© Wilke Weermann

Ariadne auf Naxos

Richard Strauss

Ariadne auf Naxos in einem Mars-Theater, die reiche Wiener Dekadenz verloren im Weltall. Für sein Regie-Debüt bei den Salzburger Festspielen verlegt Ersan Mondtag die Oper von Richard Strauss in die Traumwelt heutiger Milliardäre. In einem luftdichten Palast auf dem roten Planeten ergeben das satirische Vorspiel um maßlose Eitelkeiten und die folgende Liebesoper nach einem mythologischen Stoff ein stimmiges Porträt der Gegenwart. Dirigent dieses dritten Gemeinschaftswerks von Strauss und Hofmannsthal ist Manfred Honeck.

Die Superreichen sind offensichtlich nicht sympathischer geworden, seit Richard Strauss und Hugo von Hofmannsthal Ariadne auf Naxos auf die Bühne brachten. Der „reichste Mann von Wien“, der in der 1916 uraufgeführten finalen Fassung der Oper alle mit seinen Launen auf Trab hält, tritt zwar selbst nie in Erscheinung; aber die Anweisungen, die er über seine arroganten Lakaien an die musikalischen Gäste seiner Glamour-Party vermitteln lässt, behandeln diese Vertreter der Hochkultur wie schnöde Dienstleister, die zu spuren haben. Die hehre Bühnenkunst, für die sie sich einbestellt wähnen, ist für den Gönner lediglich Pausenfüller zwischen Dessert und Feuerwerk. Wobei das Feuerwerk 1916 zumindest unbewusst nach Haubitzen klang.

Hofmannsthal hat sich in dieser Doppel-Oper aus Gesellschaftssatire (im Vorspiel) und tragödienhaftem Musiktheater (im folgenden Einakter) textlich sehr pointiert mit Menschen befasst, die glauben, dass mit Geld alles zu kaufen sei – und zwar indem er im ersten Teil das Kuschen und Opponieren der Gagen-Empfänger erzählt. Komponiert als bissige Operette mit Volkstheater-Flair, zeigt das Gezänk im Garderobenbereich des Palais, wo Diven und andere Künstlernaturen mit harten Bandagen um Aufmerksamkeit und Status kämpfen, wie korrumpierbar Menschen sind, wenn sie der Herrschaft gefallen wollen.

Die Superreichen selbst haben in ihrem öffentlichen Benehmen seit jener Zeit endlich jede Schamhaftigkeit eingebüßt. Die XXL-Egos der Gegenwart kaufen sich Venedig für ihre Hochzeit und Medien für endloses Eigenlob, oder sie heften ihre Namen an Konzertsäle. Kultur ist in dem eigensüchtigen Vorgehen der neuen Konzernkönige nur als offene Liebedienerei erwünscht. Was zählt, ist allein die Beihilfe zur ständigen Steigerung des Protzes.

Aber Steigerung wohin noch? Glaubt man der Wunschproduktion der Dollar-Milliardäre, dann könnte Ariadne in zehn Jahren auch auf dem Mars landen. Die „wüste Insel“ Naxos, auf der in Mythos und Oper die kretische Königstochter den Weingott Bacchus freit, ist in der Vision der kapitalistischen Skywalker ein Planet ohne Wasser in (Minimum) 54 Millionen Kilometern Distanz: der Mars als Privat-Olymp für Milliardäre, auf den sie die schönen Künste entführen, falls ihnen die rote Steinwüste fad wird.

Auf dieses Ereignis liefert Ersan Mondtags Neuinszenierung der Strauss-Oper eine kritische Vorschau. In einem luftdichten Orakel der Zukunft mit Fensterblick auf die tödlich kalte Oberfläche des Mars entfaltet sich die Als-Ob-Kultiviertheit der Nouveaux riches so trefflich wie in früheren dekadenten Verfallsepochen – wie im Wien der Uraufführung zur Zeit der europäischen Knochenmühle oder wie am Hof des Sonnenkönigs, wo Molière die Urversion des Stoffes unter dem Titel Der Bürger als Edelmann 1670 als Ballettkomödie aufgeführt hatte. Tatsächlich war die ursprüngliche Version von Ariadne auf Naxos einst an diese Molière’sche Spottveranstaltung über Emporkömmlinge angefügt. Bei der Stuttgarter Uraufführung 1912 fiel diese Kombination jedoch völlig durch.

Wie sich die isolierte Elite in der nahen Zukunft auf dem wüsten Planeten ein Vergnügen inszeniert, an dem das meiste bigott und beklemmend ist, lässt sich wunderbar vorstellen. Denn auch die Partys cool wirkender Konzerntitanen werden aus dem Geist des Zwangs organisiert. In einer Atmosphäre aus Spektakel und Gefangenschaft im All wird dann plötzlich der Blick für das echt Menschliche geschärft, wie es in der skurrilen Misch-Oper aus Tragödie und Opera buffa sichtbar wird, deren Aufführung der reichste Mann im Stück befiehlt. Die liebesleidende Ariadne und die lebensfrohe Zerbinetta begegnen sich im titelgebenden Teil der Oper als Heldinnen nicht korrumpierter Gefühle. Nach der hysterischen Satire auf kulturlosen Reichtum entzündet Strauss in der Begegnung dieser großen musikalischen Charaktere einen Dialog, der zwei Lebensmodelle berührend verkörpert.

Strauss hat hier nach dem heiter beschwingten Parlando des Vorspiels die festliche „Opernaufführung“ in einem klassischen Stil komponiert, der unterschiedliche Genres und Vorgänger zitiert und darin den Sieg der Hochkultur feiert. In diesem Übergang von Parodie zu Persönlichkeit lässt sich intensiv fühlen, warum Geldvermehrung und Geist zwei völlig unterschiedliche Dinge sind. Sympathisch ist auch nur eins von beiden.

Till Briegleb
Zuerst erschienen in der Festspielbeilage der Salzburger Nachrichten

Videos

11. März 2026
Ariadne auf Naxos | Salzburger Festspiele 2026 – Nachgefragt bei Ersan Mondtag