Nachruf zum Tod von Herbert Blomstedt
Mit Herbert Blomstedt ist eine der großen Dirigentenpersönlichkeiten unserer Zeit im Alter von 99 Jahren gestorben. Die Salzburger Festspiele blicken mit großer Dankbarkeit auf die künstlerischen Begegnungen mit ihm zurück. Über mehr als vier Jahrzehnte hinweg hat er dem Festspielpublikum musikalische Sternstunden geschenkt und dabei Werke immer wieder in ihrer ganzen Tiefe und Lebendigkeit erfahrbar gemacht.
„Herbert Blomstedt gehörte zu jenen Künstlern, deren Autorität keiner großen Geste bedurfte. Seine Bescheidenheit, seine menschliche Zugewandtheit und seine kompromisslose Hingabe an die Musik waren ebenso beeindruckend wie seine künstlerische Größe. Er verstand es, Werke mit analytischer Präzision zu durchdringen und ihnen zugleich eine unvergleichliche Lebendigkeit zu verleihen. Dass er bis ins hohe Alter mit einer solchen geistigen und körperlichen Frische auf dem Podium stand, war bewundernswert. Wir werden ihn als großen Musiker und als außergewöhnlich liebenswerten Menschen in Erinnerung behalten“, sagt das Direktorium der Salzburger Festspiele.
Es war eine seltene Verbindung von künstlerischer Souveränität und persönlicher Bescheidenheit, die Herbert Blomstedt auszeichnete. Er brauchte weder große Gesten noch äußeren Nachdruck, um ein Orchester in seinen Bann zu ziehen. Seine Interpretationen lebten von einer außerordentlichen Genauigkeit im Umgang mit der Partitur, von analytischer Schärfe und zugleich von einer Unmittelbarkeit, die Musik immer wieder neu und unverbraucht erscheinen ließ. Dabei war ihm jede Form von Eitelkeit fremd. Wer ihn auf dem Podium erlebte, begegnete einem Dirigenten, der mit freundlicher Ernsthaftigkeit, wachem Blick und einem beinahe jungenhaften Lächeln mit den Musikern kommunizierte. Noch nach einem enthusiastisch gefeierten Konzert konnte es geschehen, dass er, sichtlich beschwingt von der Musik, die Stufen des Podiums hinunterhüpfte. Diese ansteckende Freude am Musizieren war vielleicht eines seiner schönsten Markenzeichen.
Sein Debüt bei den Salzburger Festspielen gab Herbert Blomstedt 1976 am Pult der Staatskapelle Dresden, deren Chefdirigent er damals war. Auf dem Programm standen Werke von Paul Hindemith, Frank Martin und Ludwig van Beethoven. Bereits dieser erste Auftritt fand großen Anklang bei Publikum und Kritik. 1990 gastierte erstmals das San Francisco Symphony Orchestra unter seiner Leitung in Salzburg. Mit Anton Bruckners Dritter Symphonie gelang Blomstedt eine bemerkenswerte Deutung, die den Blick auf die Modernität und innere Dramatik des Werkes lenkte.
Nach längerer Abwesenheit kehrte er 2010 mit dem Gustav Mahler Jugendorchester nach Salzburg zurück. 2014 dirigierte er erstmals die Wiener Philharmoniker bei den Festspielen, als er kurzfristig für Riccardo Chailly einsprang. Die Rezension des „Standard“ brachte die Qualität dieses Einspringens auf eine ebenso treffende wie humorvolle Formel: „Da Bruckners monumentale 8. Symphonie intendiert war, stellte es jedoch eine grobe Unhöflichkeit dar, Herbert Blomstedt als Ersatz zu bezeichnen.“
Ein besonderer Höhepunkt war das Abschlusskonzert der Festspiele 2016 mit dem Gewandhausorchester Leipzig und dem Pianisten András Schiff. Blomstedts Beethoven-Interpretation wurde vom Publikum enthusiastisch gefeiert. Sein letzter Auftritt bei den Salzburger Festspielen fand im Sommer 2024 statt: Mit den Wiener Philharmonikern dirigierte der damals 97-Jährige im Großen Festspielhaus unter anderem Felix Mendelssohns Lobgesang. Insgesamt stand er bei den Festspielen 18-mal am Pult, mit fünf verschiedenen Orchestern. Zwölfmal dirigierte er die Wiener Philharmoniker.
Eine besondere Nähe verband Herbert Blomstedt mit der Musik Anton Bruckners. Seine Aufnahmen der Bruckner-Symphonien ebenso wie jene der Werke Beethovens gelten als Referenzaufnahmen. Aus seiner tiefen persönlichen Gläubigkeit schöpfte er eine Haltung, die sein Musizieren wesentlich prägte. Musik war für ihn weit mehr als die vollendete Wiedergabe einer Partitur: Sie war eine Form der Auseinandersetzung mit dem Menschlichen und Transzendenten, eine Erfahrung, die er mit den Musikern und dem Publikum teilen wollte.
Herbert Blomstedt hat ein langes, außergewöhnlich erfülltes Künstlerleben geführt. Bis zuletzt blieb er der Musik mit einer Hingabe verbunden, die keine Routine kannte und keine Altersgrenzen zu akzeptieren schien.
Am Großen Festspielhaus wird die schwarze Fahne wehen – als Zeichen der Trauer und in dankbarer Erinnerung an einen Künstler, dessen Musik in Salzburg nachklingen wird.