© SF/Jan Friese

„Revolutionär!“ Saint François d’Assise

„Es ist ein Abenteuer“, beschreibt Regisseur Romeo Castellucci den Entstehungsprozess der Neuinszenierung von Saint François d’Assise. „Ich bin sehr glücklich, dieses Abenteuer zu teilen.“ Künstlerisch an seiner Seite und auf dem Podium des Pressegesprächs: Maxime Pascal, zum dritten Mal als Dirigent einer Oper bei den Salzburger Festspielen, und Philippe Sly, der erstmals die Rolle des Heiligen Franziskus singen wird.

Die erste und einzige Oper von Olivier Messiaen gilt als sein Opus magnum und spiegelt seine lebenslange Auseinandersetzung mit dem menschlichen Glauben, mit der Figur des Franz von Assisi und dem Gesang der Vögel wider. Zehn Jahre arbeitete er an der Komposition, die er für seine letzte hielt und die sich in 2500 Seiten Partitur niederschlägt, wie Maxime Pascal erzählt. „Man merkt, dass er uns hier ein Vermächtnis hinterlassen wollte.“ 1983 feierte die Oper ihre Uraufführung in Paris. Im Todesjahr des Komponisten, 1992, wurde Saint François d’Assise in Salzburg aufgeführt, damals unter der musikalischen Leitung von Esa-Pekka Salonen und in einer Inszenierung von Peter Sellars. Die Salzburger Neuinszenierung hat am 4. August 2026 Premiere und fällt damit ins 800. Todesjahr von Franz von Assisi.
„Ich danke Karin Bergmann für die herzliche Aufnahme und dass sie die Leitung übernommen hat“, sagt Romeo Castellucci. Nicht unerwähnt will der Regisseur lassen: „Wir sind hier aufgrund von Markus Hinterhäuser. Es ist seiner Imagination und seiner künstlerischen Vision zu verdanken. Er war und ist ein wunderbarer Weggefährte, das sage ich als Mensch und als Künstler. Wir haben praktisch jeden Gedanken miteinander geteilt. Die Produktion ist vielleicht ein bisschen verwaist, weil er nicht mehr da ist.“ Maxime Pascal schließt seinen Dank an Markus Hinterhäuser für die Einladung zu seinem dritten Operndirigat in Salzburg an.

„Eine revolutionäre Idee“ In seiner Inszenierung nimmt Castellucci vor allem den Menschen Franziskus in den Blick: „Er wollte das Evangelium leben und dem Beispiel Jesu folgen“, wie er es beispielsweise mit der Berührung von Aussätzigen tat – eine „revolutionäre“ Geste, meint Castellucci, „ein Bruch mit den gesellschaftlichen Normen von damals, Anarchie sozusagen“. Diese Schlüsselszene spiegelt seine Überzeugung wider: „Der Körper ist nicht nur etwas Schönes, er ist auch etwas sehr Fragiles. Die Franziskaner nennen sich bis heute ‚Minderbrüder’ (Frati Minori)“, fasst Romeo Castellucci zusammen.

Der Ordensgründer Franz von Assisi ist Schutzpatron für Flora und Fauna. Für seine ornithologischen Kenntnisse, die er in seine Kompositionen einflocht, ist Olivier Messiaen bekannt. In seiner Oper Saint François d’Assise vereinen sich mehrere Aspekte, die auch sein Gesamtwerk auszeichnen: Der menschliche Glaube, Vogelkunde und die Bedeutung der Klangfarben. Messiaens Werk sei „ein musikalischer Ausdruck der Farbigkeit“, führt Dirigent
Maxime Pascal aus. All diese Aspekte habe Messiaen mit einem außerordentlich groß besetzten Orchester mit einem riesigen Schlagwerkapparat umgesetzt. Eine Besonderheit ist die Positionierung der Instrumente in der Felsenreitschule, die das Publikum von rechts, von links sowie von der Beleuchterbrücke umgeben. Von allen drei Stationen erklingt auflerdem je ein Ondes Martenot – ein elektronisches Tasteninstrument, das mit einem Ring
gespielt wird und „fast hauptsächlich von Messiaen verwendet“ wurde, wie Pascal ausführt. Fürs Publikum unsichtbar wird der sehr groß besetzte Chor die Worte Christi singen, da Messiaen Gott oder Christus nicht visuell darstellen wollte. Die mehr als vierstündige Oper ist in ihrer Länge bereits „ein Ausdruck der Tiefe und des Reichtums“, wovon ein Drittel dieser Zeit dem Vogelgesang gewidmet sei.

Der Bassbariton Philippe Sly, der 2012 Teilnehmer des Young Singers Project in Salzburg war, wird den posthum heiliggesprochenen Franziskus auf der Bühne verkörpern. „An diesem Stück habe ich sehr lange gearbeitet, es sehr lange vorbereitet, sehr früh damit begonnen.“ Jeden Tag müsse man dranbleiben, um diese „enorme Rolle“ zu erarbeiten. Bei aller Herausforderung hat dieses Werk „in Wirklichkeit etwas sehr Sanftes, Weiches, gar
Ergonomisches für die menschliche Stimme“, die sich fast „an die Sprachmelodie schmiegt“. Dabei spürt Sly stark, „dass Messiaen die menschliche Stimme liebte. Es ist eine Freude, diese Rolle zu singen.“ Er betont, es sei wichtig, während der Proben „ständig neu zu befragen, wie man diese Oper umsetzt. Das ist kein passiver, sondern ein durchgehend aktiver Prozess. Und ich glaube, dass das gesamte Team sich diese Verantwortung auch zu
Herzen nimmt.“ Dirigent Maxime Pascal hebt hervor: „Der mittelalterliche Chorgesang ist eine der wichtigsten Inspirationsquellen für Messiaens Vokalität und damit für die Stimmführung. Dabei wechseln sich vom Orchester begleitete Gesangspassagen mit Monodien ab.“ Messiaen hat „diesen gregorianischen Gesang zu etwas Gigantischem und Kosmischem weiterentwickelt“. Der Probenphase in Salzburg hat Maxime Pascal einen
zehntägigen Aufenthalt in Wien vorangestellt, um mit den Wiener Philharmonikern „jeden Aspekt des Stücks im Detail auszuarbeiten“.

„Die Felsenreitschule ist ein Raum, den ich liebe“, sagt Romeo Castellucci, der am selben Ort 2018 die Salome inszenierte. „Sie ist kein herkömmliches Theater. Außerdem erinnert die Felsen-Kulisse an den Berg La Verna, auf dem Franziskus die Stigmata, die Wundmale Christi, empfing.“

Videos

4. Dezember 2025
Saint François d’Assise | Salzburger Festspiele 2026 – Statement Maxime Pascal
4. Dezember 2025
Saint François d’Assise | Salzburger Festspiele 2026 – Statement Romeo Castellucci
Saint François d’Assise | Salzburger Festspiele 2026 – Statement Maxime Pascal
Saint François d’Assise | Salzburger Festspiele 2026 – Statement Romeo Castellucci