Vielen Dank!

Lasciate ogni speranza, voi ch’entrate!“ So steht es über dem Eingang zur Hölle, formuliert in Dantes wunderschön altertümlichem Florentinisch: „Lasst, die ihr eintretet, alle Hoffnung fahren!“ Kann man mit einem solch tristen Satz Festspiele ausrufen und zu ihnen einladen?

Doch Dantes sieben Jahrhunderte alte „Divina Commedia“ breitet ja nicht nur die immer tiefere Verzweiflung in jenem höllischen Kratergebilde aus, das mit seinen sieben immer engeren Kreisen gemäß der mittelalterlichen Vorstellung des italienischen Dichters entstanden sei durch den Absturz Luzifers: Diese Figur des gefallenen Lichtbringers wird uns in Carl Orffs „De temporum fine comoedia“ an entscheidender Stelle wieder begegnen – ein Werk, das 1973 in Salzburg uraufgeführt wurde und schon mit seinem Titel an Dantes epochales Versepos anschließt. Dante nennt es „Göttlich“ nach dem Schöpfer, er nennt es aber auch „Komödie“: Nicht Trostlosigkeit und Qualen überwiegen in diesem großen Welttheater, das alle und alles umfasst und zu Akteuren macht, sondern die emporstrebenden Kräfte, die über den Läuterungsberg bis in himmlische Gefilde hinaufführen.

Himmel, Hölle und Fegefeuer: Sie sind die Leit- und Leidmotive dieses Festspielsommers, dessen programmatische Themenkreise, Überschneidungsflächen und Verbindungslinien wir mit ständiger Rücksicht auf Dantes „Divina Commedia“ entwickelt haben. Unter dem Titel „Sacrificium“ durchzittern bereits die Ouverture spirituelle widerstreitende Kräfte von äußerer Grausamkeit und innerer Stärke, von Entwürdigung und transzendentaler Würde des „Opfers“. Schon das Alte Testament zeigt ja, dass die Überwindung des Menschenopfers in der Geschichte von Abraham und Isaak kein irreversibles Kulturgut für alle Zeiten ist, sondern immer wieder aufs Neue geleistet werden muss – sonst gäbe es nicht den Rückfall bei Jephta. In der Passion Jesu will das Neue Testament zeigen, wie das Motiv im ultimativen Sacrificium ein für alle Mal überwunden sei. Doch die Schrecken darüber, was Menschen Menschen antun, sind nie abgerissen, zeigen sich in Ausmaßen von Krieg und Vernichtung, die frühere Generationen nicht in ihren schlimmsten Höllenträumen hätten erahnen können. Wie immer ist es gerade die Musik, die der Empathie den Weg bahnt, der Identifikation mit den Leidenden, den Opfern. Ausgestaltungen dieser reinigenden, ans Fegefeuer gemahnenden Kräfte quer durch die Jahrhunderte beweisen es – bis hin zu Annäherungen ans Unsägliche der Shoah: Kollektives und Persönliches greifen ineinander.

In den privaten Abgründen setzt auch unser Opernprogramm an, das ohnehin schon während der Ouverture spirituelle seinen Auftakt nimmt, nämlich mit einer konzertanten Aufführung von „Jakob Lenz“ über den psychisch kranken Dichter des Sturm und Drang: das Zentrum einer kleinen Hommage an den eng mit den Festspielen verbundenen Komponisten Wolfgang Rihm zum 70. Geburtstag. Dunkle innere Winkel werden da ebenso, wenn auch auf ganz andere Weise, ausgeleuchtet wie in Béla Bartóks „Herzog Blaubarts Burg“. Das intime, symbolistische Seelendrama von Blaubart und Judit – ein biblischer, assoziationsreicher Name! – weitet sich bei uns ins Allgemeine, Grundsätzliche der letzten Dinge, in Carl Orffs schon erwähntes Opernoratorium „De temporum fine comoedia“, das an die Tradition des Mysterienspiels anschließt. Die Kombination zeigt, dass wir persönliche Fragen nach Schuld und Vergebung, nach Qual und Erlösung im großen Ganzen betrachten: Romeo Castellucci ist ein Garant für die bildgewaltige Deutung dieses Zusammenhangs, Teodor Currentzis für dessen musikalische Dringlichkeit.

Das Mitbedenken des Kontexts gilt gerade auch für Einzelschicksale wie jenes der tragischen Titelfigur von Leoš Janáčeks „Katja Kabanowa“, die Barrie Kosky auf die Bühne bringt, im Verein mit Jakub Hrůša am Pult: Eine junge Frau will aus ihrer lieb- und freudlosen Ehe ausbrechen, hat aber die rigiden Moralvorstellungen einer bigotten Gesellschaft so sehr verinnerlicht, dass sie ihre Verfehlung gesteht – und dann lieber mit dem Leben bezahlt, als weiter in einer Hölle auf Erden zu existieren. Eine Konstellation übrigens, die jener von „Lucia di Lammermoor“ verwandt ist, die konzertant erklingt.

So wie einst in Dantes Welt ist der Krieg auch allgegenwärtig in „Aida“: Völker, soziale Stände und die Geschlechter kreuzen ständig die Schwerter; Zerstörung, Hoffnung und trügerischer Siegestaumel wechseln einander ab. Giuseppe Verdis vielleicht intimstes Liebesdrama mit einer einzigen Massenszene bot 2017 der iranischen Künstlerin Shirin Neshat die Gelegenheit zu ihrem Debüt als Opernregisseurin. Nun wird sie das Werk noch stärker mit ihrer eigenen Arbeit in Beziehung setzen, die darüber hinaus während der Ouverture spirituelle in einer Videoinstallation präsent sein wird. Alain Altinoglu hat die musikalische Leitung inne. Wohl kein Werk freilich weist in der Weite der Konzeption, der Emotionen und der Lebensentwürfe, der läuternden Prüfungen und dem Aufstieg in höhere Sphären solche Parallelen zur „Göttlichen Komödie“ auf wie die „Zauberflöte“. Zusammen mit der Dirigentin Joanna Mallwitz entwickelt die Regisseurin Lydia Steier ihre aus kindlicher Sicht geborene Deutung von 2018 weiter, nun auf jener Bühne, für die diese ursprünglich gedacht war: im Haus für Mozart. Last, but not least steht in diesem kleinen Überblick Giacomo Puccinis einzigartiges „Trittico“, diese Verbindung aus einem tragischen, einem lyrischen und einem komischen Einakter – ein Welttheater für sich, in der sich die „Divina Commedia“ neuerlich widerspiegelt. Mit Franz Welser-Möst am Pult wird Christof Loy als Regisseur Asmik Grigorian auf neuartige Weise durch die drei zentralen Frauenpartien führen.

Und ein beglücktes Publikum vermag, wir lernen es aus „Gianni Schicchi“, sogar Dantes strengen, mit Berufung auf die letzte, höchste Instanz gefällten Richterspruch aufzuheben – durch seinen Applaus.

Ihr, die ihr eintretet: Lassen Sie uns gemeinsam Hoffnung schöpfen bei den Salzburger Festspielen 2022!

Markus Hinterhäuser
(aufgezeichnet von Walter Weidringer)

Zuerst erschienen in Die Presse Kultur.

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