Jenseits der Klischees

Pressetext zur Neuproduktion Carmen

© SF/Jan Friese

(SF, 9. Juli 2026) „Wir wollen das Innere der Figuren, ihre Psyche, ihre Gefühlszustände erforschen. Alles das, was man nach außen hin oft nicht sieht. Eine Art von Zoom in die Personen hinein.” So beschreibt die Regisseurin und Choreografin Gabriela Carrizo ihren Regieansatz für Carmen, der zugleich Philosophie der von ihr mitbegründeten belgischen Tanzkompanie Peeping Tom ist. Inspiriert vom Kino verwendet Carrizo eine Zoom-Technik: Einzelne Figuren rücken in den Fokus, die Zeit wird gedehnt, und innere Zustände werden durch Bewegung, Licht und Klang sichtbar gemacht. Dies soll die Psychologie vor allem von Carmen und Don José vertiefen, ihre Widersprüche hervorheben und dem Publikum ein Erleben zwischen Realität und Surrealität, Härte und Poesie ermöglichen.

Charlie Skuy, Mitglied von Peeping Tom und choreografischer Mitarbeiter der Produktion, beschreibt die Bühne als einen lebendigen, organischen Körper. Die Herausforderung bestehe darin, über 100 Mitwirkende – Sänger·innen, Tänzer·innen, Darsteller·innen, den großen Chor und Kinderchor – in diese Körperlichkeit zu integrieren. Regisseurin Carrizo ergänzt: „Prinzipiell arbeiten wir mit einer extremen Körperlichkeit. Manchmal wird der Körper der Tänzer·innen so stark transformiert, dass sie mehr als nur ein menschlicher Körper sind. Wir versuchen, die inneren Zustände der Figuren, die auf der Bühne agieren, noch zu verstärken. Zum Beispiel: Ein Tänzer dient als Alter Ego für Don José. Gleichzeitig mit dem Sänger verkörpert er die Psychologie der Rolle auf eine zusätzliche metaphorische Art und Weise.“ In diesem Grenzbereich zwischen verschiedenen Realitätsebenen werde gearbeitet. Diesem Ansatz entsprechend, verzichtet Carrizo auf realistische Sevilla-Schauplätze zugunsten eines abstrakten „Landschaftsorganismus“: „Es gibt aber auch durchaus Momente, in denen wir spanische Elemente haben, zum Beispiel in Form von originalen Torero-Kostümen. Das ist wie ein Duft von Spanien, der das Ganze durchweht. Bizet selbst war übrigens nie in Spanien. Es ist wie in einem Traum. Im Traum hat man so eine gewisse Ahnung von etwas und fragt sich: Woher kommt denn das? Das ist die Art von Gefühl, das wir in Bezug auf Sevilla vermitteln wollen.“

Die Regisseurin versteht die Geschichte von Carmen und Don José als hochaktuell. Don José will sie nicht einfach als Macho zeigen, sondern als ein von seinem familiären Kontext, gesellschaftlichem Druck und männlicher Gewalt um ihn geprägtes Individuum. Carrizo spricht Femizid an, der in der Oper ein wiederkehrendes Thema und in vielen Gesellschaften – besonders auch in ihrer Heimat Argentinien – traurige Realität ist. Sie möchte traditionelle Darstellungen von Männlichkeit und Weiblichkeit dekonstruieren und die Machtstrukturen aufzeigen, die Gewalt nähren. Generell könne die Produktion das Publikum dazu anregen, neue Perspektiven einzunehmen und sich vom traditionellen Rollenbild der Carmen zu lösen.

Jonathan Tetelman verkörpert Don José in dieser Inszenierung zunächst als freundlichen, mitfühlenden Menschen, der nach Liebe, nach Anerkennung sucht. Die Entwicklung Don Josés vom liebevoll-leidenschaftlichen zum obsessiv-aggressiven Mann wird auch in der Musik deutlich. „Die eher distanzierte Bewunderung für Micaëla am Anfang explodiert mit Carmen in leidenschaftliche Besessenheit, die ihn letztendlich zu dem werden lässt, was er am meisten fürchtet“, so Tetelman. Und Carrizo unterstreicht: „Es geht darum, diesen Don José als komplexes Individuum zu zeigen, als Individuum mit all seinen Widersprüchen – es geht darum, den Menschen auf die Bühne zu bringen. Dabei soll der Blick nicht nur auf seine psychische Struktur, sondern auch auf sein Umfeld gerichtet werden. So ist etwa seine Mutter sehr wichtig für ihn, und man wird sie auf der Bühne immer wieder sehen. Zudem lebt Don José als Soldat in einem Kontext der Gewalt und ist kontinuierlich mit anderen Männern konfrontiert.“ Carrizo betrachtet Carmen und José nicht als Figuren der Vergangenheit, sondern als heutige Menschen. Es sei wichtig, dass man sich zu beiden emotional in Verbindung setzen könne.

Was die Titelfigur angeht, möchte Gabriela Carrizo eine neue, nicht herkömmliche Carmen erschaffen, die über das bekannte Bild hinausgeht. Sie arbeitet eng mit Asmik Grigorian zusammen, um die Rolle aus einer weiblichen Perspektive neu zu definieren. Carmen könnte im Grunde jede Frau sein, hier und heute, die Frau von nebenan. „Wir haben hier einen großen Glücksfall in der Besetzung mit Asmik Grigorian und Jonathan Tetelman. Sie sind beide großartige Menschen und hervorragende Sänger. Carmen ist für Asmik ein Rollendebüt. Wir wollen herausfinden: Wer ist diese Carmen? Ich verlasse mich in diesem kreativen Prozess sehr auf Asmiks darstellerische Instinkte.“ Carrizo deutet an, dass die Inszenierung mit dem Ende der Oper auf eine besondere Art und Weise umgehen werde, ohne Details zu verraten. Carmens Akzeptieren ihres Schicksals lässt sich als ultimativer Ausdruck ihrer Freiheit und ihrer Kontrolle über das eigene Leben interpretieren: „Es geht um eine andere Sichtweise auf die Liebe, und zwar Liebe im größeren Sinn – nicht nur zu einem bestimmten Menschen, einem Partner, sondern Liebe zur Menschheit, Liebe zum Universum.“

 

Fotos zum Pressegespräch finden Sie hier: https://www.salzburgerfestspiele.at/fotoservice/terrassentalk-carmen-2026

 

Georges Bizet (1838–1875)
Carmen

Opéra-comique in vier Akten
(entstanden 1873–1875, uraufgeführt 1875)

Libretto von Henri Meilhac und Ludovic Halévy
nach der Novelle Carmen von Prosper Mérimée

Neuinszenierung

 

LEADING TEAM

Teodor Currentzis Musikalische Leitung
Gabriela Carrizo (Peeping Tom) Regie / Choreografie
Christof Hetzer Bühne / Kostüme
Tom Visser Licht
Raphaëlle Latini Mitarbeit Regie
Charlie Skuy Mitarbeit Choreografie
Christian Arseni Dramaturgie

BESETZUNG

Asmik Grigorian Carmen
Jonathan Tetelman Don José
Kristina Mkhitaryan Micaëla
Davide Luciano Escamillo
Iveta Simonyan Frasquita
Anita Monserrat Mercédès
Matthias Winckhler Zuniga
Liviu Holender Moralès
Michael Arivony Le Dancaïre
Mingjie Lei Le Remendado
Eurudike De Beul, Amparo Cortés, Fons Dhossche, Boston Gallacher, Balder Hansen, Chey Jurado, Seungwoo Park, Romeu Runa, Eliana Stragapede Performer·innen von Peeping Tom

ENSEMBLES

Utopia Choir
Vitaly Polonsky Choreinstudierung
Bachchor Salzburg
Michael Schneider
Choreinstudierung
Salzburger Festspiele und Theater Kinderchor
Wolfgang Götz, Regina Sgier Choreinstudierung
Utopia Orchestra

 

Premiere: 26. Juli, sieben weitere Aufführungen bis 26. August
Großes Festspielhaus

 

https://www.salzburgerfestspiele.at/p/carmen-2026

mehr dazu weniger anzeigen

Podcasts

9. Juli 2026
TerrassenTalk Carmen 2026

  • TerrassenTalk Carmen 2026 44m 29s
Keine Honorarpflicht bei aktueller Berichterstattung über die Salzburger Festspiele und Nennung des Fotocredits.