins Heute. Und im Stück selbst vertonen wir stellenweise sogar den Alexandriner als Rap – das funktioniert erstaunlich gut.“
Jette Steckel verrät, dass das Publikum teilweise auch auf der Bühne sitze, so wie in einem Boxring. „Die Schauspieler·innen spielen in der Mitte, werden also quasi von allen Seiten betrachtet.“ Für Lisa Hagmeister, die Arsinoé verkörpert, symbolisiert die Bühnensituation ein Panoptikum, in dem man permanent beobachtet wird, was die Idee der ständigen öffentlichen Präsentation des Selbst bis hin zu sehr Privatem – ähnlich wie auf Social Media – unterstreiche. Es entspreche auch dem Text und wie dieser geschrieben sei, da Molière alles in einem Salon spielen lasse. Es werde zwischen den Figuren also alles bewusst in der Öffentlichkeit verhandelt und man sei sich für die eigene Figur und als Schauspieler·in dieser Zurschaustellung jederzeit bewusst. In dem Sinne war und sei die Komödie ein Spiegel für das Publikum, da sich Molière über die seinesgleichen lustig mache und den Zeitgeist kritisiere.
Zur Beziehung zwischen Alceste und Célimène in Molières Text führt Jette Steckel aus, dass konventionelle Liebesbegriffe hinterfragt und verschiedene Beziehungsformen thematisiert würden. Célimène strebe nach Freiheiten und Vielseitigkeit in der Liebe, was mit heutigen Diskussionen über Beziehungen und Lebensmodelle korrespondiere. Sie werde als Vertreterin einer freieren Liebesvorstellung gelesen. Alceste hingegen verkörpere eine eher als konservativ wahrgenommene, besitzergreifende Liebesvorstellung der Monogamie. Das Ringen der beiden um den Begriff der Liebe stehe im Zentrum. Es ist bekannt, dass Der Menschenfeind das biografischste Stück ist, das Molière – wahrscheinlich aus einer großen Melancholie heraus – geschrieben hat. So thematisierte es etwa dessen eigene Eifersucht auf seine junge Ehefrau.
André Szymanski nimmt an, Molière habe das Stück als Komödie bezeichnet, weil es sich nur so gut verkaufen habe lassen. „Es kann sehr lustig sein. Es ist aber im Kern auch ein sehr, sehr ernstes Stück.“ Figuren wie Clitandre und Acaste, die in anderen Inszenierungen oft als Karikaturen dienten, würden in dieser Arbeit als Figuren gestärkt, die die Gesellschaft repräsentieren. Sie stehen exemplarisch für Eitelkeit, Egomanie und Verletzlichkeit einer Gesellschaft, die Alceste kritisiert, angreift und verändern will. „Diese Figuren als wertige Figuren zu zeichnen, war sowohl Arbeit als auch ein großer Spaß“, sagt Camill Jammal, der die Rolle des Clitandre spielt. Cino Djavid, Darsteller von Acaste, ergänzt: „Ich finde die Komödie ist allein sehr präsent dadurch, dass jede Figur sich unendlich wichtig nimmt – es sind alles Narzissten mit großen Egos und dementsprechend großen Verletzlichkeiten. Das ist per se schon komisch, weil es so wahrhaftig ist.“ Und Maja Schöne schließt an: „Der Witz erschließt sich nicht zuletzt stark aus dem Rhythmus und Reim der Sprache. Das fasziniert sehr.“