Zwei und mehr Seelen: alles Faust!
Ulrich Rasche inszeniert Goethes Faust: auf der Pernerinsel, ab 25. Juli.
„Alle Figuren im Faust sind Anteile von Faust selbst“, sagt der deutsche Regisseur Ulrich Rasche über seine Interpretation von Goethes Weltdrama, das er als „inneres Drama“ versteht, ausgehend von der „Zueignung“, die Goethe dem Drama vorangestellt hat: „Ihr naht euch wieder, schwankende Gestalten“ – wer spricht hier? „Man kann das auch so lesen, dass es Faust hier spricht“, meint Rasche: „Fast psychoanalytisch lässt er bestimmte Anteile seiner selbst wieder hervortreten.“ So sei Gretchen, auf der Pernerinsel gespielt von Anna Drexler, ein Anteil von Fausts Psyche – „das Ideal, die Reinheit, der Glaube, die Aufrichtigkeit“ –, ihr Bruder Valentin verkörpere die bürgerlichen Werte. Auch Mephisto sei ein Teil des Faust, sagt Rasche: „die Triebstruktur, der Rausch, das Erleben, das Umarmen der Welt. Im Gegensatz zu dem, was Faust bisher getrieben hat: die Suche nach Erkenntnis.“ Dieses Alter Ego, diese „Schattenseite“ des Faust spielt die aus Russland stammende Valery Tscheplanowa, die damit eine erstaunliche Salzburger Rollenkarriere weiterführt: vom Geist der Dareios in den Persern des Aischylos (2018) über die Buhlschaft im Jedermann (2019) und als Nathan der Weise (2023) bis eben nun zum „Geist, der stets verneint“, zum „Teil von jener Kraft, die stets das Böse will und stets das Gute schafft“.
Das Böse. Diese kanonische Selbstdarstellung des Mephisto zitiert Tscheplanowa gern. Und auch sie betont, dass sie Mephisto nicht als Mensch sehe, sondern als Allegorie. Für das Böse? „Da muss man gleich fragen: Was ist das Böse?“, antwortet sie: „Vielleicht das, was keine Werte hat, kein Herz. Nichts, worauf wir uns verlassen können. Zugleich etwas Unbestechliches: Man kann es nicht auf seine Seite ziehen. ,Das ist etwas, worüber ich nie niemals sprechen würde. Das ist ein bisschen beim Kochen. Der Gast im Restaurant bekommt keine Führung durch die Küche.’“
Dass sie als junge Schauspielerin von Parade-Mephisto Gustaf Gründgens „fasziniert und beunruhigt“ war, verrät sie immerhin, und sie spricht auch über ihre künstlerische Beziehung zu Regisseur Rasche, mit dem sie schon bei den Persern und beim Nathan zusammengearbeitet hat: „Ich würde es als Hassliebe beschreiben. Ich liebe genauso viel an ihm, wie ich mich an ihm nervt. Ich glaube, wenn er hier säße, würde er dasselbe über mich sagen. Wie man hier sagt: Wir machen Armdrücken.“
Der Mephisto habe sie jedenfalls immer angezogen, sagt Tscheplanowa: „Ihn zu verkörpern ist einer meiner großen Träume. Ich hätte gedacht, dass ich viel älter bin, wenn mir diese Rolle anbieten. Ich hoffe, ich bin alt genug; ich hoffe, ich habe genug Erfahrungen dafür gesammelt.“ Vielleicht komme diese Rolle auch genau zur rechten Zeit für sie: als eine Art Abschied vom Theater. „Ich mache ja kaum noch Theater, ich bin jetzt Autorin geworden“, erklärt sie und sinniert: „Ich musste, auch als Migrantin, sehr oft Abschied nehmen. Da gibt es zwei Möglichkeiten: bitter zu werden oder frei. Mephisto verkörpert für mich die Position der Freiheit.“
Ein Riss. Doppelt. Mephistos (innerer) Widerpart, der Doktor Faust, wird in Rasches Inszenierung von zwei Schauspielern dargestellt: Steven Scharf, geboren 1975 in Thüringen, ist der alte Faust; Johannes Nussbaum, geboren 1995 in Mödling, der am Bayerischen Staatsschauspiel immerhin schon den Werther und den Hamlet gegeben hat, ist der junge. Die Aufteilung erklärt Rasche folgerichtig durch den programmatischen Aufschrei „Zwei Seelen wohnen, ach! in meiner Brust“: „Der Satz sagt, dass es einen Riss in dieser Figur gibt. Das ganze Stück spricht von dieser Fragmentierung des Subjekts.“ In der Hexenküche wandelt sich der alte Faust in den jungen, in der Walpurgisnacht sucht dieser den Rausch, die Ekstase, die Besinnungslosigkeit, „vielleicht als Kontrast zur Liebe, die er zu Gretchen empfindet“.
Ein Drama der Zwiespältigkeit. Auf der Bühne, die Rasche wie immer selbst gestaltet, wird man das auch durch „klaustrophobische Enge“ spüren, „einen Zustand der Ausweglosigkeit, fast wie in einem Geburtskanal“. Entstehen wird diese Enge in einem Korridor, inspiriert durch die „Corridors“ des US-Künstlers Bruce Nauman. Dort wird Faust stecken, gezwungen, sich auf sich selbst zu konzentrieren, bevor ihm Mephisto, ein Teil dieses Selbst, zum ersten Mal gegenübertritt. Entstehen wird der Korridor durch zwei Wände, die sich verschieben. Und sich drehen, wie sich das gehört für eine Inszenierung von Rasche. Es wird auch ein hoch motorischer Faust heuer in Hallein.