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„Oder auch nicht“

„Das Wunderbare bei Peter Handke ist, dass oftmals seine Titel allein schon ganze Geschichten erzählen. Und auch dieser Text ist so, dass man weiß: Es geht ums Vazieren, es geht ums Bewegen und die dabei entstehenden Gedanken“, sagt Karin Bergmann in ihrer Begrüßung zum TerrassenTalk. Als „kostbaren Text“ schätzt Regisseur Jossi Wieler Peter Handkes Werk Schnee von gestern, Schnee von morgen, dessen Uraufführung in Salzburg auf die Verbindung des Autors mit Markus Hinterhäuser zurückgehe. Sofort nach der ersten Lektüre von Handkes Text sagte Jossi Wieler als Regisseur zu.

Zehn Monate vor Probenbeginn besuchte Wieler gemeinsam mit den Schauspieler·innen Jens Harzer und Marina Galic den Autor und Nobelpreisträger Peter Handke in Chaville bei Paris. Rückblickend erzählt Jens Harzer von zwei sehr interessanten Tagen, an denen es zwar immer wieder um das Stück gegangen sei, jedoch weniger um die Konzeption oder spezielle Fragen zur Inszenierung, sondern darum, „ein gewisses Terrain um dieses Stück abzustecken und miteinander zu spüren“. Marina Galic, die bereits frühere Treffen mit Peter Handke, etwa in Restaurants in Saint-Germain, als ein heiteres Zusammensein erinnert, beschreibt ihn als „warm, liebevoll und offen und als eine Person, die auch einen Schalk in sich trägt und viel Humor hat“.

Vielstimmiger Text

Jossi Wieler sagt zum 2025 erschienenen Buch Schnee von gestern, Schnee von morgen, es sei „ein schmales Bändchen, aber ein großer Text“, eine Art vielstimmiger Bewusstseinsstrom, „in dem sich Stimmen aus unterschiedlichen Perspektiven ergänzen, widersprechen, befragen. Möglicherweise sind es frühere Stimmen, Erinnerungen aus der Kindheit – eben ‚Schnee von gestern‘, oder zukünftige Stimmen – ‚Schnee von morgen‘.“

Jens Harzer, der Schnee von gestern, Schnee von morgen sehr früh von Peter Handke persönlich bekommen hatte, betont, dass es ihm von Anfang an wichtig gewesen sei, den Text nicht als alleiniger Schauspieler umzusetzen, auch um zu verhindern, als Alter Ego von Handke missverstanden zu werden, als „Stellvertreter oder eine Art Nachvollzieher seiner Lebenssituationen und Gedanken. Das bin ich nicht, kann es nicht sein und es wäre falsch, das zu denken.“ Daher sei es früh zur Entscheidung gekommen, den Text durch zwei Schauspieler·innen zu interpretieren und gemeinsam herauszufinden, wie die Vielstimmigkeit im Buch im Theater umgesetzt werden kann.

Einige Motive kehren mehrfach im Text wieder: Eines davon sind Horoskope, die laut Marina Galic vom Autor poetisch und schalkhaft eingesetzt werden, ohne zynisch zu wirken. Durch den Einsatz dieser Horoskope entstehe ein bestimmter Rhythmus im Text und es sei wie das Einflüstern einer Stimme, „die vielleicht aus dem Universum kommt – oder zumindest aus einer Welt, die nicht vorhersehbar ist, die wir nicht in irgendwelche Schranken weisen können, im Gegensatz zu unserer Zeit, in der wir alles zu wissen glauben und alles vorausplanen. Und plötzlich bekommt dieses Astrologische auch etwas Zauberhaftes oder von einem anderen Planeten, vielleicht von einem Engel, vielleicht von einem Kind, vielleicht von der Mutter. Es ist vielstimmig.“

„Oder auch nicht“

Im Hinblick auf die im Text am häufigsten vorkommende sprachliche Wendung „oder auch nicht“ erörtert Jossi Wieler: „Es wird etwas gesagt und im selben Satz gleich in Frage gestellt. Es geht um die Ambivalenz in der Wahrnehmung der Welt. Darum, dass es nicht nur eine Antwort gibt auf unsere Welt, auf Empfindungen, auf Wahrnehmungen, auf Meinungen, sondern dass alles hinterfragt werden kann. Hinter allem ist ein ‚oder auch nicht‘. Es ist ein Text übers Fragen oder mit Fragen.“

Auch typische Handke-Motive wie Natur, Tiere und die menschliche Präsenz in der Natur tauchen in Schnee von gestern, Schnee von morgen auf. Jens Harzer führt aus: „Bei Handke ist es doch immer so, dass die Natur spricht, aber sie spricht immer in Bezug zu uns Menschen. Ihn interessiert nicht der Urwald, sondern der Stadtrandwald. Er würde sich bestimmt eher, wie wir das auch aus seinen Salzburg-Büchern kennen, an den Stadträndern aufhalten – wie in Taxham in seinem Roman In einer dunklen Nacht ging ich aus meinem stillen Haus.“ Laut Harzer stehe die Natur bei Handke nicht für eine Heilsversprechung und werde auch nicht romantisiert. „Sein Blick auf die Natur ist bestimmt auch eher schon ein geteilter, durch die Zivilisation geteilter, durch sich selbst auch geteilter. Er ist ja auch kein Eremit, sondern ein Mensch, der sich mitten in der Welt befindet.“

Dem Stück vorangestellt ist ein Zitat von Anton Tschechow aus Die Steppe, das Handkes Text am Ende motivisch wieder aufnimmt. Jens Harzer: „Die Schemen aus diesem Tschechow-Zitat, die Handke da erahnt, haben vielleicht etwas mit uns beiden auf der Bühne zu tun. Das sind poetische Möglichkeiten für uns und fürs Theater.“ Marina Galic erinnert an Peter Handkes große Liebe zur Steppe an sich: „In einem wunderbaren Fernsehinterview beschreibt er ganz schön einen spanischen Ort, wo man hinter dem Ende der Stadt immer weitergehen und gehen kann; man kommt durch die Vororte dieser Stadt und dann landet man auf dieser Steppe und die Steppe ist ein leeres Feld. Es ist etwas, das leer ist, das unbeschrieben ist.“

Im Zitat aus Tschechows Die Steppe kommt Igor aus der Steppe zurück und wird, als er sich beklagen will, in die Küche geschickt. Die Küche sei im Text auch eine Art „Urort“ und komme bereits im ersten Satz des Textes vor. „In früheren Jahrhunderten wurden Menschen, denen man das Recht absprach, sich in den Wohnräumen zu beklagen, in die Küche geschickt: ‚Erzählt dort eure Geschichte.‘ Er verschleppt sich selber, beziehungsweise die Figur wird wohin geschickt, neu verortet“, wie Marina Galic erläutert. Auch im Bühnenbild von Schnee von gestern, Schnee von morgen wird eine Küche zitiert und damit Teil der Inszenierung. Das Bühnenbild, entworfen von der Bühnen- und Kostümbildnerin Anja Rabes, sei eines, das mit unterschiedlichen Perspektiven spiele. Jossi Wieler ergänzt: „Unsere Bühne ist der Versuch einer Übersetzung für dieses Kreuz-und-Quer-Gehen, ein Raum, der immer wieder andere Perspektiven eröffnet. Sie ist aber auch ein Objekt, ein Kunstobjekt und gleichzeitig etwas sehr Konkretes, das sich bewegt und zu Bewegung auffordert.“ Als Inspiration diente unter anderem das Zitat von Handke: „Jemand, der mich von außen sähe / von wo sonst? / würde einen am offenen ebenerdigen Fenster sehen in einer unwirklich verzweigten Spiegelwohnung.“ Auch die Kostüme wurden entwickelt, um die vielstimmige, nicht leicht zuzuordnende Natur der Figuren zu unterstützen.

Viele Texte von und über Peter Handke sind außerdem in die Überlegungen zur Bühne eingeflossen. Auch zwei Handke-Spezialist·innen, Literaturwissenschaftler·innen seien miteinbezogen worden, weil der Blick von außen trotz intensiver Beschäftigung mit Handke bei so einem reichen Kosmos hilfreich sei.

Auf musikalischer Ebene, so Jossi Wieler, ergänze der Komponist Biber Gullatz „etwas Atmosphärisches, ohne die im Text erwähnte Musik zu zitieren. Es werden viele bekannte Komponisten – von Monteverdi über Rossini bis Dvořák – genannt, aber auch Sänger wie Leonard Cohen und Elvis. Insgesamt ist die Sprache selbst eine Komposition, eine Partitur.“

Vorbereitend haben Jens Harzer und Marina Galic in zweieinhalb Monaten den kompletten, 70 Buchseiten umfassenden Text auswendig gelernt, wie Jens Harzer berichtet. Erst während der laufenden Proben erfolgt die Aufteilung der Stimmen und Passagen dynamisch und ist weiterhin im Fluss. Dies diene dazu, ein organisches Gewebe zu schaffen, das die poetische Utopie des Textes nachvollziehe, statt einer festen klassischen Theaterfassung zu folgen. Marina Galic ergänzt: „Jossi Wieler möchte, dass dieser Gedankenstrom wie aus einem Mund kommt, dabei jedoch durch zwei verkörpert werden soll. Das hat letztlich auch zu den Kostümen geführt, die Anja Rabes entwickelt hat.“

Die Widmung des Textes „für Peter Weiss und die anderen“ wird von Jossi Wieler als Hinweis auf dessen Werk Das Gespräch der drei Gehenden interpretiert, was zusätzliche Assoziationen zu Erinnerungsräumen und der Frage nach dem Bleiben und Verschwinden in der Literatur eröffne. Abschließend betont Jens Harzer die Notwendigkeit einer „liebenden Widerstandskraft“ gegenüber dem Autor. Man müsse Handke lieben, aber gleichzeitig das Theater eigene Wege gehen lassen, um das Stück auf der Bühne lebendig zu machen.

Zusätzlich zur Handke-Uraufführung wird Jens Harzer Oscar Wildes berühmten Gefängnisbrief De profundis am Landestheater Salzburg zur Aufführung bringen. Für die Programmierung dieses Gastspiels des Berliner Ensembles möchte Harzer Markus Hinterhäuser danken. „Er wollte diese Produktion unbedingt in die Ouverture spirituelle setzen – ein besonders reizvoller Rahmen, wie ich finde“, so Harzer.