Die Last des Schweigens
Antike Mythologie, verwoben mit der Gegenwart: In Europa nach Wajdi Mouawads Europa’s Pledge fragt Regisseur Krzysztof Warlikowski nach der Vererbung traumatischer Ereignisse.
Europa. Ein Kontinent, dessen Name auf der Geschichte des Raubes einer phönizischen Prinzessin, die von Zeus in Gestalt eines weißen Stieres entführt und nach Kreta gebracht wird, beruht. In Europa’s Pledge von Wajdi Mouawad entpuppt sich, was auf den ersten Blick wie ein Regress auf Ursprünge antiker Erzähltraditionen erscheint, als schonungslose Befragung der Geschichte und Gegenwart des „Mythos Europa“. Im alten Europa, wie auch in der Gegenwart, sind wir mal als Opfer, mal als Täter, mal aus der Nähe, mal aus der Ferne in traumatische Ereignisse verstrickt.
Fern der Heimat. In der antiken Mythologie erfährt Europa keine Heimkehr, sie bleibt die Entführte, die Verschleppte, die Fremde, eine Figur, die nicht zurückkehrt, sondern an einem anderen Ort ein neues Leben beginnt. Entwurzelung ist auch das zentrale Thema im Werk des libanesisch-kanadischen Autors Mouawad, dessen Stücke uns um Fragen nach Herkunft, kultureller Identität und Gemeinschaftsgefühl drehen. Seine Texte befassen sich mit dem kollektiven Erbe von Gewalt und Krieg, mit der Verdrängung von Geschichte und traumatischen Erfahrungen.
Mouawad, 1968 im Libanon geboren und später mit seiner Familie über Paris nach Québec geflüchtet, gehört zu den bedeutendsten Dramatikern der Gegenwart. Seine Arbeiten sind geprägt durch die Erfahrungen von Krieg und Exil. Er ist Leiter des Théâtre National de la Colline und Inhaber eines neu eingerichteten Lehrstuhls am Collège de France, der sich den Sprachen und Kulturen Europas widmet. Sein internationales Renommee verdankt er nicht zuletzt Incendies, der Oscar-nominierten Verfilmung seines gleichnamigen Stücks, durch Denis Villeneuve.
Aufarbeitung eines Traumas. Der Wunsch „Theater zu machen, erwuchs aus der Tragödie“, und so entspringen seine Stücke der intensiven Auseinandersetzung mit antiken Prätexten. Mouawad nimmt auch die für das griechische Theater typischen Verfahren, wie jenes der Katharsis, wieder auf und versteht das Theater als einen Ort der Aufarbeitung und Heilung. Mythologische Grundlagen verschränkt er dabei mit modernen Erzählungen. Auch Europa’s Pledge, das im Sommer 2025 beim Epidaurus-Festival uraufgeführt wurde, folgt diesem Ansatz, wobei hier der dramatische Ausgangspunkt ein Massaker ist, das von einer achtjährigen Zeugin erlebt wurde, ist als Untersuchung dazu gezwungen, sich zu erinnern und das Schweigen zu brechen, dabei werden vergangen geglaubte Wunden wieder aufgerissen. Nicht das Massaker an sich, sondern dessen Folgen, die über mehrere Generationen beobachtet werden können, und welche Last das Schweigen birgt, stehen im Zentrum.
Individuelle Erinnerungen und kollektive Geschichte lassen sich nicht mehr eindeutig zuordnen. Es geht um das gegenwärtig immer häufiger verhandelte Thema generationeller Traumata, die wiederkehrende Gewalt in Form von Kriegen, Völkermorden und Massakern an der Zivilbevölkerung, die Frage nach Schuld und Unschuld, nach Tätern und Opfern, nach Verantwortung in einem System, das von Gewalt geprägt ist. Wie viel Schuld trägt man, ohne direkt beteiligt gewesen zu sein, und welche Spuren hinterlässt dies?
Mythos als ewige Präsenz. Das Stück wurde vom polnischen Regisseur Krzysztof Warlikowski, der häufig mit Mouawad zusammenarbeitet, inszeniert. Er ist bekannt für seine Arbeiten an der Schnittstelle von Geschichte und Gegenwart, in denen er historisches Material mit zeitgenössischen Themen verbindet. Immer wieder führt er antike Stoffe mit modernen Konflikten zusammen und stellt Fragen von Schuld und Verantwortung ins Zentrum. In Salzburg zeichnete er bislang vor allem als Opernregisseur, unter anderem für Elektra, Der Idiot oder Macbeth, verantwortlich, nun gibt er sein Debüt im Schauspiel. Die Produktion des Warschauer Nowy Teatr, dessen künstlerischer Leiter Warlikowski ist, wird als Gastspiel in polnischer Sprache mit deutschen und englischen Übertiteln gezeigt.
Europa’s Pledge zielt nicht auf eine unmittelbare Kommentierung aktueller politischer Ereignisse ab, sondern legt eine tiefere Schicht frei: jene „urzeitliche Ordnung des Tötens“, die bis in mythische Zeiten zurückreicht und die Mouawad in den Gewalttaten der Götter angelegt sieht und die sich, so seine These, in den Massakern der Moderne fortsetzt. Der Mythos wird hier nicht aktualisiert, sondern als strukturelles Modell gelesen, das die Erzählungen Europas bis heute prägt.
Die Vorstellung behandelt Themen wie Krieg, Trauma, Verlust und Tod. Sie enthält Darstellungen verschiedener Formen von Gewalt, darunter psychische, physische und sexuelle Gewalt. Die Aufführung ist daher für Kinder und Jugendliche nicht empfohlen.