Das Konzertprogramm 2026
Ein zartes Netz an mannigfaltigen Verbindungen überzieht das Konzertprogramm der Festspielsaison 2026 – und knüpft zugleich an Oper und Schauspiel an. Aus der Tiefe seiner Verzweiflung schreit ein gebrochener Mensch in Oscar Wildes erschütterndem, „De Profundis“ überschriebenem Gefängnis-Brief, den Jens Harzer mit der ihm eigenen Klagemelodie in einen großartigen Monolog fasst. De Profundis bezieht sich auf den Psalm 130, den Ruf aus der Tiefe der Verzweiflung und Sündhaftigkeit. Auf den Bußpsalm wiederum, das innige Gebet um Vergebung, Reue und Erbarmen, fokussiert die Ouverture spirituelle, die dessen Anfangswort – „Miserere“ – im Titel trägt.
Die „Scènes franciscaines“ (Saint François d’Assise) verweisen direkt auf den Zyklus „Visions de Messiaen“ – eine Konzertreihe mit Kompositionen von Olivier Messiaen, die das Zeitgefühl außer Kraft zu setzen scheinen und von theologischer Tiefe, Naturbeobachtung und rhythmischer Komplexität geprägt sind. Für den gläubigen Katholiken Messiaen war Musik ein Weg, die Ewigkeit zu erfahren.
„Komponieren heißt, Zeit zu schreiben. – ,L’écriture du temps‘ – Musik ist die Schrift der Zeit“, verweist auch Francesca Verunelli auf grundlegende musikalische Parameter – und zugleich auf unsere Wahrnehmung von Zeit und Endlichkeit. Verunelli gilt als eine der profiliertesten Klangforscherinnen und Komponistinnen der jüngeren Generation, die in zwei Porträtkonzerten vorgestellt wird.
Eine komprimierte Klangsprache und äußerste Verdichtung zu musikalischen Miniaturen prägen das Œuvre des ungarischen Komponisten György Kurtág, der kürzlich seinen 100. Geburtstag beging – und als ein Schüler Olivier Messiaens in Paris entscheidende Impulse für sein Schaffen erhielt.
Mit Gustav Mahlers monumentalem fünfsätzigen Werk über Leben, Tod und Erlösung – seiner Auferstehungssymphonie – eröffnen die Wiener Philharmoniker unter Gustavo Dudamel ihren traditionellen Konzertzyklus bei den Salzburger Festspielen. Und sie spannen damit ebenfalls einen Bogen zu Olivier Messiaen, dessen Franziskus-Oper im finalen Bild den Übergang in die Ewigkeit in intensiven Klangfarben malt. Tugan Sokhiev debütiert mit Werken von Ravel, Debussy und Prokofjew am Pult der Wiener in Salzburg. Riccardo Muti bringt Verdis Messa da Requiem zur Aufführung, und Christian Thielemann beendet sein Aufnahmeprojekt mit Werken von Brahms – das 2023 mit dem Deutschen Requiem in Salzburg begann – mit dessen Erster Symphonie sowie dem Violinkonzert, interpretiert von Augustin Hadelich. Den philharmonischen Festspielsommer 2026 beschließt Andris Nelsons. Daneben komplettieren Solistenkonzerte, Liederabende, Kleine Nachtmusiken und ausgesuchte Kammermusik mit den bedeutendsten Künstler·innen unserer Zeit das diesjährige Konzertprogramm.
Zuerst erschienen in der Festspielbeilage der Salzburger Nachrichten