SF/ Foto: Monika Rittershaus

Orchester zu Gast

Die Berliner Philharmoniker, Utopia, Le Concert d’Astrée, das Preisträgerkonzert des Herbert von Karajan Young Conductors Award und mehr: Famose Klangkörper und Interpret·innen glänzen im Konzertprogramm sowohl mit populären als auch weniger bekannten großen Werken – und erzählen musikalisch packende Geschichten.

Im letzten Festspielsommer haben sie mit ihrer schillernden Deutung entscheidend zum Erfolg von Händels Giulio Cesare in Egitto beigetragen, diesmal beglücken das französische Originalklangensemble Le Concert d’Astrée und seine Gründerin und Leiterin Emmanuelle Haïm mit klassischer, aber im Barock verwurzelter Sakralmusik. Joseph Haydns Sieben letzte Worte, entstanden für eine Karfreitagsliturgie 1787, zählen zu den erstaunlichsten musikalischen Leistungen der ganzen Epoche: Ungemein vielgestaltige, ausdrucksvolle Adagio-Sätze mit Einleitung und Presto-Schluss geben die Stimmungen der letzten Äußerungen des gekreuzigten Jesus rein instrumental wieder. Bereits ein halbes Jahrhundert zuvor war Giovanni Battista Pergolesi, mit nicht einmal 26 Jahren, an Tuberkulose gestorben. Als sein Schwanengesang gilt seine Vertonung des Stabat mater, des mittelalterlichen Gedichtes über den Schmerz Marias bei Jesu Kreuzigung – ein Erfolg für die Ewigkeit, dem bald auch ein wahrer Kult um den begnadeten Melodiker Pergolesi entsprang. Vincenzo Bellini sollte ihn später bewundernd „angelico maestro“ nennen. Die Sopranistin Julia Lezhneva und der Countertenor Carlo Vistoli sind die engelsgleichen Solostimmen (6. August).

Der Zauber der Stimme in der Verbindung aus Wort und Ton wirkt auch in Richard Strauss’ Vier letzten Liedern, einem Abgesang voll wundersamer Wehmut. Sopranistin Hanna-Elisabeth Müller ist zugleich im allerletzten Strauss-Lied zu hören: Malven (1948). Resignativ und düster endet Stille und Umkehr, wie Bernd Alois Zimmermann eines seiner letzten Werke vor seinem Freitod 1970 überschrieb: das Dokument eines beklemmenden Verlöschens. Erlösung jedoch gewährt Peter I. Tschaikowski Lord Byrons tragischem Helden der Romantik in seiner groß angelegten Symphonie Manfred, die zwischen dem Licht der Alpenfee und höllisch dunklen Orgien changiert: Das ORF Radio-Symphonieorchester Wien unter Christian Blex, dem Gewinner des Herbert von Karajan Young Conductors Award der Salzburger Festspiele 2025, wird all das lebendig werden lassen (YCA Preisträgerkonzert am 17. August).

Große Erzählungen und große Gefühle stehen auch bei den Gastspielen aus Ungarn und den USA auf dem Programm. Das Budapest Festival Orchestra widmet sich mit seinem Gründer und Langzeitchef Iván Fischer nicht nur der Unvollendeten, dem berühmtesten Fragment aus der symphonischen Werkstatt Franz Schuberts, sondern auch Gustav Mahlers Erster, die sich vom geheimnisvollen Naturlaut zu hymnischem Jubel steigert. Dazwischen erklingt György Kurtágs Movement mit dem Bratscher Lawrence Power, ein expressives Werk in Erinnerung an Béla Bartók (8. August).

Manfred Honeck prägt seit mittlerweile 18 Saisonen als Musikdirektor das Pittsburgh Symphony Orchestra – eine ertragreiche Zusammenarbeit aus europäischer Kapellmeistertradition und amerikanischer Orchestervirtuosität. Apropos Virtuosität: Der gefeierte junge Franzose Alexandre Kantorow ist Klaviersolist in Sergej Rachmaninows Paganini-Rhapsodie, die vom traumhaften Ohrwurm über Tastenakrobatik bis zum düsteren „Dies irae“-Zitat eine ganze klingende Welt enthält. Das gilt auch für die in der Orchesterfassung von Manfred Honeck und Tomáš Ille präsentierten Fünf Stücke für Streichquartett des 1942 im Internierungslager der Nazis verstorbenen Erwin Schulhoff: eine kleine Tanzsuite der Moderne, bunt, originell, packend. Dmitri Schostakowitschs berühmte Fünfte wiederum ist ein Dokument des Lebens im Stalinismus. Lebensbedrohliche Gewalt schwingt da hinter dem äußerlich jubelnden Ende mit: eine Doppelbödigkeit, die nur Musik so niederschmetternd und erhebend zugleich vermitteln kann (27. August).

Walter Weidringer
Zuerst erschienen in der Festspielbeilage der Salzburger Nachrichten