13 Aug 2019

Es ist düster, weil es düster sein muss

Jede irdische Freude ist trügerischer Zauber, das Herz des Menschen eine Quelle unendlichen Leids.

Für „Simon Boccanegra“ hat Giuseppe Verdi neue Wege des Musiktheaters erfunden. Bis heute verlangt das Werk seinen Interpreten Außerordentliches ab. Worin liegt nun sein Reiz, seine Dramatik?

Für Claudio Abbado war „Simon Boccanegra“ ohne jeglichen Zweifel „eine der wichtigsten und größten Verdi-Opern.“ Für Giorgio Strehler „ein gewaltiges, absolutes Meisterwerk, in welchem jeder Aspekt der einzelnen politischen und psychologischen Situationen mit großartiger totaler Intensität zum Ausdruck kommt. Der ‚Boccanegra‘ ist eines der genialsten Werke Verdis.“

Die Mailänder-Scala-Produktion von 1971 von Abbado und Strehler war nach dem Weltkrieg zweifelsohne die bedeutendste und nachhaltigste Initiative für dieses unter Schmerzen geborene Meisterwerk: Nach Zwischenstationen in London, Washington und Paris landete sie schließlich an der Wiener Staatsoper (Premiere im März 1984 mit Abbado, Renato Bruson, Ruggero Raimondi und Katia Ricciarelli) und erlebte dort bis Oktober 1990 immerhin 35 Aufführungen, ehe Ezio Frigerios poesievolle Ausstattung buchstäblich in ihre Einzelteile zerfiel. Die Sechzigerjahre hatten allerdings Vorarbeit geleistet: Die Salzburger Festspiele 1961 mit Herbert Grafs Inszenierung in der Felsenreitschule, dirigiert von Gianandrea Gavazzeni, mit Tito Gobbi, Giorgio Tozzi, Leyla Gencer und Giuseppe Zampieri. Und 1969 die Wiener Staatsoper mit der stilistisch so geradlinigen wie präzisen Inszenierung des großen Luchino Visconti, dirigiert von Josef Krips, mit den jungen Ensemblemitgliedern Eberhard Waechter und Gundula Janowitz sowie mit Nicolai Ghiaurov.

Claudio Abbado startete bei den Salzburger Osterfestspielen 2000 eine weitere „Simone“-Inititaive (mit Giangiacomo Guelfi, Karita Mattila und Roberto Alagna), diese Inszenierung von Peter Stein übersiedelte 2002 an die Staatsoper (nun dirigiert von Daniele Gatti, mit Thomas Hampson und Ferruccio Furlanetto), wo sie noch immer läuft.

Revision eines Misserfolgs. Die lange Liste dieser prominenten Interpretennamen widerlegt wahrlich die irrige Annahme, „Simone“ wäre ein Nischenprodukt. Das Stück war eher eine Zangengeburt über Jahrzehnte, die Rezeption danach auch von Schwierigkeiten und Verständnisproblemen gezeichnet. Bei der Uraufführung 1857 in Venedig erlebte das Werk ein Fiasko und verschwand in der Versenkung. Der erste Librettist Francesco Maria Piave musste als Sündenbock herhalten, ehe Verdis späterer Verleger Giulio Ricordi mit sanftem Druck und mit Hilfe des versierten Arrigo Boito, dem künftigen „Otello“- und „Falstaff“-Librettisten, den längst arrivierten Meister bewegen konnte, das frühere Missgeschick durch eine radikale Überarbeitung, eine erweiterte Fassung zu reparieren. Verdi zögerte lange, denn er war besorgt um seinen Nachruhm. Er wollte lieber mit „Aida“ und dem „Requiem“ abschließen als mit der Revision eines alten Misserfolges. In jener Form, in der „Simone“ 1881 aber dann doch an der Mailänder Scala herauskam, ging er mühevoll in das Repertoire der Opernhäuser ein. Die Überlieferungsfrage ist dafür ebenso verantwortlich wie die mitunter komplizierte Dramaturgie: Fiesco etwa tritt im Prolog als unerbittlicher Gegner von Simone auf und verschwindet dann für Jahrzehnte und Generationen von der Bildfläche. Die neuen Bühnenaktionen lassen das Publikum im Unklaren, wer erkennt überhaupt noch Fiesco und wer nicht. Verwirrung und Zweifel an allen Ecken und Enden. Natürlich auch selbst beim Komponisten. „Das Stück ist düster, weil es düster sein muss, aber es ist fesselnd“, schrieb Verdi 1881. Schmerz, Schwermut und Verlust sind die Themen für diese dunkle musikalische Grundfarbe, die Fiesco im Finale trotz der Hochzeit von Amelia und Adorno in Richtung vergeblicher Hoffnung zusammenfasst: „Jede irdische Freude ist trügerischer Zauber, das Herz des Menschen eine Quelle unendlichen Leids.“

Den Interpretationsweg darstellen. Der Weg zum Erkennen und Verstehen der seelentiefen Zeichnung der „Simone“-Figuren ist für den Opernbesucher nicht einfach. Maestro Valery Gergiev gibt das auch offen und gerne zu: „Als ich das Stück vor mehr als zwanzig Jahren zum ersten Mal hörte, war ich nicht sonderlich beeindruckt davon, aber ich begann es für seine dunkle Kraft und seine wunderbare Balance zu schätzen, als ich begann, die Partitur zu studieren. Wir sind dankbare Schüler der großen Meister. Ein jeder kann und muss von Verdi lernen.“
Diesen Interpretationsweg versuchen wir nun anhand von Interviews mit den Interpreten der Hauptpartien im Detail darzustellen. Den Sängern wurden durchwegs die gleichen Fragen gestellt, damit die Themen nicht durcheinander gehen. Auch um die Persönlichkeit der Künstler zu wahren, steht jedes Gespräch und Interview separat und für sich selbst.

Um die Ansichten und Meinungen der Interviewpartner in Relation zu setzen, noch ein paar Gedanken von Regisseur Andreas Kriegenburg:

„Diese Oper erzählt von einer Gesellschaft, die leblos und, in Misstrauen erstarrt, beinahe handlungsunfähig geworden ist. Wir sind heute in einer ähnlichen politischen Situation: Europa fühlt sich bedroht durch Geflüchtete und begehrt dagegen auf, anstatt die Zusammenhänge zu akzeptieren. Wir ignorieren, dass wir es sind, die diese Situation kreiert haben.“
Bietet „Simone“ nun keine Lösung an?
„Kurz vor seinem Tod segnet Boccanegra die Liebe zwischen seiner Tochter Amelia und seinem politischen Feind Gabriele Adorno, fußend auf der Vergebung gegenüber Fiesco. Damit ‚reinigt’ er nicht die ganze Gesellschaft, aber er setzt einen Keim des Vertrauens und des Friedens für die zukünftige Gesellschaft.“

„Die Presse“, Salzburger Festspiele, 01.06.2019

MARINA REBEKA (Amelia Grimaldi)

Ich habe die Rolle der Amelia mehrmals an der Wiener Staatsoper mit großen Vergnügen gesungen, sie enthält wunderschöne Ensembles und Dramatik. Diese Rolle ist nicht so lang und kompliziert wie zum Beispiel in der „Traviata“ oder die Norma, aber sie ist intensiv und voller Kontraste. Ich verstehe nicht, warum die Oper nicht bei einem breiten Publikum bekannt ist, vielleicht weil die Geschichte kompliziert und langwierig wirkt durch den Prolog und die großen Chorszenen sowie weil private und politische Inhalte aufeinandertreffen. Ich freue mich immer, diese Rolle zu singen und zu spielen. Amelia ist eine junge Frau, die aus einer der vornehmsten Familien von Genua stammt, was sie aber nicht weiß, sie fühlt sich als Waise und nicht zum Adel gehörig. Sie liebt Adorno, und in jenem Moment, wo sie sich zwischen der Liebe zu Adorno und dem soeben gefundenen Vater (Simone) zu entscheiden hat, wählt sie Adorno mit den Worten, lieber zu sterben als ihn zu verlassen. Amelia ist ehrlich, bescheiden, fair und leidenschaftlich. Sie versteht, warum die früheren Feinde Adorno und Simone Frieden schließen und der sterbende Simone daher Adorno zum neuen Dogen bestimmt. – Diese späte Verdi-Oper weist bereits in die Richtung der durchkomponierten Handlung, wenn auch noch die Struktur Rezitativ-Arie-Duett erkennbar ist. Sie ist außerdem reich und wunderschön orchestriert – und wahrscheinlich schwer zu inszenieren. Das sollte auch der Grund sein, warum sie nicht allzu oft gespielt wird.

LUCA SALSI (Simon Boccanegra)

„Simon Boccanegra“ ist eine etwas außerhalb der Norm stehende Oper. Hier hat Verdi einen konstanten Musikfluss kreiert, ohne einzelne Nummern erkennbar werden zu lassen. Hier sind wir mit einer reifen Schreibweise Verdis konfrontiert, wo bereits eines seiner späteren Meisterwerke vorweggenommen wird: „Otello“. Verdi verlangt seinen Interpreten eine große Bandbreite an unterschiedlichen Stimmnuancen ab. Das dient der Psychologisierung fundamentaler Charaktere – wie Macbeth, Jago, Falstaff, Rigoletto –, und die Partitur weist eine Unzahl von Anweisungen auf, die wir sonst nicht finden. Wir haben zwischen einem dreifachen Forte (fff) und einem fünffachen Piano (ppppp) zu unterscheiden. Im Finale verlangt er sogar gleichzeitig pppp und sottovoce. Dann braucht man eine noble Tonproduktion und Phrasierung, was auch in anderen Verdi-Opern nicht unüblich ist. Verdi-Gesang hat immer vornehm zu sein, in „Simon Boccanegra“ ganz besonders. – Ich habe Simone erst einmal gesungen, im Jänner 2019 im Teatro Petruzelli in Bari, die Salzburger Verpflichtung mit Gergiev und Kriegenburg betrachte ich jedoch als ein neues Debüt. – Die Musik des „Simone“ repräsentiert einen großen Fortschritt für die Interpretation des Dramas und ist zukunftsweisend. Sie erfordert ein tieferes Verständnis als etwa „La Traviata“ oder „Rigoletto“, denn es ist ein intimes Stück, das konzentriert zu hören ist. Ich wollte das mit einem Bild von Monet vergleichen: Die Farben sind sanft und diskret, sie überfallen einen nicht unmittelbar. Aber wenn man stehenbleibt und sie aufmerksam betrachtet, überwältigen sie einen zutiefst.

RENÉ PAPE (Jacopo Fiesco)

„Simon Boccanegra“ ist eine der gelungensten Opern Verdis und eines seiner Meisterwerke. Allerdings ist diese Oper schwer zu besetzen und stellt einen vor die Herausforderung, die richtigen Sänger zu finden. Allein für die Figuren Boccanegra und Paolo braucht man zwei exzellente Verdi-Interpreten im gleichen Stimmfach. – Das gesamte Stück ist sehr dunkel, finster. Hochpolitisch und gleichzeitig zutiefst persönlich zeigt es neben Vielem auch den Umgang mit der Macht und das, was Menschen alles tun, um an diese zu kommen. Damit ist es zeitlos und heutzutage aktueller denn je. Musikalisch „fehlen“ die eingängigen Melodien eines „Rigoletto“ oder einer „Traviata“. Es ist quasi kein Verdi für den Musikantenstadl, sondern eine Oper für Liebhaber großer Werke. – Bis dato hat sich diese Partie für mich nie ergeben. Umso mehr freue ich mich auf meinen ersten Fiesco besonders als Rollendebüt bei den Salzburger Festspielen. – Ich schätze das Werk als gesamtes. Musikalisch, inhaltlich und dramaturgisch. Jede Partie stellt besondere Anforderungen, somit auch der Fiesco. In diesem Fall potenzieren sich die Anforderungen und Erwartungen durch das Rollendebüt, gerade bei den Salzburger Festspielen, natürlich besonders. Warum „Simone“ nicht besonders populär ist? Entweder, weil es selten gespielt wird und damit ein Geheimtipp ist, oder, weil es vielleicht noch nicht richtig gemacht worden ist. Ich persönlich halte „Simon Boccanegra“ für eine große Oper.

Simon Boccanegra

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