Der Menschenfeind

Molière

© Pascal Buenning

Die vielfach ausgezeichnete Regisseurin Jette Steckel bringt Molières Menschenfeind, eine funkelnde Satire auf gesellschaftliche Heuchelei, mit zeitgenössischem Blick auf die Bühne. Ein Interview mit der Regisseurin.

Der Originaltitel des Stückes von Molière, Le Misanthrope ou l’Atra­bilaire amoureux, heißt übersetzt Der Menschenfeind oder Der verliebte Melancholiker. Was ist denn nun Alceste: hassend oder liebend?

Jette Steckel: Es gibt Theorien, die besagen, dass sich diese beiden Gefühle bedingen. Wir können keine Liebe fühlen, ohne dass wir ihr Gegen­teil kennen. Wobei die Frage ist, ob das Gegenteil von Liebe nicht Hass, sondern eher Desinteresse ist. In Alcestes Fall denke ich, dass sein Hass sich aus seinem Glauben an die Menschen und seiner Liebe zu ihnen speist: weil er sie permanent an ihren Möglichkeiten scheitern sieht. Er ist ein Idealist.

In Molières Komödie spielen die Begriffe Höflichkeit, Anstand und Wahrhaftigkeit eine Rolle. Regeln für das Mit­einander von Menschen sowie das Brechen von gesellschaftlichen Konventionen sind große Themen. Geht es im Kern um die Frage: Wie wollen wir miteinander um­gehen?

Es geht um Kommunikation. Um das, was wir kommunizieren, und das, was wir tatsächlich tun, also wie wir uns verhalten. Wir sind über den Punkt, an dem wir keine Verantwortung übernehmen, doch schon hinaus. Denn wir geben vor, Verantwortung zu übernehmen, möchten es auch gerne, tun es aber nicht. Unser Wording und unser Erscheinungsbild scheinen verantwortungsvoll, sind oft aber nur eine Tarnung in Correctness, hinter der wir uns resignativ vor echter, wirklicher und konsequenter gesellschaftlicher Verantwortung verstecken. Derweil haben wir unser Vertrauen in eine individuelle Wirkungskraft längst verloren.

Die hitzigen Schlagabtäusche von Alceste mit seinem Freund Philinte, seinem Rivalen Oronte und der um ihn werbenden Arsinoé werden von gegensätzlichen Haltungen zu Wahrheit und Lüge oder Aufrichtigkeit und Heuchelei dominiert. Was erzählt uns das Stück über Beziehungen, über Liebe und Freundschaft?

Die Frage der radikalen Ehrlichkeit wird oft beschworen. Alceste praktiziert sie. Wir erwarten absolute Aufrichtigkeit von den Menschen, denen wir vertrauen, aber sie zu bekommen, kann ganz schön weh tun. Unter dem Deckmantel von Ehrlichkeit lässt sich nämlich gut Kritik üben. Mir scheint die Sprache der Liebe eine andere zu sein als die der radical honesty, die mitunter sehr verletzend sein kann. Verletzend ist es ebenso, wenn man spürt, dass gelogen wird – aus Opportunismus oder anderen eigennützigen Gründen. All diese Kommunikationsmuster kommen im Stück vor und werden auf dem Seziertisch der Molière’schen Alexandriner auseinandergenommen.

Alceste gegenüber steht seine Herzensdame Célimène im Zentrum dieser Gesellschaft. Sie lässt sich nicht in soziale Korsette zwängen und ordnet sich keiner fremden Zuschreibung unter. Sie folgt ihrem eigenen Willen und Freiheitsdrang. Dabei stößt sie natürlich auf Widerstände, hat aber Spaß daran, diese Grenzen auszuloten und zu überschreiten. Ist das nur Freude am Spiel oder meint sie es ernst?

Ich glaube, sie meint es sehr ernst und versucht, für ihre Freiheit zu kämpfen, ohne dabei alle um sich herum zu verlieren. Einander lieben heißt nicht, einander zu besitzen. Und auch nicht, dass man deshalb niemand anderen lieben kann. Je mehr ich gebe, desto mehr auch hab ich – sagt Julia bei Shakespeare. Letztlich kann man mit dieser Brille vielleicht auch Célimène lesen.

Der Menschenfeind war zu Molières Zeiten ein Misserfolg. Er verunsicherte mit seiner unverhohlenen Gesellschaftskritik das Publikum. Die Witzfiguren waren keine Bauern oder Diener, sondern Adelige – also die Schicht, die im Publikum saß. Molière hielt seinesgleichen den Spiegel vor und forderte sie auf, über sich selbst zu lachen. Worin liegt der Humor in diesem Stück und welche Parallelen gibt es zwischen dem höfischen Leben, das Molière zeichnet, und der heutigen Gesellschaft?

Der Humor liegt im Text, seiner Rhetorik und seiner subtilen Brutalität. Ich finde es deshalb interessant, alle Figuren ernst zu nehmen. Die sogenannten Witzfiguren, das sind wir. Molière prangert an, was wir selbst anprangern, aber eben gleichzeitig auch leben. Unsere Ambiguitätstoleranz und das Aushalten von Widersprüchen werden mit zunehmendem Informations- und Kenntnis­stand immer weiter strapaziert. Alle Konsequenzen zu ziehen, die wir notwendig finden, würde in letzter Konsequenz bedeuten, am gesellschaftlichen Leben kaum mehr teilnehmen zu können. Es ist unmöglich, sich absolut korrekt zu verhalten – und gleichzeitig so zu leben, wie wir leben. Insofern wäre es aus meiner Sicht zu kurz gegriffen, die Figuren um Alceste als Witz­figuren zu erzählen. Wir sollten vielmehr versuchen sie zu verteidigen, als ginge es um uns selbst.

Das Gespräch führte David Heiligers
Zuerst erschienen in der Festspielbeilage der Salzburger Nachrichten

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