Der Menschenfeind – ein Kampfplatz, und wir schauen zu
Molières Held rebelliert gegen eine von Heuchelei geprägte Gesellschaft. Regisseurin Jette Steckel findet, das lässt sich gut auf die Welt der Salzburger Festspiele übertragen.
Molière war verbittert. Der große Theaterskandal, in dessen Mittelpunkt er stand, lag erst einige Monate zurück. Sonnenkönig Ludwig XIV. hatte sich die Uraufführung seiner Komödie Der Tartuffe oder Der Betrüger im Schloss Versailles angesehen – und sie tatsächlich verbieten lassen. So drastisch hatte der Dichter darin die religiöse Heuchelei vorgeführt, dass er nicht nur die Königinmutter vor den Kopf gestoßen hatte, sondern vor allem auch die mächtige katholische Gesellschaft des Heiligen Sakraments, die im Namen der Religion gegen alles Mögliche vorging, von zu weiten Dekolletés bis zum Tabakkonsum.
Wegen Ehrlichkeit vor Gericht. In dieser Stimmung des verletzten Künstlers begann Molière 1664 sein Stück Der Menschenfeind oder der verliebte Melancholiker – und schuf damit in der Theatergeschichte ein neues Genre, die ernste Komödie. Verkörperte der „Tartuffe“ die religiöse Heuchelei, prangert Alceste, der titelgebende Menschenfeind, eine andere Art von Heuchelei an: und zwar eine gesellschaftliche Kultur, in der Schmeicheln und Lügen im Zeichen der Höflichkeit nicht nur zum guten Ton gehören, sondern essenzieller Teil des Verhaltenskodex sind, ja, Grundvoraussetzungen jedes gesellschaftlichen Reüssierens. Er selbst will sich partout nicht fügen, rennt rüde dagegen an und ist damit von vornherein zum Scheitern verurteilt. Ja, er landet sogar vor Gericht – nur weil er das miese Gedicht eines Höflings nicht lobt, sondern verreißt. Was seine Misere noch vergrößert, ist, dass er widersprüchlich fühlt und agiert: Er liebt ausgerechnet die junge, kokette Célimène, die diese höfische Umgangskultur perfekt beherrscht und geschmeidig für sich zu nutzen weiß. Nicht zuletzt macht den Menschenfeind zu einer tragikomischen Figur. Man kann in ihm auch gewisse autobiografische Züge des Dichters erahnen – der die Figur bei der Uraufführung selbst spielte. Diesmal gab es keinen Skandal.
Molières Klassiker ist Teil des diesjährigen Schauspielprogramms, das Markus Hinterhäuser selbst verantwortet – es ist so interessant geraten wie seit Jahren nicht. Man kann sich auf den rasanten verbalen Schlagabtausch zwischen den Figuren in der so lebendigen Übersetzung von Frank-Patrick Steckel freuen, die das Alexandriner-Versmaß gewissermaßen wahrt, ohne dass man es hört. Und man kann sich freuen, dass es Jette Steckel ein Anliegen ist, das Publikum diesen „sprachlichen Kampfplatz“ erleben zu lassen. Unter anderem auch dadurch, dass es rund um die Bühne sitzen wird wie in einer Arena.
„Nein. Ich ertrag sie nicht, die tückische Methode, die bei deinesgleichen jetzt überall in Mode“, ereifert sich Alceste gegenüber seinem Freund Philinte. „Mein ganzer Abscheu gilt den wendigen Allüren der großen Lieferanten von falschen Treuesschwüren, Den leutseligen Gesten frivoler Küssschengeber, Den sinnentleerten Phrasen wortgewandter Streber, Die, wen sie vor sich haben, durch Höflichkeit bekriegen, Ob Ehrenmann, ob Laffe, sie müssen ihn belügen.“ Molières Held spreche immer wieder Dinge aus, die auch ihr am Herzen liegen, sagt die deutsche Regisseurin Jette Steckel, die das Stück inszeniert. Das sei wohltuend und lustig, aber auch schmerzlich anzuhören – „weil wir spüren, wie weit wir uns zum Teil von einer solchen Kultur der Ehrlichkeit entfernt haben“.
Der „gute Ton“ der Society. Jette Steckel will Beziehungen zwischen Molières Text und unserer Zeit knüpfen, „die sich so weit von etwas, das wir Wahrheit nennen könnten, entfernt hat“. Sie findet aber auch, dass sich die Welt des Menschenfeinds gut in die Wirklichkeit der Salzburger Festspiele lasse. Diese luxuriöse Kulturwelt habe viel mit Society, mit einem bestimmten Ton zu tun. Es sei reizvoll, da „eine Figur auftreten zu lassen, die versucht, sich gegen all das zu stellen“.
Der Grundkonflikt in Molières Stück hat auch mit dem Verhältnis von bürgerlicher und höfischer Gesellschaft zu tun. Molière selbst, mit bürgerlichem Namen Jean-Baptiste Poquelin, war Sohn eines gut situierten Pariser Heimtextilien-Händlers (tapissier), der sich das Amt eines königlichen Raumausstatters kaufte (ähnlich, wie sie es in Wien mit den Hof-Konditoren, Hof-Juwelieren et cetera gab).
Andererseits ist Alceste zwar Adeliger, vertritt aber mit seinem Prinzip der Wahrhaftigkeit im Grunde ein Ideal des reichen Bürgertums, das sich moralisch von der unaufrichtigen Kultur des Hofes und der Pariser Adelsalons abzusetzen versuchte. Andererseits ist Alceste, obwohl Adeliger, nicht Teil des Hofes. Vielleicht hilft, um sich seine gesellschaftliche Position vorzustellen (oder das, was Molières Publikum sich darunter vorstellte), auch der historische Hintergrund der Bürgerkriege, Fronde genannt. Diese jahrelangen (1648 und 1653) Aufstände gegen die königliche Autorität, als Molière sein Stück schrieb, erst gut ein Jahrzehnt zurück. Nach der endgültigen Niederschlagung war die Königsmacht noch weiter gestärkt – und viele Adelsfamilien, die in den Aufständen „auf der falschen Seite“ gestanden hatten, in Ungnade gefallen und vom Hofleben ausgeschlossen. Auch als Angehörigen einer solchen Familie könnte man sich Alceste vorstellen.
Zur Sicherung der absoluten Autorität des Königs diente auch eine spezielle Institution, die Konflikte unter Adeligen beilegte: das sogenannte „tribunal des maréchaux“, das Tribunal der Marschälle. Vor dieses Gericht wird auch Alceste bestellt, nachdem er das Gedicht des Höflings Oronte verrissen hat und dieser sich beleidigt fühlt. Indem Alceste gleich verkündet, dass er dort stolz zu verlieren gedenke, weil er sich nicht wie die anderen bei den Richtern einschmeicheln werde, katapultiert er sich noch weiter ins Aus.
Der „honnête homme“. Schon kleine Fehltritte bewirkten das. In der höfischen Kultur Frankreichs in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts war das gute Verhalten weniger eine Sache der Ethik als des Stils und der gesellschaftlichen Anpassung. Der „honnête homme“ war nicht der „ehrliche, anständige“ Mann, wie man ihn später verstehen würde. Er war vielmehr einer, der perfekt die Konventionen befolgte, die den gesellschaftlichen Umgang regelten.
„Der kranke Konformismus zeigt sich bis zum Exzess an dem Halunken, welcher mein Gegner im Prozess“, wettert Alceste gegen Oronte. „Durch seine Maske grinst schamlos der Intrigant … Sein staatsmännischer Blick, sein dicker Phrasenkleister täuscht keinen mehr …“ Und doch ist es Oronte, der das Gerichtsverfahren gewinnen wird.
Alceste ist eine Figur, die vor den Augen des Publikums zwischen Komik und Tragik hin und her taumelt, weil sein Hass letztlich so fruchtlos, sein Anrennen gegen die Gesellschaft so vergeblich ist, aber auch, weil er als unglücklich in Célimène Verliebter immer wieder in Widerspruch mit sich selbst gerät. Sein Freund Philinte macht sich ebenfalls keine Illusionen über die Menschheit, aber er rät zur gelassenen Akzeptanz: „Erscheinet es dir vernünftig, in der Menschenwelt tausenden zu sagen, was man von ihnen hält?“ Und überhaupt: „Der Mensch von heute ist ein Spiegel seiner Zeit; es wäre eine Torheit, ließ man sich verführen, zu glauben, es sei möglich, die Welt zu korrigieren … Der Anblick eines Mannes, der gierig und gemein, kann doch der Vernunft unmöglich schlimmer sein als der eines Geiers, flatternd um ein Aas, bösartiger Affen, Wölfen wild nach Fraß.“ Philinte hat den leichteren Part gewählt. Alceste bleibt nur der Weg, wie er sagt, „in die Wüste“. Und selbst der ist ihm im Grunde verwehrt – denn seine Célimène wird ihn nicht mitgehen.