Alte Abgründe, neue Weltordnung

Pressetext zur Neuproduktion Ariadne auf Naxos

© SF/Andreas Kolarik

(SF, 16. Juli 2026) „Etwas ist aus den Fugen geraten, die Weltordnung hat sich komplett verlagert“, definiert Regisseur Ersan Mondtag den Ausgangspunkt seiner Neuinszenierung von Ariadne auf Naxos, die er im gemeinsamen Gespräch mit Dramaturg Till Briegleb, Dirigent Manfred Honeck und Sopranistin Christina Nilsson näher vorstellt. Die Oper von Richard Strauss und Librettist Hugo von Hofmannsthal entstand während des Ersten Weltkriegs und war ein Spiegelbild der kriegsverschonten Oberschicht, die sich von der leidvollen Realität der meisten Menschen abkapselte. Diese Form einer geschlossenen Gesellschaft haben Mondtag und Briegleb weitergedacht und inszenieren sie als Zeitkapsel auf dem Mars.

Bedrohungsästhetik auf dem Mars

„Die Sehnsucht der Superreichen, sich einen Staat im Staat zu bauen, haben wir als Matrix genommen“, sagt Till Briegleb und nennt Jeff Bezos, Elon Musk oder auch Peter Thiels Sonderentwicklungszone Próspera auf der honduranischen Insel Roatán als reale Beispiele. Der Dramaturg, Journalist und Kritiker arbeitet bereits seit 2018 mit Ersan Mondtag zusammen und führt zu ihrer gemeinsamen interdisziplinären Arbeit aus: „Wir versuchen immer, Opernstoffe mit einer gewissen politischen Dimension neu zu interpretieren.“ Mondtag und Briegleb verarbeiten in Ariadne auf Naxos die Folgen von Turbokapitalismus und Astro-Fantasien und versetzen die Oper an einen neuen Schauplatz: Aus der „wüsten Insel“ Naxos wird der Wüstenplanet Mars. Die Figuren sind Teil einer in sich abgeschlossenen Gesellschaft, die die Erde hinter sich gelassen und sich eine neue Ordnung aufgebaut hat. Um diesen Raum zu schützen, gibt es Sicherheitskräfte und Wachen: „Wir bauen eine gewisse Bedrohungsästhetik auf. Es gibt Uniformen, die bis ins letzte Detail – bis hin zu den Bademänteln der Darsteller·innen – durchkodiert sind. Es gibt ganz viele Ein- und Ausgänge in dieser Architektur, aber über dem Ganzen ist ein Kontrollstaat errichtet“, erklärt Ersan Mondtag.

Atmosphärischen Einfluss auf die Inszenierung und das Bühnenbild hatten verschiedene Ausformungen von abgeschotteten Zeitkapseln: Schutzbunker zu Kriegszeiten, Sakralbauten aller Religionen oder auch fiktive Beispiele wie aus Emir Kusturicas Film Underground oder das Schloss von Dracula. Ersan Mondtag vergleicht das Bühnenbild mit einer Art Sakralbau und fügt hinzu: „Wir haben uns an der Architektur und an den Bögen von Salzburg orientiert und auch an den Farben vom Haus für Mozart. Dadurch verbindet sich die Bühne gut mit dem Zuschauerraum.“ Nach dem Vorspiel wird es eine Pause geben, die für den Umbau benötigt wird: „Die Architektur im zweiten Teil bleibt dieselbe wie im ersten Teil, aber ins Innere kommt ein Bühnenbild für die Oper in der Oper, für die Aufführung in der Aufführung.“ Die Inszenierung führt „die Wüste in ein Schneeland“ über, mit einer frierenden Ariadne und verhungerten Tierkadavern (Elefant, Löwe und Affe). Dieses Bild „ist natürlich ein Hinweis auf die Gegenwart und die potenzielle Zerstörung der Natur“. Dem Regisseur ist es wichtig, die Ernsthaftigkeit zu betonen: „Man kann das Original als Ironie auf die Oper lesen. Der zweite Teil der Oper eröffnet eine spannende Reibung: Ist das jetzt ironisch gemeint oder nicht? Das lassen wir bewusst in der Schwebe. Aber wir arbeiten nicht mit Ironie. Unsere Anordnung auf dem Mars ist nicht ironisch. Wir haben komplexe Marslandschaften gebaut: Im Hintergrund sieht man Titanen aus Metall, die 100 Meter hoch sind und den Mars seiner Ressourcen berauben; es gibt eine Fahrt durchs Universum; eine Art Hermes-Gestalt kommt mit einem Raumschiff an – diese Welt haben wir gebaut und beziehen uns auf den sehr ernsten Aspekt von Strauss’ Musik.“ Für den Traum einer neuen Gesellschaft zerstören die Menschen die Erde, so Till Briegleb. Doch schnell entspinnt sich „trotzdem ein Gesellschaftssystem, das alle Ebenen von Erotik, von Liebe, von Feindschaft, von Neid, von Egoismus, die wir alle aus unserer Gesellschaft hier kennen, auch in dieser Zeitkapsel reproduziert. Und dadurch haben wir tatsächlich versucht diesen Begriff der Zeitkapsel bis hin zur Architektur weiterzuführen.“

„Klischeehafte Rollen sind dafür da, dass man sie zerschlägt“

Inmitten dieser Zeitkapsel auf dem Mars: Ariadne. Die Titelpartie wird von der schwedischen Sopranistin Christina Nilsson gesungen, die mit der Doppelrolle Primadonna / Ariadne ihr Debüt bei den Salzburger Festspielen geben wird. „Strauss bringt die Schönheit der Stimme zur Geltung und lässt einen sein ganzes Spektrum nutzen. Er bedient alle Klangfarben“, schwärmt Nilsson auf die Frage hin, was Strauss’ Musik für sie ausmache. Während sie die Primadonna als „nicht die netteste Person“ beschreibt, bestärkt sie die Vielschichtigkeit Ariadnes: „Zwar ist sie die Frau, die verlassen wurde, jedoch ist sie nicht deprimiert. Es beginnt so still und wunderschön mit einer Erinnerung. Ich sehe bei ihr so viel Kraft, Stärke und Entschlossenheit. Sie ist eine Frau, die wieder zum Leben erwacht. Das lässt sich musikalisch wunderbar herausarbeiten.“ Und Till Briegleb betont: „Oftmals wird sie auf die Todessehnsucht reduziert. Ich finde, das ist komplett falsch. Wenn man Hofmannsthals Libretto in Bezug auf Ariadne wirklich sauber liest, entdeckt man unterschiedliche Facetten. Ihre Kindheitserinnerungen, ihre Reinheit, ihre Leichtigkeit. Und auch der Tod, den sie sich vorstellt, ist eigentlich ein Übergang in eine Welt, den sie als Mysterium begreift. Es ist eine permanente Auseinandersetzung auf die Frage, wie man mit dem Tod umgehen kann.“ Ersan Mondtag lässt die verschiedenen Facetten Ariadnes in Form von Tänzer·innen sichtbar werden, die den Gefühlsregungen einerseits Ausdruck verleihen und andererseits mit der Figur interagieren. „Es ist wie ein Organismus“, beschreibt Christina Nilsson. „Wenn ich singe, übernehmen die Tänzer·innen und vergrößern den Ausdruck.“

Den Figuren in Ariadne auf Naxos haften Klischees an, die Ersan Mondtag und Till Briegleb durchbrechen: „Solche klischeehaften Rollen sind dafür da, dass man sie zerschlägt“, bekräftigt der Regisseur. „Bei uns sind die Frauen alle sehr stark. Es ist ein Relikt der Zeit, Frauenfiguren als schwach darzustellen. Man kann sie mit ganz einfachen Kniffen umdeuten und das haben wir konsequent durchgezogen.“ Außerdem weist Mondtag auf die Liebesgeschichte zwischen den Figuren Zerbinetta und dem Komponisten hin, die eigentlich eine Liebesgeschichte zweier Frauen sei. Der Komponist ist eine Frauenrolle, die hier mit Kate Lindsey besetzt ist. „Da wir die Figurenmatrix dekonstruieren und Kate als Kate sichtbar machen“, erzählt die Inszenierung diese Liebesgeschichte so, wie sie bereits „auf der Meta-Ebene der Komposition“ zu finden sei. Till Briegleb ergänzt, man wolle die Rollen nicht nur umdeuten, sondern durch Übertreibung verdeutlichen, „welche Strukturen in dieser Opera buffa verhandelt werden“.

Eine „enorme Farbpalette“: Richard Strauss’ Klangsprache

Der Dirigent Manfred Honeck ist ausgewiesener Richard Strauss-Experte und sieht die starken Frauenfiguren auch in der Musik „sehr klar angelegt“. In Le nozze di Figaro von Wolfgang Amadeus Mozart – einem Vorbild für Strauss – sei „Cherubino ja auch kein Mann. Wie Strauss diese Idee kopiert und den Komponisten als Frau angelegt hat, ist faszinierend“. Zerbinetta stellt ihre Verführungskünste durch Koloraturen dar, und überrascht dann mit berührenden, zarten Momenten. „Unglaublich, wie Strauss diese quirlige Frau in Musik umsetzt“, erläutert Honeck und erinnert sich an Edita Gruberová als Zerbinetta in einer Wiener Ariadne-Aufführung, in der er in den 1970er-Jahren selbst als Wiener Philharmoniker mitspielte. „Diese Herausforderung bringt eine enorme Farbpalette: Dramatik, Koloratur, Leidenschaft, Ernsthaftigkeit und Mozart’sche Stimmführung, alles ist da. Beim Komponisten ist es genauso.“ Über die Salzburger Inszenierung von Ariadne auf Naxos sagt er: „Es ist keine Kopie der Uraufführung, sondern spielt hier in Salzburg im Jahr 2026. Es ist schön, dass wir mit der Zeit gehen und andere Einflüsse zulassen.“ Der Griff nach den Sternen und die Verlegung auf den Mars brachten für ihn die faszinierende Frage mit sich, wie er das Regiekonzept mit der Musik verbinden könne. „Ersan war sehr offen für Ideen, wie man das musikalisch auf die Bühne bringt.“ Teil der Inszenierung ist ein Quintett im Stil der Band Kraftwerk. Außerdem „haben wir einen Klangkörper auf die Bühne gebaut. Das Bühnenbild funktioniert wie ein Lautsprecher für die Musik“, fügt Ersan Mondtag hinzu. Mit der Suche nach den geeigneten Sänger·innen begann Manfred Honeck bereits vor zwei Jahren. „Es sind alle unglaublich motiviert und passen gut zueinander“, resümiert der Dirigent zufrieden.

Manfred Honeck ist den Salzburger Festspielen bereits „seit einem Vierteljahrhundert verbunden“, wie Interimsintendantin Karin Bergmann in ihrer Begrüßung hervorhebt. Fast ebenso lange, nämlich seit 2008, ist Honeck Chefdirigent des Pittsburgh Symphony Orchestra, mit dem er am 27. August im Großen Festspielhaus konzertieren wird. Auf die Frage hin, was ihn an Richard Strauss’ Musik fasziniere, stellt er die „Durchsichtigkeit“ heraus, die Strauss von Mozart „in diese Orchestrierung hineingenommen hat“. Zugleich ist er begeistert von der kammermusikalischen Qualität, die Strauss mit „üppiger, orchestraler Gestik“ zu kombinieren vermag. „Ich liebe diese Sprache, diese Hintergründigkeit. Seine Tondichtungen sind allesamt Opern ohne Stimmen.“ Zum Pressegespräch hat Honeck einen Ariadne-Stimmauszug aus dem Archiv der Wiener Staatsoper mitgebracht. Wie in einer Chronik hätten sich die Musiker darauf verewigt, so etwa: „Nowak, 1947. Da steht: ‚Frieden‘. Und dann: ‚1954 noch immer kein Staatsvertrag. 1955 endlich doch der Staatsvertrag.‘ Das ist so authentisch.“ Ariadne auf Naxos war die erste Oper von Festspielmitbegründer Richard Strauss, die vor exakt 100 Jahren bei den Salzburger Festspielen aufgeführt wurde. Am 21. August 1926 dirigierte der Komponist selbst eine Vorstellung. 2026 findet die Premiere von Ariadne auf Naxos am 2. August im Haus für Mozart statt.

 

Fotos zum Pressegespräch finden Sie hier: https://www.salzburgerfestspiele.at/fotoservice/tt-ariadne-auf-naxos-2026-2

 

 

Richard Strauss (1864–1949)
Ariadne auf Naxos

Oper in einem Aufzuge nebst einem Vorspiel op. 60
(entstanden 1911–1912, zweite Fassung uraufgeführt 1916)

Libretto von Hugo von Hofmannsthal

Neuinszenierung

 

LEADING TEAM

Manfred Honeck Musikalische Leitung
Ersan Mondtag Regie / Bühne / Kostüme
Franck Evin Licht
Alexander Pannier Video
Ashley Alexandra Wright Choreografie
Till Briegleb Dramaturgie

 

BESETZUNG

Kate Lindsey Der Komponist
Christina Nilsson
Primadonna / Ariadne
Eric Cutler
Der Tenor / Bacchus
Ziyi Dai
Zerbinetta
Johannes Silberschneider
Der Haushofmeister
Christoph Pohl
Ein Musiklehrer
Jonas Hacker
Ein Tanzmeister
Blaž Stajnko*
Ein Perückenmacher
Fabian-Jakob Balkhausen
Ein Lakai
Leon Košavić
Harlekin
Michael Porter
Scaramuccio
Lukas Enoch Lemcke
Truffaldin
Theodore Browne
Brighella
Jasmin Delfs
Najade
Anja Mittermüller*
Dryade
Marlene Metzger
Echo
Fabio Dorizzi
Ein Offizier

 

Wiener Philharmoniker

* Teilnehmer·innen des YSP

 

Premiere: 2. August, fünf weitere Aufführungen bis 28. August
Haus für Mozart

https://www.salzburgerfestspiele.at/p/ariadne-auf-naxos-2026

mehr dazu weniger anzeigen

Podcasts

17. Juli 2026
TerrassenTalk Ariadne auf Naxos 2026

  • TerrassenTalk Ariadne auf Naxos 2026 48m 17s
Keine Honorarpflicht bei aktueller Berichterstattung über die Salzburger Festspiele und Nennung des Fotocredits.