© SF/Jan Friese

„Wie Vanilleeis mit Kürbiskernöl“

„Alle kennen den Namen König Arthur. Doch wie ist es für ihn, bereits in jungen Jahren die Last des großen Heldentums auf seinen Schultern zu tragen?“ Diese Frage stellte sich Fabiola Kuonen zu Beginn ihrer Beschäftigung mit John Drydens Textvorlage zu Henry Purcells Barockoper King Arthur – und entwickelte sie in ihrem Libretto und Regiekonzept zu einem neuen Beziehungs- und Gefühlsgeflecht der Figuren weiter. Darauf aufbauend arrangierte Gordon Kampe die Musik Purcells und komponierte neue Abschnitte hinzu. Yura Yang wird diese Neukomposition dirigieren und ist mit einem zehnköpfigen Ensemble Teil des Bühnengeschehens. Im Pressegespräch mit der Education-Managerin und Leiterin von jung & jede*r, Ursula Gessat, geben Fabiola Kuonen und Yura Yang Einblicke in die Inszenierung und Musik der neuen Oper für Kinder King Arthur Junior.

„Ein emanzipatorischer Selbstwerdungsprozess“

Über ein Jahr ist es her, dass Ursula Gessat Henry Purcells King Arthur als neues Projekt für junge Menschen vorschlug. Fabiola Kuonen „war sofort Feuer und Flamme“, als sie sich in Purcells Musik einhörte und von der „sehr gestischen Art, in der diese Musik zu einem spricht“, bewegen ließ. Den Text von John Dryden wollte sie für junges Publikum weiterdenken, dabei jedoch „keine Dekonstruktion“ des Originals vornehmen. Ihr Fokuswechsel vom großen Helden König Arthur auf den jungen Arthur, der von Unsicherheiten und Erwartungshaltungen geplagt wird, ist der Schlüsselaspekt in Kuonens Neuerzählung und spiegelt sich bereits im Titel wider: King Arthur Junior. In ihrer Fassung ist der Zauberer Merlin der Vater von Arthur und zugleich der Herrscher des Zauberwaldes – doch nicht mehr lang: Er sucht einen Nachfolger und ist der Überzeugung, mit seinem Sohn das dafür nötige „Mut-Blut“ zu teilen, wie Fabiola Kuonen beschreibt. Doch Arthur ist noch jung, ängstlich und zweifelnd. Demgegenüber steht Oswaldine – die Weiterentwicklung des Sachsenkönigs Oswald –, die in Kuonens Fassung als selbstbewusste Freundin von Arthur auftritt. Sie wolle „Verantwortung übernehmen und vor allem gesehen werden“, muss sich dabei aber der Ungerechtigkeit stellen, dass ihre Fähigkeiten gar nicht in Betracht gezogen werden. Anstelle des territorialen Krieges in John Drydens Vorlage entspinnt sich ein kompetitiver Konflikt um die Nachfolge als Herrscher·in über den Zauberwald, in dem Arthur zum Spielball wird. Auch Emmelines Charakter erfährt eine Weiterentwicklung: Sie ist „nicht nur eine Schauspielrolle, sondern eine blinde Figur, die im Verlauf des Stückes sehend wird“. Den „spezifischen Prozess des Sehendwerdens“ denkt Kuonen als „emanzipatorischen Selbstwerdungsprozess“ weiter, den sie durch eine Puppenspielerin umsetzt. „Wir haben großes Glück, über dieses Medium einen Weg gefunden zu haben, dieses Motiv von ‚Ich bin eine Projektionsfläche’ oder ‚ich bin anders in der Welt’ zu übersetzen.“ Fabiola Kuonen verrät: „Uns hat dieser Grundgestus sehr begleitet, dass in der Konkurrenz natürlich auch eine große Vereinzelung liegt und dass eine Befreiung aus diesen Strukturen vielleicht auch ein Ausweg sein könnte.“

Ein Heldentenor ohne Held

„Ich bin kein Held“, sagt der junge Arthur mehrfach und ist dennoch mit einer Heldentenor-Partie bedacht. Diese witzige Gleichzeitigkeit ist einer der Lieblingsmomente nicht nur von Fabiola Kuonen, sondern auch von Dirigentin Yura Yang. Sie leitete bereits 2025 Sebastian Schwabs Kinderoper Musketiere! und schwärmt von „so viel Unterstützung bei den Salzburger Festspielen für ein Kinderstück, was ja eigentlich das Wichtigste für unsere nächste Generation ist. Ich freue mich, dass wir diese Möglichkeit, diese Bühne, dieses Stück und diese Menschen haben.“ Gordon Kampes Bearbeitung von Henry Purcells Barockoper beinhaltet Arrangements des Originals, aber auch neukomponierte Übergänge und Abschnitte: „Es ist nicht eine Uraufführung im Sinne einer komplett neuen Komposition. Wir haben zwei Komponisten auf der Bühne“, beschreibt Ursula Gessat. Diese Paarung bringt Yura Yang bildlich auf den Punkt: „Es ist wie Vanilleeis mit Kürbiskernöl: Zwei verschiedene Sachen, die sich gut mischen. Kampe hat mit seiner Klangvorstellung und Idee seine eigene Kompositionssprache geschaffen.“ Fabiola Kuonen attestiert beiden Komponisten eine „große Gestik und ausdrucksstarke musikalische Sprache, die einem fürs szenische Material viel bietet.“

Darauf, wie das zehnköpfige Instrumentalensemble letztendlich klingen wird, ist Yura Yang sehr gespannt: „Wir haben eine Flöte, eine Klarinette, ein Horn und eine Trompete – eine nicht so übliche Kombination. Außerdem werden Klangeffekte beispielsweise von der Harfe, deren Saiten mit Honiglöffeln aus Holz gespielt werden, und von einem Waterphone erzeugt.“ Die Interpretation von barocker und zeitgenössischer Musik innerhalb eines Werksist für sie etwas Besonderes, zumal „Henry Purcell bei uns auch nicht wie Alte Musik artikuliert wird.“ Kuonen und Yang zollen den Sänger·innen der Produktion ihren Respekt: „Die Gesangspartien in dieser Oper sind wirklich nicht einfach. Ich bewundere, wie diese jungen Leute ihre Rollen nur mithilfe eines MIDI-Files einstudiert haben“, betont Yura Yang. Die Sänger·innen sind Teil des diesjährigen Young Singers Project.

„Aufruf zur Begegnung“

Auch wenn King Arthur Junior als Oper für Kinder ausgewiesen ist, hält sie für alle Generationen etwas bereit. „Ich liebe es, eine Geschichte vielschichtig anzulegen. Je älter man ist und je mehr Lebenserfahrung man mitbringt, desto mehr versteht man vielleicht andere Aspekte und kann sie anders greifen als die ganz kleinen Zuschauer·innen. In King Arthur Junior muss man nicht alles bis zum letzten ‚Easter Egg’ verstanden haben, um die ganze Geschichte zu erfassen; auch als erwachsene Person kann man sich noch einmal anders in diesen Themen wiederfinden als die Kinder“, stellt Regisseurin und Librettistin Fabiola Kuonen in Aussicht. Sie untersucht Fragen wie „Muss ich denn wirklich alles machen, was von mir verlangt wird?“ oder „Inwiefern kann ich mich selbst so ausdrücken, wie ich das in dem Moment gerade sehe?“ Dabei ist ihr wichtig: „Es geht nicht um einen Sei-wer-du-wirklich-bist-Gestus, sondern darum, dass eine gemeinsame Begegnung stattfinden kann, wenn man sich traut, ganz offen miteinander zu sein.“

Ursula Gessat fügt hinzu: „Vielleicht nehmen auch die Eltern etwas mit und fragen sich: Was projiziere ich auf mein Kind?“ Am 26. Juli hat King Arthur Junior Premiere im Schauspielhaus Salzburg. Gessat hebt im Spielort die „große Nähe“ zwischen Bühne und Publikum hervor: „Gesang und Musik passieren nur eineinhalb Meter vor einem. Ich sp¸re die Vibration der Stimme und sehe die Schweißperlen auf der Stirn des Singers.“ Die Unmittelbarkeit in der Begegnung, die im Theaterraum stattfinden kann, wird für die Regisseurin Fabiola Kuonen durch Musik potenziert: „Die Musik ist ein so affektiver Zustand, dem man sich gar nicht entziehen kann.“ Yura Yang unterstreicht: „Kinder haben einen anderen Zugang und sind offener: Zu Barockmusik würden sie vielleicht tanzen.“ Ein „Mitmachtheater in dem Sinne, dass die Kinder auf die Bühne eingeladen werden“, ist King Arthur Junior laut Kuonen zwar nicht, jedoch werden die Grenzen des Zauberwalds immer durchlässiger und erstrecken sich im Verlauf der Oper bis ins Auditorium.