Symposium
Ausgehend von Projekten, die im Zusammenhang mit dem Festspielarchiv entstanden sind, und dem Faktum, dass sich performative Aktionen per se nicht adäquat archivieren, sondern höchstens dokumentieren lassen, steht das Bewahren von darstellender Kunst im Fokus des diesjährigen Festspiel-Symposiums. Daran knüpfen sich Fragen nach den Möglichkeiten der Archivierung von performativen Künsten mittels VR und AI, nach der auratischen Wiederverzauberung im lebendigen Archiv ebenso wie solche nach der Nutzung, Interpretation und Teilhabe: Wer hat Zugang zum Archiv und Macht über das Archiv? Wie sieht es mit der ethischen Verantwortung im Umgang mit sensiblen, personenbezogenen oder qualitativen Daten aus? Wie lassen sich Archive als Orte und Quellen der Erinnerung für alle erschließen? Wie und wo werden Geschichte(n) erfahrbar, wenn sie nicht mehr linear, sondern räumlich, interaktiv, immersiv gedacht werden? In diesem Kontext erörtern Expert·innen und Künstler·innen die Zugänglichkeit von Archiven, die Schnittstellen von Kunst und Technologie und loten die Grenzen von Räumen und Narrativen im digitalen Zeitalter aus.
SYMPOSIUM · 19. August · Große Universitätsaula
I. Das Archiv im historisch-politischen Kontext
Das Archiv – Ort der Quelle(n), Ort des Politischen – Vom Archeíon zu Big Data
10:00–12:00 Uhr · Eröffnung | Keynote | Statements | Podiumsdiskussion
Archive sind Institutionen der Zeit: Sie sind von der Zeit bestimmt – und konstruieren Zeit beziehungsweise ermöglichen Zeitkonstruktionen. Archive sind zentrale Gedächtnisspeicher, die durch die Auswahl, Bewertung und Verwahrung von Dokumenten maßgeblich bestimmen, welches Wissen über die Vergangenheit erhalten bleibt. Ihre Macht liegt in der Selektion begründet, die historische Narrative prägt und Rechtssicherheit schafft, indem sie Informationen dauerhaft zugänglich macht – oder den Zugang verwehrt. Seit Jahren rückt das Archiv verstärkt in den Fokus der künstlerischen Praxis – als eine Einrichtung, die von institutionellen Interessen geprägt war und ist und Hierarchien von Wissen und Körpern fortschreibt.
Der Ursprung (arché) des Archivs ist aufschlussreich, verrät er doch, dass der Prozess des Archivierens immer auch ein politisch relevanter Akt war: Der Archetyp war das Archiv, das sich im Regierungsgebäude (archeíon) befand. Somit war es von Beginn an einerseits der Ort, an dem man an die Quelle (beziehungsweise zu den Quellen) zurückkehren konnte, als auch ein Ort, an dem man der Macht begegnete. Auch wenn sich der Bedeutungsgehalt des „Archivierens“ mittlerweile weit über die Hallen der politischen Verwaltung hinaus ausgedehnt hat, sind doch einige Fragen virulent geblieben: Was verrät uns das Archiv über unsere Vergangenheit? Was wird archiviert und was nicht? Welche Macht hat folglich das Archiv? Und: Wer hat Zugang zum Archiv und Macht über das Archiv? Diese Fragen stellen sich unabhängig davon, ob ein altes Pergament archiviert oder neue Daten gespeichert werden. In Zeiten von Digitalisierung, Big Data und Künstlicher Intelligenz stellen sich diese uralten Fragen allerdings einmal mehr neu …
Keynote
Thomas Ballhausen (Autor, Kulturphilosoph und Leiter der Interuniversitären Einrichtung Wissenschaft & Kunst Salzburg) – „Vom Archiv zum Anarchiv. Über eine Haltung kritischen Erschließens“
Statements
Katharina Nocun (Aktivistin, Bürgerrechtlerin, Publizistin und Ökonomin) – „Zivilgesellschaftliche Macht im Internet in Zeiten von KI und autoritärer Politik“
Thorsten Thiel (Politikwissenschaftler; Professor für Demokratieförderung und Digitalpolitik an der Universität Erfurt) – „Sichtbar, auffindbar, anschlussfähig. Politisches Handeln im Kontext der digitalen Konstellation“
Petra Gehring (Philosophin, Politik- und Rechtswissenschaftlerin; Professorin für Philosophie an der TU Darmstadt) – „Archiv-Paradoxien“
Anschließend Podiumsdiskussion
Moderation: Stefan Wally (Politikwissenschaftler und Universitätslektor; Geschäftsführer der Robert-Jungk-Bibliothek für Zukunftsfragen)
II. Staging Realities
Möglichkeitsräume und Wirklichkeitsträume
13:00–14:30 Uhr · Statements | Lesung
Mit Staging Realities entsteht ein Labor für digitale Bühnenkünste, für immersive Kunst und neue Formen des Erzählens im digitalen Zeitalter, das kreatives Experimentieren mit neuen Werkzeugen sowie die kritische Reflexion über die physische Präsenz in der Performancekunst verbindet. Es startet mit den Living Archive-Projekten der Salzburger Festspiele im August 2026 sowie einer ersten Ausgabe des Festival for Immersive Arts and Digital Narratives im September 2026. Damit öffnet die Universität Mozarteum nicht nur die Türen des X-Reality Lab im UMAK, wo immersive und interaktive Kunst erprobt wird, sondern auch jene zu Universen zwischen Kunst und Technologie, zwischen Virtualität und Realität, zwischen Möglichkeiten und Unmöglichkeiten, zwischen Resonanz und Dissonanz, zwischen digitalen Analogien und analogen Digitalitäten.
In enger Verbindung mit dem Masterstudium Immersive Arts and Digital Narratives an der Universität Mozarteum Salzburg sollen eben diese Schnittstellen von Kunst und Technologie erforscht und die Grenzen von Räumen und Narrativen im digitalen Zeitalter vermessen werden. Zentral ist die Frage, wie und wo Geschichten erfahrbar sind, wenn sie nicht mehr linear, sondern räumlich, interaktiv, immersiv gedacht werden. Wie Erzählungen funktionieren, die prozesshaft, oft kollaborativ, in neuen Räumen und in Echtzeit entstehen. Installationen, Performances und hybride Formate eröffnen alternative Wirklichkeiten, in welchen das Publikum zudem nicht mehr nur betrachtet, sondern aktiv teilnimmt. Dabei verschieben sich klassische Rollen von Autor·innen, Rezipient·innen und Medium. Weiter ist zu fragen: Kann und soll ein Festival selbst zu einem dynamischen Archiv werden, indem es nicht nur Ergebnisse, sondern verschiedene Perspektiven und unfertige Experimente sammelt? Und was kann in diesem Spannungsfeld zwischen Ephemerem und Dauerhaftem entstehen? Was bedeutet das für unsere sozialen Verhandlungsorte, in denen wir die Zukunft gemeinsam gestalten wollen – und für unsere Erinnerungen?
Statements
Claudia Lehmann (Filmemacherin und Videokünstlerin; Professorin für Filmkunst & Leitung des Instituts für Open Arts an der Universität Mozarteum Salzburg) – „Perspektiven (und Prozesse) in komplexen dynamischen Systemen“
Christopher Lindinger (Innovationsforscher, Informatiker und Kulturmanager; Professor für Kunst & Digitalität an der Universität Mozarteum Salzburg) – „Möglichkeiten von ,Realitäten‘“
Tina Lorenz (Theaterwissenschaftlerin & Dramaturgin; Leitung der Abteilung für künstlerische Forschung und Entwicklung, ZKM Hertzlab Karlsruhe) – „Die Unarchivierbarkeit des Ephemeren“
Moderation: Paul Feigelfeld (Kultur- und Medienwissenschaftler; Professor für Digitalität und kulturelle Vermittlung am Institut für Open Arts an der Universität Mozarteum Salzburg)
Lesung
Mavie Hörbiger (Schauspielerin und Ensemblemitglied am Wiener Burgtheater) Auszüge aus: Julietta Singh: Kein Archiv wird Dich wiederherstellen, Merve Verlag 2023 – Judith Schalansky: Verzeichnis einiger Verluste, Suhrkamp 2018.
III. Das Archiv und die performativen Künste
The Living Archive – Die Projekte
15:00–ca. 17:00 Uhr · Statements | Gespräche
Archive sind bedeutende Erinnerungsorte, die als Wissensspeicher einen wesentlichen Teil des kulturellen Gedächtnisses bewahren und das historische Denken in der Gegenwart stärken. Archive müssen sowohl handelnd angeeignet werden als auch Handlung evozieren, um als Tradierungsmedium kulturell relevant
zu bleiben. Dies gilt im Besonderen für die Archivierung und Tradierung von Performancekunst beziehungsweise Musik und darstellender Kunst. Im Kontext der Salzburger Festspiele wird dies mit der Etablierung eines lebendigen Archivs versucht, wobei Festspiele per se eine Art lebendiges Archiv darstellen und die Re-Lektüre des dramatischen und musikalischen Repertoires als eine Aktion im Sinne eines lebendigen Archivs zu verstehen ist. „Was in Museen, Archiven und Bibliotheken dauerhaft gespeichert ist, das muss zu bestimmten Gelegenheiten getriggert, sprich: immer wieder gelesen, ausgestellt, aufgeführt, inszeniert – kurz: reaktiviert werden.“ (Aleida Assmann)
Im Gegensatz zum klassischen Archiv, in dem das Vergangene nach bestimmten Ordnungsstrukturen klassifiziert wird, versteht sich das lebendige Archiv als eines, das die Grenzen zwischen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft überwindet und die Bestände in anderen Kontexten miteinander in Beziehung bringt, wodurch neue Wahrnehmungsweisen entdeckt, aber auch neue Quellen des Erinnerns erschlossen werden. Lebendige Archive verbinden die Bewahrung von Erinnerungen mit kreativen, performativen und gemeinschaftlichen Aktivitäten und ermöglichen so eine kontinuierliche Neuinterpretation.
In Gesprächen und Statements werden die Living Archive-Projekte des Festspielarchivs und zukunftsweisende Formate aus dem Umfeld von Ars Electronica vorgestellt. Ein einleitendes Statement befasst sich mit dem Traum von der Sammlung des Weltwissens und der Entstehung einer neuen Wissenshegemonie.
Kurze Einführung & Moderation
Margarethe Lasinger (Leitung Dramaturgie, Publikationen & Archiv der Salzburger Festspiele)
Einleitendes Statement
Gerfried Stocker (Medienkünstler, Musiker, Kulturmanager und Leiter des Ars Electronica Center Linz) – „Vom Archiv zum Algorithmus. Der Mythos vom Weltwissen und die neue Wissenshegemonie der KI“
Vorstellung Projekte Living Archive & Best Practices
Iz Paehr (Künstler·in und Designer·in; Feeling Virtual: An Archive of Touch) –Statement
Mats Staub (Künstler, Dramaturg und Kreator von Langzeitprojekten; Erinnerungsbüro) im Gespräch mit Margarethe Lasinger
Merve Sahin (Architektin, Forscherin und Medienkünstlerin; Merging Visions) im Gespräch mit Lukas Crepaz (Kaufmännischer Direktor der Salzburger Festspiele)
Peter Freudling (Lead Designer & Artist Ars Electronica Futurelab; Faust-VR) –Statement
Veronika Liebl (Managing Director Ars Electronica) – Einblicke in preisgekrönte und international präsentierte Projekte aus dem Umfeld von Ars Electronica, die sich mit der Zukunft von Archiven, kollektivem Gedächtnis, künstlicher Intelligenz und datenbasierten Formen kultureller Erinnerung beschäftigen.
Special Guest: Marta Handenawer (Leitung Creative Department bei Domestic Data Streamers) – Domestic Data Streamers ist ein in Barcelona beheimatetes Forschungs- und Designstudio mit Fokus auf Erinnerungskultur, Partizipation und Teilhabe sowie der Erschließung von kollektivem Wissen.
Konzeption: Margarethe Lasinger, Claudia Lehmann, Christopher Lindinger, Stefan Wally