© SF/Monika Rittershaus

Das Schauspielprogramm 2026

Mit Molière, der in seinen bitterbösen Komödien aufklärerische Ideen vorwegnahm, führt ein zweifacher Handlungsstrang von der Oper zum Schauspiel: vom Doppelleben der Liebe in Ariadne zum Nullpunkt der Liebe im Menschenfeind. Und die Abrechnung mit der Kulturlosigkeit in Strauss’/ Hofmannsthals Ariadne auf Naxos (die Urfassung sah Molières Der Bürger als Edelmann als Vorspiel vor) findet im Menschenfeind ein beredtes Pendant: Das Stück ist eine ätzende Satire auf die Heuchelei und Oberflächlichkeit der Gesellschaft und entlarvt eine soziale Maskerade. Elfriede Jelineks jüngstes Drama, Unter Tieren, zielt ebenfalls in die Untiefen einer verlogenen Gesellschaft und zeichnet sprachgewandt den Weg „in die Apokalypse des Kapitalismus“ – wozu die Vita des heiligen Franz von Assisi ein radikales Gegenmodell darstellt.

Eine zarte Bewegung zwischen Gestern und Morgen, Vergangenheit und Zukunft vollzieht Peter Handkes „Kreuz-und-Quer-Gehender“ in Schnee von gestern, Schnee von morgen. Wir begleiten ihn im stillen Nachdenken über das menschliche Herz, das gefährdete – „DAS HERZ ALLER DINGE in dir und mir“ –, über die Zeit und das Erinnern. Ihm gegenüber steht der rastlos Suchende, der uns in der Figur des Faust entgegentritt: der Archetyp des modernen, nach Wissen, Erfahrung und Erfüllung strebenden Menschen, dem Liebe Eigennutz ist.

Von Molière über Goethe bis hin zu den neuesten Werken der Nobelpreisträger·innen Elfriede Jelinek und Peter Handke spiegeln sich im Schauspielprogramm grundlegende Diskurse der europäischen Geistesgeschichte: von der Aufklärung über die Moderne bis in unsere Gegenwart.

Ergänzt wird das Schauspielprogramm durch Lesungen und Solostücke. Peter Handkes Wunschloses Unglück ist mit Bibiana Beglau zu erleben. Elfriede Jelinek, der kompromisslosen Kritikerin gesellschaftlicher Machtverhältnisse, ist neben der Uraufführung ebenfalls eine Lesung zugeeignet: Winterreise mit Birgit Minichmayr. Darin kreist die Autorin um „das schwarze Loch der Zeit, die nur das Vorüber kennt“, um das Nicht-in-der-Zeit-Sein, und verbindet den Schubert’schen Topos von der Fremdheit in der Welt mit ihrer Biografie und dem „Wahnsinn der unmittelbaren Gegenwart“.

Besonderes Augenmerk gilt Ingeborg Bachmann, einer der bedeutendsten literarischen Stimmen des 20. Jahrhunderts, deren 100. Geburtstag und 50. Todestag sich 2026 jähren. Jutta Ferbers verwebt für eine szenische Lesung mit dem Titel Ingeborg Bachmann. Wer? Gedichte sowie Passagen aus dem Roman Malina und andere Prosatexte der Dichterin zu einer inneren Biografie, der Anna Drexler, Mavie Hörbiger, Sophie von Kessel, Sylvie Rohrer, Valery Tscheplanowa und Christoph Luser ihre Stimme leihen.

Zuerst erschienen in der Festspielbeilage der Salzburger Nachrichten

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